Bei einer Geländeübung in Sankt Andreasberg haben 16 ehrenamtliche Bergretter die Suche, Versorgung und Bergung eines verletzten Mountainbikers trainiert. Mit Gebirgstrage, Seilen und Flaschenzug simulierten sie einen Einsatz abseits befestigter Wege. Die Übung zeigt, wie anspruchsvoll Bergrettung im Harz sein kann – selbst dort, wo keine hochalpinen Bedingungen herrschen.
Sankt Andreasberg, 28. Juli 2026. Der Unfall war gestellt, die Aufgabe realistisch: Ein Mountainbiker ist auf einem schwer zugänglichen Trail gestürzt, hat sich am Oberschenkel verletzt und kann nicht mehr selbstständig gehen. Seine Position ist nur ungefähr bekannt. Für die Bergwacht im Harz beginnt damit ein Einsatz, bei dem medizinische Versorgung, Geländekenntnis und technische Rettung ineinandergreifen müssen.
Am Freitag, 24. Juli, trainierten 16 ehrenamtliche Einsatzkräfte dieses Szenario in Sankt Andreasberg. Beteiligt waren Bergretterinnen und Bergretter aus Vienenburg, Langelsheim, Clausthal-Zellerfeld und Sankt Andreasberg. Im Mittelpunkt stand eine Lage, die für die Bergwacht typisch ist: Der Patient befindet sich dort, wo ein Rettungswagen nicht hinkommt und eine gewöhnliche Trage nicht ausreicht.
Bergwacht im Harz: Erst suchen, dann sichern
Bevor die eigentliche Rettung beginnen konnte, mussten die Einsatzkräfte den vermeintlich Verletzten finden. Eine genaue Standortangabe lag nicht vor. Gerade im unübersichtlichen Gelände kann das wertvolle Zeit kosten. Waldwege, schmale Pfade, Steigungen und Abzweigungen erschweren die Orientierung – auch dann, wenn der Patient selbst noch telefonieren kann.
Solche Suchphasen gehören zum Alltag der Bergwacht im Harz. Wanderer und Mountainbiker bewegen sich oft auf Strecken, die weder mit einem normalen Einsatzfahrzeug noch mit einer Standardtrage erreichbar sind. Dazu kommen lockerer Untergrund, steile Hänge, umgestürzte Bäume und schmale Passagen. Schon der Weg zum Patienten kann damit zu einer technischen Aufgabe werden.
Nach dem Auffinden übernahmen die Einsatzkräfte die medizinische Erstversorgung. Anschließend fixierten sie den Übungspatienten auf einer Gebirgstrage. Diese Tragen sind für Einsätze in unwegsamem Gelände ausgelegt. Sie ermöglichen es, Verletzte sicher zu lagern und kontrolliert über Hänge, schmale Wege oder felsige Abschnitte zu transportieren.
Im Unterschied zu einem gewöhnlichen Krankentransport muss jede Bewegung abgesichert werden. Der Patient darf nicht verrutschen, die Trage nicht kippen, die Helfer dürfen selbst nicht in Gefahr geraten. Bergrettung bedeutet deshalb nicht nur Kraftaufwand. Sie ist vor allem eine Frage der Technik.
Der Flaschenzug wird zum entscheidenden Werkzeug
Der anspruchsvollste Teil der Übung begann beim Abtransport. Die Gebirgstrage sollte einen Hang hinaufgezogen werden. Dafür bauten die Bergretter ein Seilsystem mit Flaschenzug auf. Durch die Umlenkung lässt sich die benötigte Zugkraft verringern. Gleichzeitig muss das System so angelegt sein, dass Trage, Patient und Einsatzkräfte dauerhaft gesichert bleiben.
Bevor ein solcher Aufbau funktioniert, braucht es einen belastbaren Anschlagpunkt. Häufig dienen dafür geeignete Bäume. An der Übungsstelle war ein solcher Punkt zunächst nicht ohne Weiteres vorhanden. Ein Beteiligter verwies darauf, dass Stürme, Trockenheit und Borkenkäferbefall in Teilen des Harzes viele Bäume geschädigt oder verschwinden lassen haben. Für die Rettungskräfte kann das bedeuten, dass vertraute Sicherungsmöglichkeiten fehlen.
Die Bergwacht musste ihr Vorgehen an die Situation anpassen. Genau darin liegt der praktische Wert solcher Übungen. Ein Flaschenzug folgt zwar festen technischen Prinzipien, doch Gelände, Untergrund und vorhandene Sicherungspunkte unterscheiden sich von Einsatz zu Einsatz. Standardlösungen gibt es nur begrenzt.
Die simulierte Bergung gelang. Der Patient wurde mit der Gebirgstrage und dem vorbereiteten Seilsystem aus dem Gelände transportiert. Der im ursprünglichen Arbeitstitel genannte Geländewagen gehört grundsätzlich zur Ausstattung von Bergwachtgruppen. Welche konkrete Rolle ein solches Fahrzeug bei dieser Übung spielte, ist jedoch nicht näher dokumentiert. Sicher belegt ist vor allem der Rettungsablauf mit Trage, Seilen und Flaschenzug.
