
Goslar, 28. Januar 2026. Ein kalter Wintermorgen legt sich über die Altstadt von Goslar, während sich in den Straßen rund um die Kaiserpfalz ungewohnt viele Anzugträger, Aktenmappen und Namensschilder zeigen. Die Stadt im Harz wird für einige Tage zum Treffpunkt einer Fachwelt, deren Entscheidungen weit über die Region hinauswirken. Mit dem heutigen Auftakt beginnt der Deutsche Verkehrsgerichtstag – ein Forum, in dem Recht, Technik und gesellschaftliche Realität des Straßenverkehrs aufeinandertreffen.
Der Deutsche Verkehrsgerichtstag in Goslar gilt seit Jahrzehnten als eine der wichtigsten Plattformen für die Auseinandersetzung mit dem Verkehrsrecht in Deutschland. Juristinnen und Juristen, Wissenschaftler, Vertreter von Ministerien, Verbänden, Polizei und Versicherungswirtschaft kommen hier zusammen, um über zentrale Fragen der Verkehrssicherheit, der Rechtsdurchsetzung und der Mobilität der Zukunft zu beraten. Die 64. Auflage der Veranstaltung erstreckt sich vom heutigen Mittwoch bis Freitag, 30. Januar 2026, und knüpft damit an eine lange Tradition an, die Goslar jedes Jahr im Januar in den Mittelpunkt der verkehrsrechtlichen Debatte rückt.
Ein Forum mit Geschichte und Gewicht
Seit seiner Gründung im Jahr 1963 findet der Deutsche Verkehrsgerichtstag regelmäßig in Goslar statt. Veranstalter ist der Verein „Deutscher Verkehrsgerichtstag – Deutsche Akademie für Verkehrswissenschaft e. V.“, der sich zum Ziel gesetzt hat, den fachübergreifenden Austausch im Verkehrsrecht zu fördern. Was den Verkehrsgerichtstag von anderen Fachkongressen unterscheidet, ist seine praktische Relevanz: Die Empfehlungen der Arbeitskreise werden von Politik und Justiz aufmerksam verfolgt und fließen nicht selten in Gesetzesinitiativen, Verordnungen oder höchstrichterliche Entscheidungen ein.
Mit rund 1.500 bis 2.000 Teilnehmenden zählt der Deutsche Verkehrsgerichtstag zu den größten Fachveranstaltungen seiner Art in Europa. Die Mischung aus wissenschaftlicher Tiefe, juristischer Praxisnähe und politischer Anschlussfähigkeit verleiht der Tagung eine besondere Autorität. In Goslar wird nicht nur analysiert, sondern auch abgewogen, gestritten und formuliert – stets mit dem Anspruch, konkrete und tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Feierliche Eröffnung in historischer Kulisse
Der offizielle Auftakt des Deutschen Verkehrsgerichtstags erfolgt am morgigen Donnerstag in der Kaiserpfalz, einem der bedeutendsten historischen Bauwerke Norddeutschlands. Nach der Begrüßung durch den Präsidenten des Verkehrsgerichtstags, Prof. Dr. Ansgar Staudinger, und Goslars Oberbürgermeisterin Urte Schwerdtner richtet Generalbundesanwalt Jens Rommel das Wort an die Teilnehmenden. Die Eröffnungsveranstaltung markiert traditionell den Übergang vom informellen Austausch zur inhaltlichen Arbeit der kommenden Tage.
Bereits der heutige Mittwoch steht im Zeichen des sogenannten VGT+-Programms. Hier werden Fortbildungen und Fachveranstaltungen angeboten, die sich an Richterinnen, Rechtsanwälte, Versicherungsfachleute und Sachverständige richten. Diese zusätzlichen Formate haben sich in den vergangenen Jahren als fester Bestandteil etabliert und unterstreichen den Weiterbildungscharakter des Verkehrsgerichtstags.
Arbeitskreise als Herzstück der Tagung
Im Mittelpunkt des Deutschen Verkehrsgerichtstags stehen die Arbeitskreise. Acht dieser fachlich klar umrissenen Gruppen befassen sich in diesem Jahr mit aktuellen und teils kontrovers diskutierten Themen des Verkehrsrechts. Jeder Arbeitskreis ist interdisziplinär besetzt und wird von einer fachkundigen Leitung moderiert. Ziel ist es, am Ende der Beratungen eine Empfehlung zu formulieren, die dem Gesetzgeber als Orientierung dienen kann.
Zentrale Themen zwischen Alltag und Systemfrage
Die Themenpalette des Verkehrsgerichtstags 2026 spiegelt die Herausforderungen moderner Mobilität wider. Diskutiert werden unter anderem:
- die Vollstreckung von Sanktionen aus Verkehrsverstößen innerhalb der Europäischen Union und die praktische Durchsetzbarkeit bestehender Regelungen,
- der Umgang mit Alkohol im Fahrrad- und Pedelec-Verkehr, einschließlich der Frage nach abgestuften Sanktionen unterhalb der bisherigen Strafbarkeitsgrenze,
- die zunehmende Ablenkung von Fahrzeugführern durch Smartphones und andere digitale Endgeräte sowie mögliche rechtliche und technische Gegenmaßnahmen,
- Fragen der Fahrausbildung und Führerscheinprüfung vor dem Hintergrund steigender Kosten und veränderter Mobilitätsgewohnheiten,
- zivilrechtliche Aspekte der Schadensregulierung nach Verkehrsunfällen, etwa beim Einsatz gebrauchter Ersatzteile.
