Bei einer bundesweiten Razzia gegen mutmaßlich rechtsextreme Jugendorganisationen haben Ermittler auch im Landkreis Goslar ein Objekt durchsucht. Die Bundesanwaltschaft geht gegen die Gruppierungen „Jung & Stark“ und „Deutsche Jugend Voran“ vor, denen die Bildung krimineller Vereinigungen vorgeworfen wird. Im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen junge Szeneangehörige, digitale Radikalisierung und der Verdacht organisierter Gewalt – ein Phänomen, das Sicherheitsbehörden zunehmend mit Sorge beobachten.
Goslar/Karlsruhe, 7. Mai 2026 – Die bundesweiten Ermittlungen gegen mutmaßlich rechtsextreme Jugendorganisationen haben auch den Landkreis Goslar erreicht. Im Rahmen einer großangelegten Razzia durchsuchten Ermittler am frühen Mittwochmorgen zahlreiche Objekte in mehreren Bundesländern. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft richteten sich die Maßnahmen gegen Mitglieder und Unterstützer der Gruppierungen „Jung & Stark“ sowie „Deutsche Jugend Voran“.
Die Durchsuchungen fanden zeitgleich in zwölf Bundesländern statt. Rund 600 Einsatzkräfte waren beteiligt. Insgesamt wurden etwa 50 Objekte durchsucht. Im Fokus stehen 36 Beschuldigte, gegen die unter anderem wegen des Verdachts der Bildung krimineller Vereinigungen ermittelt wird.
Auch in Niedersachsen liefen mehrere Einsätze. Neben Orten in Braunschweig, Helmstedt und Celle wurde nach Informationen regionaler Medien auch im Landkreis Goslar durchsucht. Genauere Angaben zu den dortigen Maßnahmen machten die Ermittlungsbehörden zunächst nicht.
Bundesanwaltschaft ermittelt gegen rechtsextreme Jugendorganisationen
Die Ermittlungen werden von der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe geführt. Unterstützt wird sie vom Bundeskriminalamt sowie Polizeibehörden der Länder. Nach Darstellung der Ermittler sollen sich die beiden Gruppierungen seit Mitte 2024 bundesweit organisiert und zunehmend vernetzt haben.
Im Mittelpunkt steht der Verdacht, dass die Gruppen nicht nur ideologisch aktiv waren, sondern gezielt Gewalt vorbereitet oder ausgeübt haben sollen. Mehreren Beschuldigten wird zusätzlich gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.
Nach bisherigen Erkenntnissen sollen Mitglieder der Gruppierungen Menschen angegriffen haben, die sie politischen Gegnern zurechneten. Auch Personen, die innerhalb der Szene pauschal als pädophil bezeichnet wurden, sollen Ziel von Übergriffen gewesen sein. Ermittler gehen davon aus, dass die Gruppen ihre Feindbilder systematisch aufgebaut und öffentlich propagiert haben.
Festnahmen wurden im Zusammenhang mit den aktuellen Durchsuchungen zunächst nicht bekannt. Ziel der Maßnahmen war vor allem die Sicherung von Beweismitteln, darunter digitale Datenträger, Mobiltelefone und Kommunikationsdaten.
Digitale Vernetzung spielt zentrale Rolle
Nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden organisieren sich Teile der jungen rechtsextremen Szene inzwischen deutlich stärker über soziale Netzwerke und Messenger-Dienste. Dort verbreiten Gruppen Propaganda, mobilisieren Unterstützer und suchen gezielt Anschluss an junge Menschen.
Die Kommunikation verlaufe oft schnell, informell und überregional. Ermittler sehen darin einen entscheidenden Unterschied zu klassischen rechtsextremen Strukturen früherer Jahre. Während ältere Neonazi-Netzwerke häufig lokal organisiert gewesen seien, entstünden heute lose verbundene Gruppen mit hoher digitaler Reichweite.
Gerade Plattformen wie TikTok, Instagram oder Telegram gelten Sicherheitsbehörden seit Längerem als wichtige Räume für politische Radikalisierung. Dort verbreiten extremistische Akteure kurze, emotionalisierte Inhalte und erreichen damit vor allem junge Nutzer.
Die beiden nun ins Visier geratenen Gruppierungen sollen diese Mechanismen gezielt genutzt haben. Nach Angaben der Ermittler diente die digitale Vernetzung nicht nur der Propaganda, sondern auch der Organisation gemeinsamer Aktionen.
Neue Dynamik innerhalb der rechtsextremen Szene
Die aktuellen Ermittlungen gegen rechtsextreme Jugendorganisationen gelten Sicherheitsbehörden als Hinweis auf eine veränderte Entwicklung innerhalb der Szene. Seit mehreren Monaten beobachten Verfassungsschützer und Ermittler das Auftreten junger, aktionsorientierter Gruppen, die sich aggressiver und öffentlichkeitswirksamer präsentieren als frühere Strukturen.
Dabei geht es häufig nicht mehr allein um klassische Parteiarbeit oder ideologische Debatten. Stattdessen rücken Provokation, Straßenpräsenz und körperliche Konfrontationen stärker in den Vordergrund. Gleichzeitig wirken viele Gruppen organisatorisch zunächst lose – was Ermittlungen erschwert.
Mehrfach waren rechtsextreme Jugendgruppen in den vergangenen Monaten bei Protestaktionen gegen Christopher-Street-Day-Veranstaltungen oder politischen Kundgebungen aufgefallen. Sicherheitsbehörden registrierten dabei eine zunehmende Gewaltbereitschaft sowie eine gezielte Mobilisierung über soziale Medien.
