Wernigerode

Ein neues Gleis für den Westharz Harzer Schmalspurbahnen planen Neubaustrecke von Elend nach Braunlage

Wernigerode/Braunlage, 2. Februar 2026 – Zwischen verschneiten Fichten, stillgelegten Bahntrassen und touristischen Erwartungen nimmt im Harz eine Idee wieder Fahrt auf. Eine neue Schmalspurbahnstrecke soll Braunlage künftig direkt mit dem Netz der Harzer Schmalspurbahnen verbinden. Was lange Vision blieb, ist nun erstmals konkret durchgerechnet – und wirft Fragen nach Nutzen, Kosten und Zukunft der Mobilität im Mittelgebirge auf.

Die Harzer Schmalspurbahnen GmbH (HSB) steht seit Jahren unter wirtschaftlichem Druck. Hohe Betriebskosten, steigende Instandhaltungsaufwendungen und ein defizitärer Jahresabschluss prägen die Realität des traditionsreichen Bahnunternehmens. Gleichzeitig bleibt die Bahn ein zentrales touristisches Rückgrat der Region. Vor diesem Spannungsfeld erhält eine geplante Neubaustrecke von Elend nach Braunlage neue Aufmerksamkeit. Eine abgeschlossene Machbarkeitsstudie legt nun erstmals belastbare Zahlen und eine konkrete Trassenführung vor – und markiert damit einen Wendepunkt in einer Debatte, die den Westharz seit Jahrzehnten begleitet.

Die geplante Neubaustrecke im Überblick

Im Mittelpunkt der aktuellen Diskussion steht eine rund fünf Kilometer lange Neubaustrecke, die südlich von Elend von der Harzquerbahn abzweigen soll. Ziel ist es, Braunlage – bislang ohne direkten Bahnanschluss – an das Stammnetz der Harzer Schmalspurbahnen anzubinden. Die Strecke soll sich weitgehend entlang bestehender Verkehrsachsen orientieren und nahe der Talstation der Wurmbergseilbahn enden. Damit rückt nicht nur der Ort Braunlage selbst, sondern auch das Wurmberggebiet in den Fokus einer neuen verkehrlichen Erschließung.

Die Machbarkeitsstudie, erarbeitet durch DB Engineering & Consulting, wurde gemeinschaftlich von mehreren öffentlichen Akteuren getragen. Neben den Ländern Niedersachsen und Sachsen-Anhalt beteiligten sich der Landkreis Harz, die Stadt Braunlage sowie die Braunlage Tourismus GmbH an der Finanzierung. Ziel war es, eine belastbare Grundlage zu schaffen, um über Chancen, Risiken und Realisierbarkeit der Neubaustrecke sachlich entscheiden zu können.

Trassenführung und technische Eckpunkte

Die Studie sieht vor, dass die neue Schmalspurbahnstrecke südlich von Elend ansetzt und in Richtung Braunlage führt. Ein besonderes betriebliches Element ist ein geplantes Gleisdreieck bei Elend, das direkte Fahrten sowohl in Richtung Wernigerode als auch nach Nordhausen ermöglichen würde. Damit wäre Braunlage flexibel in den bestehenden Fahrplan integrierbar – ein entscheidender Punkt für die Attraktivität der Verbindung.

  • Abzweig von der Harzquerbahn südlich von Elend
  • Streckenlänge von rund fünf Kilometern
  • Neuer Endbahnhof in unmittelbarer Nähe zur Wurmbergseilbahn
  • Drei Bahnhofsgleise mit einer Gesamtlänge von etwa 135 Metern
  • Technische Infrastruktur zur Wasserversorgung von Dampflokomotiven

Die Lage des geplanten Endbahnhofs ist strategisch gewählt. Durch die Nähe zu Parkflächen und zur Seilbahn entsteht ein Verkehrsknotenpunkt, der touristische Ströme bündeln könnte. Besucherinnen und Besucher sollen künftig direkt von der Schmalspurbahn in Richtung Wurmberg wechseln können – ohne zusätzlichen Autoverkehr im Ortskern.

Fahrgastpotenzial und touristische Erwartungen

Ein zentrales Argument für die Neubaustrecke ist das prognostizierte Fahrgastaufkommen. Die Machbarkeitsstudie geht – je nach Szenario – von 300.000 bis 400.000 Fahrgästen pro Jahr aus. Diese Einschätzung stützt sich auf die touristische Bedeutung der beteiligten Orte: Wernigerode zählt jährlich rund 1,4 Millionen Übernachtungen, Braunlage etwa 1,2 Millionen. Hinzu kommen Tagesgäste, Ausflügler und Wintersporttouristen, die insbesondere das Wurmberggebiet frequentieren.

Die Harzer Schmalspurbahnen spielen für viele Gäste eine zentrale Rolle im Urlaubserlebnis. Dampfbetrieb, historische Fahrzeuge und landschaftlich reizvolle Streckenführung machen die Bahn zu weit mehr als einem reinen Verkehrsmittel. Die geplante Neubaustrecke soll dieses Angebot erweitern und neue Routen ermöglichen, ohne das bestehende Netz grundlegend zu verändern.

Aus touristischer Sicht verspricht die Verbindung eine Aufwertung des Westharzes. Braunlage würde erstmals direkt in das Schmalspurnetz integriert, während die HSB ihr Angebot geografisch erweitert. Die Strecke könnte sowohl für Tagesausflüge als auch für kombinierte Reiseangebote genutzt werden – etwa in Verbindung mit dem Brocken, dem Wurmberg oder weiteren Ausflugszielen entlang der Harzquerbahn.

