Elf Jahre nach dem Verschwinden der damals fünfjährigen Inga Gehricke intensivieren Polizei und Bundeskriminalamt ihre Suche erneut. Mit bislang unveröffentlichten Fotos, einer bundesweiten Fahndungskampagne und einer Belohnung von 50.000 Euro hoffen die Ermittler auf entscheidende Hinweise im wohl bekanntesten Vermisstenfall Sachsen-Anhalts. Obwohl tausende Spuren geprüft wurden, fehlt bis heute jede gesicherte Erkenntnis darüber, was dem Kind im Mai 2015 tatsächlich zugestoßen ist – nun richtet sich der Blick der Ermittler erneut auf die Öffentlichkeit.

Halle (Saale), 26. Mai 2026 – Der Fall Inga Gehricke gehört zu den rätselhaftesten Vermisstenfällen Deutschlands. Mehr als elf Jahre nach dem Verschwinden des Mädchens aus Sachsen-Anhalt haben die Ermittlungsbehörden ihre Öffentlichkeitsfahndung erneut ausgeweitet. Gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt veröffentlichte die Polizei neue Fotos der damals Fünfjährigen und verbindet die Maßnahme mit einem eindringlichen Aufruf an mögliche Zeugen.

Die Ermittler setzen dabei auf neue Aufmerksamkeit – und auf die Hoffnung, dass sich Menschen melden, die bislang geschwiegen haben oder Beobachtungen erst heute in einen Zusammenhang bringen können. Für Hinweise, die zur Aufklärung des Falls führen, ist weiterhin eine Belohnung von insgesamt 50.000 Euro ausgesetzt.

Ein Vermisstenfall, der Sachsen-Anhalt bis heute beschäftigt

Am Abend des 2. Mai 2015 verschwand Inga Gehricke während eines Familienaufenthalts auf dem Wilhelmshof bei Stendal. Das Mädchen hielt sich dort gemeinsam mit Angehörigen auf. Während andere Kinder im angrenzenden Wald Feuerholz sammelten, verlor sich die Spur der damals Fünfjährigen innerhalb weniger Minuten.

Was zunächst wie ein lokales Vermisstenverfahren begann, entwickelte sich rasch zu einer der größten Suchaktionen in Sachsen-Anhalt. Hunderte Einsatzkräfte durchkämmten Wälder, Felder und Gewässer. Feuerwehr, Polizei, Bundeswehr, Rettungshundestaffeln und freiwillige Helfer suchten tagelang nach dem Kind. Hubschrauber kreisten über dem Gebiet, Suchhunde wurden eingesetzt, Teiche abgepumpt und Waldstücke systematisch abgesucht.

Doch trotz des enormen Aufwands blieb die Suche ohne Ergebnis. Weder Kleidungsstücke noch persönliche Gegenstände oder gesicherte DNA-Spuren konnten gefunden werden. Bis heute existiert kein belastbarer Hinweis darauf, wo sich Inga Gehricke befindet oder was unmittelbar nach ihrem Verschwinden geschah.

Der Fall beschäftigt Ermittler seit Jahren nahezu ohne Unterbrechung. Nach Angaben der Behörden wurden inzwischen mehrere tausend Hinweise geprüft, Vernehmungen geführt und zahlreiche Ermittlungsansätze abgearbeitet. Immer wieder entstanden neue Spuren – keine führte bislang zur Aufklärung.

Neue Fotos sollen Bewegung in die Ermittlungen bringen

Mit der aktuellen Fahndungskampagne verfolgen Polizei und Bundeskriminalamt vor allem ein Ziel: neue Reichweite. Die jetzt veröffentlichten Bilder der kleinen Inga waren bisher nicht öffentlich bekannt. Sie wurden gemeinsam mit der Familie ausgewählt und sollen den Fokus stärker auf das Kind selbst richten.

