Wernigerode

Ein Name kehrt zurück ins Stadtbild Stolperstein in Wernigerode: Gedenkstunde und symbolische Verlegung in der Friedrichstraße

Wernigerode, 3. Februar 2026 – Die Friedrichstraße wirkt an diesem Wintertag stiller als sonst. Schritte hallen gedämpft über das Pflaster, Stimmen senken sich beinahe automatisch. Vor einem Wohnhaus sammeln sich Menschen, einige mit Blumen in der Hand, andere mit gesenktem Blick. Es ist einer dieser Momente, in denen Geschichte nicht erzählt, sondern gespürt wird – leise, eindringlich, unausweichlich.

Mit der symbolischen Verlegung eines Stolpersteins in der Friedrichstraße ist in Wernigerode ein weiterer Name in das kollektive Gedächtnis der Stadt zurückgekehrt. Der Stolperstein erinnert an Marie Henning, eine Frau, deren Leben und Tod jahrzehntelang kaum jemand kannte – und deren Schicksal nun sichtbar im Stadtbild verankert ist. Die Gedenkstunde machte deutlich, wie eng lokale Geschichte und die nationalsozialistischen Verbrechen miteinander verwoben sind.

Stolperstein Wernigerode: Erinnerung im öffentlichen Raum

Die Stolpersteinverlegung in Wernigerode ist Teil eines europaweiten Erinnerungsprojekts, das der Künstler Gunter Demnig Anfang der 1990er-Jahre ins Leben rief. Die Idee ist ebenso schlicht wie wirkungsvoll: Kleine Messingplatten werden vor den letzten frei gewählten Wohnorten von Menschen verlegt, die unter der nationalsozialistischen Herrschaft verfolgt, deportiert oder ermordet wurden. Wer darübergeht, soll gedanklich stolpern – über einen Namen, ein Datum, ein ausgelöschtes Leben.

Auch in Wernigerode sind diese Steine längst Teil des Stadtbildes. Seit der ersten Verlegung im Jahr 2009 wächst das Netzwerk der Erinnerungsorte stetig. Mit dem neuen Stolperstein in der Friedrichstraße erhöht sich ihre Zahl auf 23, verteilt auf acht Adressen im Stadtgebiet. Jeder einzelne Stolperstein steht für eine individuelle Geschichte – und zugleich für ein System, das Menschen entrechtete, verfolgte und tötete.

Marie Henning: Ein Leben, lange verschwiegen

Der Stolperstein in der Friedrichstraße 93a trägt den Namen Marie Henning. Sie wurde am 11. November 1894 geboren und lebte zuletzt bei ihrem Onkel in diesem Haus. Über ihr Leben ist nur wenig überliefert – ein Umstand, der für viele Opfer des NS-Regimes typisch ist. Was jedoch dokumentiert ist, zeichnet ein erschütternd klares Bild staatlich organisierter Gewalt.

Kennst du das schon?  Neuer Schnellladepark an der A36 bei Wernigerode eröffnet – Deutschlandnetz baut Ladeinfrastruktur für Elektroautos aus

Im Juli 1941 wurde Marie Henning in die Landesheilanstalt Uchtspringe eingewiesen. Wenige Tage später, am 23. Juli 1941, erfolgte ihre Deportation in die Tötungsanstalt Bernburg. Noch am selben Tag wurde sie dort ermordet. Ihr Tod steht im Zusammenhang mit der sogenannten „Aktion T4“, dem systematischen Mord an Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen durch das nationalsozialistische Regime.

Die Aktion T4 gilt als eines der frühen, zentral organisierten Vernichtungsprogramme des NS-Staates. Zehntausende Menschen wurden zwischen 1940 und 1941 in speziellen Anstalten ermordet – meist mit Gas, verborgen vor der Öffentlichkeit, legitimiert durch bürokratische Abläufe und ärztliche Gutachten. Marie Henning war eines dieser Opfer. Ihr Name verschwand, ihr Leben wurde ausgelöscht, ihre Geschichte jahrzehntelang nicht erzählt.

Späte Aufarbeitung, persönliches Gedenken

Dass heute ein Stolperstein in Wernigerode an Marie Henning erinnert, ist vor allem dem Engagement von Angehörigen und lokalen Initiativen zu verdanken. Über Jahre hinweg wurde recherchiert, archiviert, nach Spuren gesucht. Lange Zeit wusste selbst die Familie kaum etwas über ihr Schicksal – ein Umstand, der die nachhaltige Wirkung nationalsozialistischer Verfolgung bis in die Nachkriegsgenerationen hinein verdeutlicht.

