Oberharz

Jugend spricht Recht Schülergericht Elbingerode: Seit 18 Jahren urteilen Jugendliche über Jugenddelikte im Harz

Elbingerode (Harz), 19. Januar 2026 – Ein nüchterner Raum, ein runder Tisch, konzentrierte Gesichter. Keine Roben, kein Richterhammer. Und doch geht es um Schuld, Verantwortung und Konsequenzen. Seit fast zwei Jahrzehnten verhandelt das Schülergericht in Elbingerode echte Fälle jugendlicher Straftäter – getragen von Jugendlichen selbst.

Was in Elbingerode seit 2007 praktiziert wird, ist bundesweit noch immer eine Ausnahme. Während andernorts Jugendkriminalität vor allem durch Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte bearbeitet wird, setzt man im Harz auf einen anderen Ansatz: Jugendliche sprechen mit Jugendlichen über begangenes Unrecht. Das Schülergericht Elbingerode ist dabei kein pädagogisches Planspiel, sondern ein fest etabliertes Element der strafrechtlichen Diversion. Kleinere und mittlere Straftaten werden hier nicht vor einem staatlichen Gericht verhandelt, sondern im Rahmen eines strukturierten, begleiteten Verfahrens von speziell geschulten Schülerinnen und Schülern.

Seit mittlerweile 18 Jahren besteht dieses Modell – und hat sich in dieser Zeit von einem lokalen Pilotprojekt zu einem landesweit beachteten Vorbild entwickelt. Das Schülergericht Elbingerode gilt heute als das älteste dauerhaft arbeitende Schülergericht in Sachsen-Anhalt und als Referenz für den Ausbau ähnlicher Projekte im gesamten Bundesland.

Ein Gericht ohne Richter – aber mit Wirkung

Juristisch handelt es sich beim Schülergericht Elbingerode nicht um ein Gericht im engeren Sinne. Es ersetzt weder Jugendrichter noch Staatsanwälte. Vielmehr ist es Teil eines diversionären Ansatzes im Jugendstrafrecht. Voraussetzung für die Übertragung eines Falls an das Schülergericht ist, dass der Sachverhalt geklärt ist, der Jugendliche die Tat eingeräumt hat und freiwillig an dem Verfahren teilnehmen möchte.

Genau an dieser Stelle setzt die Idee an: Statt einer formellen Anklage erhalten junge Menschen die Möglichkeit, sich in einem geschützten Rahmen mit ihrem Verhalten auseinanderzusetzen. Die Entscheidung über geeignete Maßnahmen trifft ein Gremium aus Gleichaltrigen – begleitet von pädagogischen Fachkräften, jedoch eigenständig in der Gesprächsführung und Bewertung.

Das Schülergericht Elbingerode folgt damit einem Grundgedanken, der aus den sogenannten „Teen Courts“ stammt: Verantwortung wird nicht verordnet, sondern ausgehandelt. Die Wirkung entfaltet sich weniger durch Sanktionen als durch Dialog, Konfrontation und Selbstreflexion.

Wie das Schülergericht Elbingerode arbeitet

Der Ablauf eines Verfahrens ist klar strukturiert. Mehrere ausgebildete Schülerrichterinnen und Schülerrichter sitzen dem Beschuldigten gegenüber. Sie stellen Fragen, hören zu, fordern Erklärungen ein. Es geht um Motive, um persönliche Umstände, um die Folgen der Tat – für Betroffene, für das Umfeld, für den Jugendlichen selbst.

Am Ende des Gesprächs beraten die Jugendlichen untereinander, welche Maßnahmen sinnvoll erscheinen. Diese reichen von sozialen Arbeitsleistungen über pädagogische Gespräche bis hin zu kreativen oder reflektierenden Aufgaben. Entscheidend ist, dass die Maßnahme als angemessen, nachvollziehbar und umsetzbar wahrgenommen wird.

Wird die Vereinbarung eingehalten, stellt die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein. Kommt es nicht zur Erfüllung, kann der Fall wieder in das reguläre Jugendstrafverfahren zurückgeführt werden. Das Schülergericht Elbingerode ist damit keine Paralleljustiz, sondern Teil eines abgestimmten Gesamtsystems.

18 Jahre Erfahrung: Ein Projekt wächst mit seinen Aufgaben

Seit der Gründung im Jahr 2007 hat das Schülergericht Elbingerode mehrere hundert Fälle bearbeitet. Die Delikte, mit denen sich die Jugendlichen befassen, sind typisch für das Jugendstrafrecht: Ladendiebstahl, Sachbeschädigung, Beleidigung, kleinere Körperverletzungen oder Konflikte im schulischen Umfeld.

Was sich über die Jahre verändert hat, ist weniger die Art der Taten als der gesellschaftliche Kontext. Digitale Beleidigungen, Gruppendynamiken in sozialen Netzwerken oder Eskalationen im öffentlichen Raum stellen neue Anforderungen an die Gesprächsführung. Das Schülergericht Elbingerode reagiert darauf mit kontinuierlicher Weiterbildung der beteiligten Jugendlichen und enger pädagogischer Begleitung.