Die Ermittler verbreiten die Aufnahmen bundesweit über digitale Kanäle, soziale Netzwerke, Großflächenwerbung und elektronische Werbetafeln. Die Hoffnung dahinter ist klar formuliert: Selbst Jahre später könnten bestimmte Erinnerungen wieder auftauchen oder bislang nebensächlich erscheinende Beobachtungen eine neue Bedeutung bekommen.

Gerade bei ungeklärten Vermisstenfällen setzen Ermittler regelmäßig auf wiederkehrende Öffentlichkeitsfahndungen. Menschen ziehen um, Lebenssituationen verändern sich, Beziehungen enden. Aussagen, die früher nicht gemacht wurden, erreichen die Polizei manchmal erst viele Jahre später.

Nach Einschätzung der Behörden bleibt die öffentliche Aufmerksamkeit deshalb ein entscheidender Faktor. Jede neue Kampagne könne dazu beitragen, bislang unbekannte Informationen sichtbar zu machen.

Die Ermittlungen liefen nie vollständig aus

Anders als bei vielen älteren Vermisstenfällen wurden die Ermittlungen im Fall Inga Gehricke nie offiziell beendet. Die zuständigen Behörden betonen seit Jahren, dass weiterhin aktiv an dem Fall gearbeitet werde. Dazu gehören die erneute Prüfung alter Hinweise ebenso wie moderne digitale Auswertungsmethoden.

In den vergangenen Jahren wurden Ermittlungsakten umfangreich digitalisiert und frühere Aussagen erneut analysiert. Ziel ist es, mögliche Zusammenhänge besser erkennen zu können. Ermittler prüfen dabei nicht nur neue Hinweise, sondern bewerten auch alte Spuren unter veränderten technischen Möglichkeiten neu.

Immer wieder rückten einzelne Personen oder Theorien in den Fokus öffentlicher Diskussionen. Konkrete Beweise ergaben sich daraus jedoch nicht. Auch mögliche Zusammenhänge mit anderen Vermisstenfällen wurden zeitweise untersucht. Im Zusammenhang mit internationalen Ermittlungen im Fall Madeleine McCann prüften Behörden mögliche Überschneidungen – belastbare Erkenntnisse wurden bislang nicht bekannt.

Für die Ermittler bleibt der Fall deshalb außergewöhnlich schwierig. Es existieren keine gesicherten Tatspuren, kein bestätigter Tatablauf und bis heute kein eindeutiger Hinweis auf einen Täter oder einen Aufenthaltsort.

50.000 Euro Belohnung für entscheidende Hinweise

Die inzwischen auf 50.000 Euro erhöhte Belohnung soll zusätzlichen Druck erzeugen und Menschen zur Kontaktaufnahme bewegen. Ursprünglich lag die Summe deutlich niedriger. Durch Unterstützer und öffentliche Kampagnen wurde sie später erhöht.

Die Ermittler hoffen insbesondere auf sogenannte Mitwisserhinweise. In vergleichbaren Fällen spielen Aussagen aus dem persönlichen Umfeld von Verdächtigen häufig eine zentrale Rolle. Schon kleine Details könnten nach Einschätzung der Polizei relevant sein – etwa ungewöhnliche Aussagen, Verhaltensänderungen oder Erinnerungen an bestimmte Personen und Fahrzeuge.

Hinweise können weiterhin direkt bei der Polizei abgegeben werden. Zusätzlich existieren digitale Meldewege, über die Informationen auch anonym übermittelt werden können.

Nach Angaben der Ermittlungsbehörden wird jeder einzelne Hinweis dokumentiert und überprüft. Gerade bei langjährigen Vermisstenfällen sei es nicht ungewöhnlich, dass neue Informationen erst nach langer Zeit eingehen.

Die Familie kämpft gegen das Vergessen

Für die Angehörigen von Inga Gehricke bedeutet jede neue Fahndung zugleich Hoffnung und Belastung. Seit Jahren setzt sich die Familie dafür ein, dass der Fall nicht aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet.