Nach Einschätzung von Extremismusforschern entsteht derzeit eine neue Form rechtsextremer Jugendkultur, die sich stilistisch modern präsentiert, ideologisch aber an bekannte Feindbilder anknüpft. Dazu zählen nationalistische Narrative, Antipluralismus und eine aggressive Ablehnung politischer Gegner.
Junge Mitglieder stehen im Fokus der Ermittlungen
Besonders auffällig ist aus Sicht der Ermittler das vergleichsweise niedrige Alter vieler Beteiligter. Nach bisherigen Erkenntnissen sollen zahlreiche Mitglieder der Gruppierungen noch sehr jung sein, teilweise minderjährig. Sicherheitsbehörden sehen darin eine problematische Entwicklung, weil sich politische Radikalisierung zunehmend bereits im Jugendalter vollzieht.
Die Gruppen treten dabei häufig mit einem betont jugendlichen Erscheinungsbild auf. Musik, Memes, kurze Videoclips und martialische Selbstdarstellungen spielen eine zentrale Rolle. Experten sprechen von einer Strategie, rechtsextreme Inhalte niedrigschwellig und anschlussfähig zu präsentieren.
Gleichzeitig beobachten Ermittler, dass sich innerhalb solcher Gruppen schnell ein hoher Konformitätsdruck entwickeln kann. Gemeinsame Aktionen und eine starke Abgrenzung nach außen fördern laut Fachleuten die Dynamik innerhalb der Szene.
Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass einzelne Beschuldigte aktiv an Gewalttaten beteiligt gewesen sein sollen. Ob darüber hinaus weitere Straftaten aufgeklärt werden können, hängt nun wesentlich von der Auswertung der sichergestellten Beweismittel ab.
Durchsuchungen auch in Niedersachsen
Dass die Ermittlungen auch den Landkreis Goslar betreffen, zeigt die überregionale Vernetzung der mutmaßlichen rechtsextremen Jugendorganisationen. Niedersachsen gilt seit Jahren als Bundesland, in dem Sicherheitsbehörden verschiedene rechtsextreme Gruppierungen beobachten.
Die aktuellen Durchsuchungen verdeutlichen nach Einschätzung von Beobachtern, dass sich die Szene längst nicht mehr nur auf einzelne Großstädte konzentriert. Vielmehr entstehen regionale Netzwerke auch in kleineren Städten und ländlichen Regionen.
Welche Rolle die durchsuchten Objekte im Landkreis Goslar konkret gespielt haben sollen, ist bislang offen. Die Ermittler äußerten sich dazu nicht. Erfahrungsgemäß halten sich Behörden in frühen Ermittlungsphasen mit Details zurück, um laufende Verfahren nicht zu gefährden.
Die Auswertung der beschlagnahmten Materialien dürfte mehrere Wochen oder Monate dauern. Dabei geht es unter anderem um Chatverläufe, Kontakte, Mobilisierungsstrukturen und mögliche weitere Beteiligte.
Politik warnt vor wachsender Radikalisierung
Die Razzien lösten auch politische Reaktionen aus. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig bezeichnete Rechtsextremismus als eine der größten Bedrohungen für die innere Sicherheit in Deutschland. Gerade junge Menschen würden gezielt angesprochen und radikalisiert.
Mehrere Innenpolitiker warnten zudem vor der zunehmenden Professionalisierung extremistischer Netzwerke im Internet. Sicherheitsbehörden müssten auf diese Entwicklung reagieren, ohne dabei die rechtlichen Grenzen staatlicher Eingriffe zu überschreiten.
Der Verfassungsschutz beobachtet seit Längerem sogenannte aktionsorientierte rechtsextreme Gruppen. Diese zeichnen sich häufig durch spontane Mobilisierung, hohe Online-Aktivität und ein aggressives Auftreten im öffentlichen Raum aus.
Die Ermittlungen gegen „Jung & Stark“ und „Deutsche Jugend Voran“ fügen sich in eine Reihe ähnlicher Verfahren ein, mit denen Sicherheitsbehörden verstärkt gegen gewaltbereite rechtsextreme Netzwerke vorgehen.
Der Druck auf die Szene wächst
Mit den bundesweiten Durchsuchungen setzen die Ermittlungsbehörden ein deutliches Signal gegen rechtsextreme Jugendorganisationen und deren mutmaßliche Gewaltstrukturen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht allein die strafrechtliche Verfolgung einzelner Taten, sondern zunehmend auch die Frage, wie sich junge Menschen digital radikalisieren und in extremistische Gruppen eingebunden werden.
Für den Landkreis Goslar bleibt vorerst offen, welche konkreten Erkenntnisse die Ermittler aus den dortigen Durchsuchungen gewinnen konnten. Klar ist jedoch: Die Sicherheitsbehörden beobachten die Entwicklung neuer rechtsextremer Jugendnetzwerke inzwischen mit hoher Aufmerksamkeit – und reagieren deutlich früher als noch vor einigen Jahren.
Die aktuellen Maßnahmen markieren damit nicht nur einen weiteren Schritt in laufenden Ermittlungsverfahren. Sie zeigen zugleich, wie stark sich rechtsextreme Strukturen verändert haben: jünger, digitaler, schneller vernetzt – und aus Sicht der Behörden zunehmend gewaltorientiert.


