Ein zentrales Element bleibt dabei konstant: Die Verhandlung findet auf Augenhöhe statt. Beschuldigte berichten häufig, dass gerade dieser Aspekt den größten Eindruck hinterlässt. Nicht Erwachsene, sondern Gleichaltrige stellen Fragen, äußern Unverständnis oder formulieren Erwartungen.

Ausbildung statt Bauchgefühl

Wer im Schülergericht Elbingerode mitwirken möchte, übernimmt Verantwortung. Die Schülerrichterinnen und Schülerrichter werden intensiv vorbereitet. Inhalte sind unter anderem Grundlagen des Jugendstrafrechts, Gesprächsführung, Konfliktlösung, Schweigepflicht und der Umgang mit belastenden Situationen.

Die Jugendlichen lernen, zuzuhören, nachzufragen und zwischen persönlicher Meinung und sachlicher Bewertung zu unterscheiden. Unterstützt werden sie dabei von Sozialpädagogen und Projektleitern, die den Prozess begleiten, ohne ihn zu dominieren.

Diese Kombination aus Eigenverantwortung und professioneller Unterstützung gilt als einer der Gründe, warum das Schülergericht Elbingerode über so viele Jahre stabil arbeiten konnte.

Vorbild für das ganze Land

Der langfristige Erfolg des Schülergerichts Elbingerode ist auch der Landespolitik nicht verborgen geblieben. In Sachsen-Anhalt wird das Modell inzwischen gezielt ausgeweitet. Neue Schülergerichte entstehen oder befinden sich in Vorbereitung – unter anderem in größeren Städten, aber auch in ländlichen Regionen.

Die Grundidee bleibt dabei stets dieselbe: Jugendkriminalität soll nicht allein sanktioniert, sondern verstanden und bearbeitet werden. Das Schülergericht Elbingerode dient hierbei als Referenzprojekt, sowohl in organisatorischer als auch in inhaltlicher Hinsicht.

Besonders hervorgehoben wird der präventive Effekt. Studien und Erfahrungsberichte aus vergleichbaren Projekten zeigen, dass die Rückfallquote bei Jugendlichen, die an einem Schülergericht teilgenommen haben, häufig niedriger liegt als bei klassischen Verfahren. Entscheidend ist dabei nicht Strenge, sondern Verständlichkeit.

Grenzen eines besonderen Modells

So überzeugend das Konzept erscheint, es stößt auch an Grenzen. Nicht jeder Fall eignet sich für eine Behandlung durch ein Schülergericht. Schwerere Straftaten, ungeklärte Sachverhalte oder fehlende Einsicht schließen eine Teilnahme aus.

Zudem ist das Modell stark abhängig vom Engagement der beteiligten Jugendlichen. Ohne kontinuierliche Nachwuchsarbeit, Schulkooperationen und pädagogische Begleitung lässt sich ein Schülergericht nicht aufrechterhalten. Auch deshalb bleibt das Projekt anspruchsvoll – organisatorisch wie personell.

Kritische Stimmen verweisen zudem auf die Notwendigkeit klarer rechtlicher Leitplanken. Das Schülergericht Elbingerode bewegt sich bewusst innerhalb dieser Grenzen und betont stets seinen ergänzenden Charakter zum staatlichen Justizsystem.

Mehr als Rechtsprechung: Demokratie im Kleinen

Über die konkrete Fallarbeit hinaus erfüllt das Schülergericht Elbingerode eine weitere Funktion: Es vermittelt demokratische Grundprinzipien in der Praxis. Jugendliche erleben, wie Entscheidungen vorbereitet, diskutiert und begründet werden. Sie erfahren, dass Regeln nicht abstrakt sind, sondern ausgehandelt und getragen werden müssen.

Für viele Beteiligte ist die Mitarbeit im Schülergericht prägend. Sie lernen Verantwortung zu übernehmen – nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst. Diese Erfahrung wirkt oft über die Schulzeit hinaus.

Ein Modell mit Signalwirkung

Das Schülergericht Elbingerode zeigt, dass Jugendkriminalität differenziert betrachtet werden kann. Nicht jeder Regelverstoß verlangt nach formaler Bestrafung. Manchmal reicht ein ernsthaftes Gespräch, geführt von Gleichaltrigen, um Wirkung zu entfalten.

Nach 18 Jahren kontinuierlicher Arbeit steht das Projekt exemplarisch für einen Ansatz, der auf Vertrauen, Dialog und Verantwortung setzt. In einer Zeit, in der gesellschaftliche Konflikte zunehmend verhärten, wirkt dieses Modell leise – aber nachhaltig. Elbingerode macht vor, wie junge Menschen Teil der Lösung werden können.

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Über den Autor

Berichte und Artikel

Ich bin im Herzen des Harzes aufgewachsen; Diese mystische und sagenumwobene Region inspirierte mich schon früh. Heute schreibe ich aus Leidenschaft, wobei ich die Geschichten und Legenden meiner Heimat in meinen Werken aufleben lasse. Der Harz ist nicht nur meine Heimat, sondern auch meine Muse.