Warum die Bergwacht auch im Mittelgebirge unverzichtbar ist
Die Bergwacht im Harz übernimmt Einsätze dort, wo der reguläre Rettungsdienst an räumliche Grenzen stößt. Ihre Kräfte versorgen Verletzte oder Erkrankte im Gelände und organisieren den technischen Abtransport. Erst danach kann die Übergabe an einen Rettungswagen oder, bei besonders schwierigen Lagen, an einen Rettungshubschrauber erfolgen.
Das Einsatzspektrum ist breit. Es reicht von gestürzten Wanderern und verunglückten Mountainbikern bis zu Kreislaufproblemen, Herzbeschwerden und Orientierungsnotfällen. Hinzu kommen Rettungen in felsigem Gelände, auf Wintersportflächen, in Höhlen oder Gruben sowie besondere Einsätze an Seilbahnen oder in großer Höhe.
Im Harz gibt es zehn Bergwachtgruppen in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Ihre Mitglieder arbeiten ehrenamtlich, müssen aber unter Bedingungen handeln, die medizinische Erfahrung und technische Präzision verlangen. Die Ausbildung umfasst deshalb weit mehr als Erste Hilfe.
Regelmäßig trainieren die Einsatzkräfte den Umgang mit Gebirgstragen, Statikseilen, Sicherungssystemen und Flaschenzügen. Auch die Suche nach Patienten anhand von Koordinaten, die Versorgung im Gelände und der Transport über schwer zugängliche Strecken gehören dazu. Im Ernstfall muss jeder Handgriff sitzen – oft unter Zeitdruck und bei schwierigen Wetterverhältnissen.
Die Zahl der Einsätze bleibt hoch
Wie häufig die Bergwacht im Harz gebraucht wird, zeigen die Einsatzbilanzen. Für 2024 wurden im Harzkreis 140 Einsätze gemeldet. Dabei retteten die Einsatzkräfte 118 Verletzte; eine Person wurde tot geborgen.
Auch 2026 blieb die Belastung hoch. Allein die Gruppen Wernigerode und Thale rückten im ersten Halbjahr 54-mal aus. Ein Schwerpunkt lag am Brocken und auf den umliegenden Zugangswegen. In vier Fällen war ein Rettungshubschrauber mit Seilwinde erforderlich.
Die Zahlen machen deutlich, dass Bergrettung im Harz kein Randthema ist. Die Region zieht Wanderer, Mountainbiker und Wintersportler an. Je mehr Menschen sich auf schmalen Wegen und abgelegenen Routen bewegen, desto häufiger geraten Rettungskräfte in Lagen, die mit einem gewöhnlichen Krankenwagen nicht zu bewältigen sind.
Digitale Karten und Wander-Apps können helfen, den Standort schneller zu bestimmen. Sie lösen jedoch nicht das eigentliche Problem des Abtransports. Selbst präzise Koordinaten sagen noch nichts darüber aus, wie ein Patient sicher aus einem Hang, einem Waldstück oder von einem schmalen Trail gebracht werden kann.
Zwischen Ortskenntnis und moderner Rettungstechnik
Die Übung in Sankt Andreasberg zeigte den gesamten Ablauf einer Bergrettung im Harz: suchen, medizinisch versorgen, sichern und transportieren. Kein Schritt steht für sich. Wird der Patient schnell gefunden, fehlt aber ein sicherer Transportweg, ist der Einsatz nicht gelöst. Ist die Technik vorhanden, aber das Gelände falsch eingeschätzt, kann sie nicht zuverlässig eingesetzt werden.
Entscheidend ist deshalb das Zusammenspiel aus Ortskenntnis, Ausbildung und Material. Die Bergretter müssen erkennen, welche Route geeignet ist, wo ein Seilsystem aufgebaut werden kann und wie viele Kräfte für den Transport benötigt werden. Gleichzeitig müssen sie den Zustand des Patienten im Blick behalten.
Die Bergwacht im Harz arbeitet damit an einer Schnittstelle zwischen medizinischem Rettungsdienst und technischer Hilfeleistung. Ihre Aufgabe beginnt häufig dort, wo Straßen enden. Sie schafft den Weg zurück zu ihnen.
Übungen schaffen Sicherheit für den Ernstfall
Der simulierte Mountainbike-Unfall war kein außergewöhnliches Szenario. Er orientierte sich an Einsatzlagen, wie sie im Harz tatsächlich auftreten können. Gerade deshalb war die Übung für die beteiligten Bergwachtgruppen relevant.
Dass zunächst ein geeigneter Anschlagpunkt für den Flaschenzug fehlte, machte den Ablauf nicht unrealistisch, sondern im Gegenteil praxisnah. Im Einsatz bestimmt das Gelände die Bedingungen. Die Bergwacht muss daraus eine tragfähige Lösung entwickeln – ohne den Patienten zusätzlich zu gefährden und ohne die Sicherheit der eigenen Kräfte aus dem Blick zu verlieren.
Die Technik hilft dabei. Entscheidend bleibt jedoch, dass die Ehrenamtlichen sie beherrschen, untereinander abgestimmt handeln und auch dann Lösungen finden, wenn der geplante Weg nicht sofort funktioniert. Genau das wurde in Sankt Andreasberg trainiert.


