Diese Themen zeigen, wie eng Verkehrssicherheit, technischer Fortschritt und gesellschaftlicher Wandel miteinander verwoben sind. Der Deutsche Verkehrsgerichtstag versteht sich dabei nicht als politisches Entscheidungsgremium, sondern als beratende Instanz mit hoher fachlicher Reputation.
Positionen von Verbänden und Fachorganisationen
Begleitet werden die Beratungen in Goslar von Stellungnahmen zahlreicher Verbände. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat mahnt mit Blick auf die Fahrausbildung zur Vorsicht: Reformen zur Kostensenkung dürften nicht zulasten der Qualität gehen. Vorgeschlagen werden unter anderem verbindliche Mindeststandards, eine stärkere Strukturierung der Ausbildung und der gezielte Einsatz digitaler Lern- und Simulationsmethoden.
Auch Automobilclubs beteiligen sich aktiv an der Diskussion. Sie verweisen auf die Bedeutung klarer und nachvollziehbarer Regeln, insbesondere im Bereich neuer Verkehrsformen. Beim Thema Alkohol im Radverkehr wird darauf hingewiesen, dass die derzeitige Rechtslage Lücken aufweist und präventive Maßnahmen erschwert. Eine differenzierte Regelung könnte aus Sicht der Verbände zu mehr Verkehrssicherheit beitragen, ohne Radfahrer pauschal zu kriminalisieren.
Im Arbeitskreis zur Ablenkung am Steuer wird zudem diskutiert, wie technologische Entwicklungen – etwa automatisierte Kontrollen oder intelligente Assistenzsysteme – rechtlich eingeordnet werden können. Dabei geht es nicht nur um Effektivität, sondern auch um Datenschutz und Verhältnismäßigkeit.
Goslar als Gastgeber und Profiteur
Für die Stadt Goslar ist der Deutsche Verkehrsgerichtstag mehr als eine wiederkehrende Pflichtveranstaltung. Die Tagung ist ein Aushängeschild, das Goslar bundesweit als Ort des juristischen Diskurses positioniert. Hotels, Gastronomiebetriebe und Dienstleister profitieren von der hohen Auslastung, während öffentliche und private Räume temporär zu Konferenzorten umfunktioniert werden.
Arbeitskreise tagen unter anderem in Veranstaltungszentren, Bankgebäuden und öffentlichen Einrichtungen. Die Stadtverwaltung koordiniert gemeinsam mit den Veranstaltern die logistischen Abläufe, um den regulären Betrieb so wenig wie möglich zu beeinträchtigen. Trotz einzelner Einschränkungen im Stadtbild wird der Verkehrsgerichtstag von vielen Goslarerinnen und Goslarern als fester Bestandteil des Jahreskalenders wahrgenommen.
Zwischen Rechtsrahmen und gesellschaftlicher Realität
Der Deutsche Verkehrsgerichtstag lebt von der Spannung zwischen Norm und Wirklichkeit. In Goslar treffen Paragrafen auf Unfallstatistiken, rechtliche Dogmatik auf menschliches Fehlverhalten. Diese Verbindung macht den besonderen Charakter der Veranstaltung aus. Die Diskussionen sind geprägt von Sachlichkeit, aber auch von der Erkenntnis, dass Verkehrspolitik stets gesellschaftspolitische Dimensionen berührt.
Die Empfehlungen, die am Ende der Arbeitskreise stehen, sind nicht bindend. Dennoch entfalten sie Wirkung, weil sie konsensual erarbeitet, fachlich fundiert und praxisnah formuliert sind. Gerade in Zeiten tiefgreifender Veränderungen – von Digitalisierung über neue Mobilitätsformen bis hin zu europäischen Harmonisierungstendenzen – kommt dieser Rolle besondere Bedeutung zu.
Impulse für Recht und Verkehr von morgen
Mit dem Beginn des Deutschen Verkehrsgerichtstags richtet sich der Blick nicht nur auf aktuelle Regelungen, sondern auch auf zukünftige Entwicklungen. Fragen nach der Balance zwischen individueller Freiheit und kollektiver Sicherheit, nach wirksamer Prävention und verhältnismäßiger Sanktionierung ziehen sich wie ein roter Faden durch die Debatten.
Goslar wird in diesen Tagen erneut zum Ort, an dem verkehrsrechtliche Leitplanken diskutiert und neu justiert werden. Die Ergebnisse werden erst in den kommenden Monaten ihre Wirkung entfalten – in Gesetzgebungsverfahren, in Gerichtsentscheidungen und im Alltag auf deutschen Straßen. Der Deutsche Verkehrsgerichtstag bleibt damit ein Seismograf für den Zustand und die Zukunft des Verkehrsrechts in Deutschland.