Die Stolpersteinverlegung ist deshalb mehr als ein formaler Akt. Sie markiert einen Moment der Rückgabe: eines Namens, eines Ortes, einer Erinnerung. Der Gehweg vor dem ehemaligen Wohnhaus wird so zu einem Ort stiller Konfrontation – für Passanten ebenso wie für die Stadtgesellschaft insgesamt.

Die Gedenkstunde in der Friedrichstraße

Die Gedenkstunde am 3. Februar 2026 war bewusst schlicht gehalten. Keine großen Reden, kein offizielles Zeremoniell, sondern konzentrierte Aufmerksamkeit auf den Anlass selbst. Angehörige, Bürgerinnen und Bürger sowie Vertreter aus dem lokalen Umfeld kamen zusammen, um der Ermordeten zu gedenken.

Kennst du das schon?  Neuer Schnellladepark an der A36 bei Wernigerode eröffnet – Deutschlandnetz baut Ladeinfrastruktur für Elektroautos aus

In kurzen Wortbeiträgen wurde an die Bedeutung der Stolpersteine erinnert: als niedrigschwellige, aber nachhaltige Form des Gedenkens. Sie fügen sich in den Alltag ein, lassen sich nicht umgehen und verlangen keine Eintrittskarte. Gerade darin liegt ihre Stärke – und ihre Zumutung.

Blumen und Kerzen wurden am frisch verlegten Stolperstein niedergelegt. Die Messingplatte glänzte im Winterlicht, noch unberührt von den Spuren des Alltags. Ein stilles Zeichen, das ohne Pathos auskam, aber umso eindringlicher wirkte.

Stolpersteine in Wernigerode: Lokale Geschichte sichtbar gemacht

Wernigerode gehört zu den Städten, die sich frühzeitig an dem Stolpersteinprojekt beteiligt haben. Die verlegten Steine erinnern an unterschiedliche Opfergruppen: jüdische Bürgerinnen und Bürger, politisch Verfolgte, Menschen, die Opfer der NS-Euthanasie wurden. Gemeinsam zeichnen sie ein vielschichtiges Bild der Verfolgung – und machen deutlich, dass die nationalsozialistischen Verbrechen nicht abstrakt, sondern konkret vor Ort stattfanden.

Beispiele für Stolpersteine in Wernigerode:

  • Clara Russo – deportiert nach Theresienstadt und Auschwitz, dort ermordet.
  • Willy Steigerwald – Journalist und Sozialdemokrat, 1938 inhaftiert, 1941 gestorben.
  • Marie Henning – Opfer der NS-Euthanasie, ermordet 1941 in Bernburg.

Diese Namen stehen stellvertretend für viele weitere, deren Geschichten entweder fragmentarisch überliefert sind oder vollständig verloren gingen. Die Stolpersteine ersetzen keine historische Aufarbeitung, doch sie schaffen Anknüpfungspunkte – im Stadtraum, im Alltag, im Bewusstsein.

Zwischen Alltag und Verantwortung

Die Stolpersteinverlegung in der Friedrichstraße zeigt, wie Erinnerung im öffentlichen Raum funktionieren kann: unaufdringlich, aber präsent; lokal verankert, aber historisch weitreichend. Der Stolperstein Wernigerode fügt sich ein in ein Netz kleiner Mahnmale, die zusammen eine große Erzählung ergeben – die der Verantwortung gegenüber der Vergangenheit.

Kennst du das schon?  Neuer Schnellladepark an der A36 bei Wernigerode eröffnet – Deutschlandnetz baut Ladeinfrastruktur für Elektroautos aus

Wer künftig über den Gehweg der Friedrichstraße geht, wird den Namen Marie Henning vielleicht beiläufig lesen oder bewusst wahrnehmen. In beiden Fällen erfüllt der Stein seine Aufgabe. Er erinnert daran, dass hinter jeder Adresse, hinter jedem Namen, ein Mensch stand – mit einem Leben, das gewaltsam beendet wurde.

Die Gedenkstunde und die symbolische Stolpersteinverlegung in Wernigerode sind kein Abschluss, sondern Teil eines fortlaufenden Prozesses. Erinnerung ist nicht statisch, sie verlangt Pflege, Aufmerksamkeit und Wiederholung. Der Stolperstein in der Friedrichstraße ist ein kleines, aber dauerhaftes Zeichen dafür, dass diese Verantwortung angenommen wird – Schritt für Schritt, Name für Name.

Weiteres aus der Rubrik
Über den Autor

Berichte und Artikel

Ich bin im Herzen des Harzes aufgewachsen; Diese mystische und sagenumwobene Region inspirierte mich schon früh. Heute schreibe ich aus Leidenschaft, wobei ich die Geschichten und Legenden meiner Heimat in meinen Werken aufleben lasse. Der Harz ist nicht nur meine Heimat, sondern auch meine Muse.