Kosten, Finanzierung und wirtschaftlicher Kontext

Die veranschlagten Kosten für den Bau der Neubaustrecke liegen laut Machbarkeitsstudie bei rund 42 Millionen Euro. In dieser Summe enthalten sind Planung, Bau, technische Anlagen sowie notwendige Begleitmaßnahmen. Angesichts der angespannten Finanzlage der Harzer Schmalspurbahnen ist diese Zahl ein zentraler Diskussionspunkt. Das Unternehmen arbeitet seit Jahren defizitär und ist auf regelmäßige Zuschüsse der öffentlichen Hand angewiesen.

Die Studie selbst bewertet die Wirtschaftlichkeit der Strecke differenziert. Zwar können zusätzliche Fahrgäste zu höheren Einnahmen führen, gleichzeitig steigen aber auch Betriebskosten, Instandhaltungsaufwand und langfristige Verpflichtungen. Die Neubaustrecke wird daher nicht als kurzfristige Lösung wirtschaftlicher Probleme betrachtet, sondern als langfristige Investition in die touristische Infrastruktur des Harzes.

Offen bleibt bislang, wie die Finanzierung konkret ausgestaltet werden könnte. Klar ist jedoch, dass ein Projekt dieser Größenordnung ohne erhebliche Fördermittel von Land, Bund oder europäischer Ebene kaum realisierbar wäre. Die Machbarkeitsstudie schafft hier zunächst Transparenz – Entscheidungen über Finanzierungsmodelle stehen noch aus.

Umwelt, Landschaft und planerische Herausforderungen

Der geplante Streckenverlauf berührt sensible Naturräume. Teile der Trasse führen durch oder entlang ökologisch wertvoller Flächen, die besonderen Schutzanforderungen unterliegen. Die Studie berücksichtigt diese Aspekte und verweist auf notwendige Umweltprüfungen, Ausgleichsmaßnahmen und Genehmigungsverfahren, die im weiteren Planungsverlauf unverzichtbar sind.

Gleichzeitig betonen die Projektverantwortlichen, dass die Schmalspurbahn im Vergleich zum Individualverkehr eine umweltfreundliche Alternative darstellt. Eine bessere Bahnverbindung könnte langfristig dazu beitragen, den Autoverkehr in Braunlage und im Wurmberggebiet zu reduzieren – insbesondere in stark frequentierten Zeiten.

Die Balance zwischen Naturschutz, touristischer Nutzung und verkehrlicher Erschließung gilt als eine der größten Herausforderungen des Projekts. Die Machbarkeitsstudie versteht sich daher ausdrücklich nicht als Bauentscheidung, sondern als Grundlage für eine vertiefte Abwägung.

Historische Dimension und regionale Bedeutung

Die Idee einer Bahnverbindung nach Braunlage knüpft an historische Vorbilder an. Bis 1963 war der Ort über die Südharzeisenbahn angebunden, die von Walkenried über Brunnenbachsmühle bis nach Braunlage führte. Mit der Stilllegung der Strecke und den politischen Folgen der deutschen Teilung verlor Braunlage diesen Anschluss dauerhaft. Die heutige Planung wird daher von vielen als späte Korrektur einer historischen Zäsur verstanden.

Für die Region hätte die neue Schmalspurbahnstrecke eine symbolische Bedeutung. Sie würde den Westharz enger mit dem bestehenden Bahnnetz verbinden und ein Zeichen für die Weiterentwicklung einer traditionsreichen Infrastruktur setzen. Zugleich bleibt die Frage, ob und wie sich ein solches Projekt in die veränderten Rahmenbedingungen moderner Mobilität einfügt.

Politische Signale und Zeitplan

Bereits im Jahr 2022 hatte sich der Stadtrat von Braunlage einstimmig für die Prüfung einer Schmalspurbahnanbindung ausgesprochen. Dieses Votum bildete die politische Grundlage für die Beauftragung der Machbarkeitsstudie. Auch auf Ebene der Gesellschafter der Harzer Schmalspurbahnen fand das Vorhaben Unterstützung.

Mit dem Abschluss der Studie beginnt nun eine neue Phase. Vorgesehen sind weitere Planungsschritte wie Grundlagenermittlung und Vorplanung, gefolgt von Genehmigungsverfahren und möglichen Förderanträgen. Die Projektbeteiligten gehen davon aus, dass bis zu einer möglichen Inbetriebnahme ein Zeitraum von rund acht Jahren realistisch ist – vorausgesetzt, politische und finanzielle Entscheidungen fallen entsprechend aus.

Ein Projekt zwischen Vision und Wirklichkeit

Die geplante Neubaustrecke von Elend nach Braunlage ist mehr als ein Infrastrukturprojekt. Sie steht exemplarisch für die Suche nach zukunftsfähigen Lösungen in einer Region, die zwischen touristischem Anspruch, wirtschaftlicher Realität und ökologischer Verantwortung steht. Die Machbarkeitsstudie liefert erstmals eine fundierte Grundlage für diese Debatte. Ob aus der Vision tatsächlich Schienen werden, hängt nun von politischen Prioritäten, finanziellen Spielräumen und der Bereitschaft ab, langfristig in die Mobilität des Harzes zu investieren. Sicher ist nur: Die Diskussion über die Rolle der Harzer Schmalspurbahnen ist mit dieser Studie neu entfacht – und wird die Region noch lange beschäftigen.

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Über den Autor

Berichte und Artikel

Ich bin im Herzen des Harzes aufgewachsen; Diese mystische und sagenumwobene Region inspirierte mich schon früh. Heute schreibe ich aus Leidenschaft, wobei ich die Geschichten und Legenden meiner Heimat in meinen Werken aufleben lasse. Der Harz ist nicht nur meine Heimat, sondern auch meine Muse.