Immer wieder wurden Kampagnen gestartet, um die Aufmerksamkeit auf das verschwundene Mädchen zu lenken. Bundesweit bekannt wurde unter anderem eine Aktion, bei der das Foto von Inga auf Getränkeflaschen gedruckt wurde. Die Kampagne erreichte Millionen Menschen im Einzelhandel und führte erneut zu zahlreichen Hinweisen.

Zudem veröffentlichten Unterstützer in den vergangenen Jahren computergenerierte Bilder, die zeigen sollten, wie Inga heute aussehen könnte. Solche Altersprogressionen gehören inzwischen zu den etablierten Methoden bei langjährigen Vermisstenfällen. Sie sollen Menschen helfen, auch ältere Kinder oder Erwachsene wiederzuerkennen.

Die Familie selbst äußert sich nur selten öffentlich. Wenn Angehörige sprechen, dann meist mit einem Appell: Der Fall solle nicht vergessen werden.

Warum ungelöste Vermisstenfälle Ermittler dauerhaft beschäftigen

Der Fall Inga Gehricke steht exemplarisch für eine kleine Zahl besonders komplexer Vermisstenfälle in Deutschland. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes werden jedes Jahr zehntausende Kinder und Jugendliche als vermisst gemeldet. In den meisten Fällen klären sich die Situationen innerhalb kurzer Zeit auf.

Ein kleiner Teil der Fälle bleibt jedoch dauerhaft ungeklärt. Genau diese Verfahren binden Ermittler oft über Jahre hinweg. Denn auch nach langer Zeit können neue Hinweise eingehen oder technische Entwicklungen alte Spuren neu bewertbar machen.

Hinzu kommt: Vermisstenfälle mit Kindern erzeugen regelmäßig hohe öffentliche Aufmerksamkeit. Gerade deshalb versuchen Ermittlungsbehörden, bestimmte Fälle über Jahre sichtbar zu halten. Wiederkehrende Medienkampagnen sollen verhindern, dass entscheidende Informationen verloren gehen.

Zum internationalen Tag der vermissten Kinder erinnern Polizei und Hilfsorganisationen deshalb regelmäßig daran, wie wichtig schnelle Hinweise aus der Bevölkerung sein können. Ermittler weisen außerdem darauf hin, dass Vermisstenmeldungen sofort aufgenommen werden können – ohne Wartefrist.

Der Fall bleibt offen

Elf Jahre nach dem Verschwinden von Inga Gehricke gibt es weiterhin keine Antwort auf die zentrale Frage: Was geschah am Abend des 2. Mai 2015 auf dem Wilhelmshof bei Stendal?

Die neue Fahndung zeigt, dass Polizei und Bundeskriminalamt die Ermittlungen weiterhin mit hoher Priorität behandeln. Die Veröffentlichung bislang unbekannter Fotos, die erhöhte Belohnung und die bundesweite Kampagne sind Ausdruck eines Falls, der die Behörden bis heute nicht loslässt.

Für viele Menschen in Sachsen-Anhalt ist der Name Inga Gehricke längst zu einem Symbol geworden – für einen Vermisstenfall ohne Auflösung, aber auch für die Hoffnung, dass selbst nach vielen Jahren noch ein entscheidender Hinweis auftauchen könnte.

Zwischen Erinnerung und neuer Aufmerksamkeit

Mit jeder neuen Öffentlichkeitsfahndung kehrt der Fall zurück in die öffentliche Wahrnehmung. Die Ermittler setzen darauf, dass genau darin die Chance liegt: Menschen könnten Bilder wiedererkennen, alte Gespräche neu einordnen oder sich an Details erinnern, die damals bedeutungslos erschienen.

Ob die neuen Fotos tatsächlich eine Wende in den Ermittlungen bringen, ist offen. Klar ist jedoch: Der Fall Inga Gehricke gehört weiterhin zu den großen ungelösten Vermisstenfällen Deutschlands – und die Hoffnung auf Aufklärung ist auch elf Jahre später nicht verschwunden.