Handwerk im Harz
Freisprechung in Goslar: Handwerk im Harz sucht weiter Nachwuchs

Handwerk im Harz

In Goslar sind junge Handwerkerinnen und Handwerker bei einer Freisprechungsfeier am Rammelsberg für ihren erfolgreichen Ausbildungsabschluss geehrt worden. Zugleich bleibt die Nachwuchsgewinnung für Handwerksbetriebe in der Harzregion schwierig: Im Agenturbezirk Braunschweig-Goslar sind weiterhin Hunderte Ausbildungsstellen unbesetzt. Die Lage ist allerdings widersprüchlicher, als es der Begriff Azubimangel vermuten lässt.
Goslar, 9. September 2026. Der Gesellenbrief markiert im Handwerk einen klaren Einschnitt. Ausbildung beendet, Prüfung bestanden, ein neuer beruflicher Abschnitt beginnt. Genau dieser Moment stand bei der Freisprechungsfeier am Rammelsberg in Goslar im Harz im Mittelpunkt. Nach Angaben der Goslarschen Zeitung wurden dort junge Gesellinnen und Gesellen des regionalen Handwerks für ihren erfolgreichen Abschluss gewürdigt und erhielten ihre Zertifikate.
Unter den Gästen war auch der frühere Bundesaußenminister und Vizekanzler Sigmar Gabriel. Der Goslarer Ehrenbürger würdigte die Nachwuchskräfte. Die Veranstaltung rückte damit jene jungen Fachkräfte ins Zentrum, die viele Handwerksbetriebe zugleich dringend suchen.
Die Freisprechung fällt in eine Phase, in der der Ausbildungsmarkt der Region weiter angespannt bleibt. Ende August waren im Bezirk der Arbeitsagentur Braunschweig-Goslar noch 618 Ausbildungsstellen unbesetzt. Gleichzeitig suchten dort 628 junge Menschen weiterhin nach einem Ausbildungsplatz.
Die Zahlen zeigen vor allem eines: Ein einfacher Mangel an Bewerbern erklärt die Situation nicht. Ausbildungsstellen sind vorhanden, ebenso Jugendliche auf der Suche. Trotzdem finden beide Seiten nicht immer zusammen. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit bleibt die passende Zuordnung von Berufswünschen, Qualifikationen, Standorten und Anforderungen der Betriebe eine zentrale Herausforderung.
Gerade für das Handwerk ist das entscheidend. Ein Betrieb kann einen Ausbildungsplatz anbieten und dennoch ohne geeigneten Bewerber bleiben. Umgekehrt können Jugendliche eine Ausbildung suchen, ohne in ihrem Wunschberuf oder an ihrem Wohnort ein passendes Angebot zu finden. Unter den Berufen mit weiterhin offenen Stellen wurden unter anderem Elektroniker genannt.
Seit Oktober 2025 hatten sich im Bezirk Braunschweig-Goslar insgesamt 3.079 Bewerberinnen und Bewerber für eine Ausbildungsstelle gemeldet. Arbeitgeber meldeten im selben Zeitraum 2.967 Ausbildungsplätze. Ende August war der Markt noch längst nicht vollständig geräumt.
In Goslar wurden junge Handwerkerinnen und Handwerker bei einer Freisprechung am Rammelsberg gewürdigt. Gleichzeitig bleiben im Agenturbezirk Braunschweig-Goslar zahlreiche Ausbildungsstellen unbesetzt.
| Kennzahl | Stand Ende August 2026 |
|---|---|
| Gemeldete Bewerber seit Oktober 2025 | 3.079 |
| Gemeldete Ausbildungsstellen | 2.967 |
| Noch suchende Bewerber | 628 |
| Noch unbesetzte Ausbildungsstellen | 618 |
Für die Einordnung ist wichtig: Diese Zahlen gelten für den gesamten Agenturbezirk Braunschweig-Goslar. Sie lassen sich nicht eins zu eins auf die Stadt Goslar oder den Landkreis übertragen. Als regionaler Indikator für Goslar und das Harzvorland zeigen sie dennoch, wie groß die Herausforderung bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen noch kurz vor Beginn des Herbstes ist.
Wer die Lage allein als Rückzug junger Menschen aus dem Handwerk beschreibt, greift allerdings zu kurz. Bundesweit entwickeln sich die Neuverträge zuletzt sogar positiv. Zwischen Januar und Juni 2026 wurden knapp 67.800 neue Ausbildungsverträge im Handwerk registriert. Das waren rund 4,9 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Damit ist ein viertes Jahr in Folge mit steigenden Ausbildungszahlen möglich. Gleichzeitig bleiben im Handwerk in einem durchschnittlichen Jahr rund 20.000 angebotene Ausbildungsplätze unbesetzt.
Diese beiden Entwicklungen schließen sich nicht aus. Mehr junge Menschen können eine Ausbildung im Handwerk beginnen, während einzelne Betriebe, Regionen oder Gewerke weiterhin Schwierigkeiten haben, ihre Lehrstellen zu besetzen. Für die Bewertung des Ausbildungsmarktes ist deshalb nicht allein die Gesamtzahl neuer Verträge entscheidend. Relevant ist auch, wo Nachwuchs fehlt und in welchen Berufen Angebot und Nachfrage auseinanderliegen.
In Goslar zeigt sich diese Suche nach passenden Bewerbern ganz konkret. Bereits im Juni veranstaltete die Arbeitsagentur die Ausbildungsmesse „Deine Ausbildung 2 GO…slar“. Rund 100 junge Menschen trafen dort auf sieben Unternehmen, die noch Ausbildungsplätze für 2026 zu vergeben hatten. Zum Angebot gehörten auch handwerkliche Berufe.
Der direkte Kontakt spielt dabei eine wichtige Rolle. Nicht jede Ausbildungsentscheidung entsteht über eine Stellenanzeige. Gespräche mit Betrieben, Einblicke in Tätigkeiten und konkrete Ansprechpartner können Berufe sichtbar machen, die Jugendliche zuvor kaum in Betracht gezogen haben.
Auch in den kommenden Tagen bleibt Berufsorientierung in Goslar ein Thema. Für die Messe #TschüssSchule am 16. und 17. September im Goslarer Kreishaus werden mehr als 100 Unternehmen und Institutionen sowie rund 1.900 Schülerinnen und Schüler erwartet. Handwerksbetriebe sollen ebenfalls vertreten sein.
Solche Formate ändern die strukturellen Probleme des Ausbildungsmarktes nicht von heute auf morgen. Sie können aber dort ansetzen, wo die aktuelle Lage besonders deutlich wird: bei der direkten Vermittlung zwischen Betrieben mit offenen Lehrstellen und Jugendlichen, die ihren beruflichen Weg noch nicht festgelegt haben.
Die Freisprechungsfeier am Rammelsberg steht deshalb für mehr als einen formalen Abschluss. Sie zeigt die Seite des Ausbildungsmarktes, auf der das System funktioniert hat: Junge Menschen haben einen Beruf gewählt, eine Ausbildung durchlaufen, ihre Prüfungen bestanden und stehen nun als qualifizierte Fachkräfte zur Verfügung.
Für die Betriebe ist genau das von zentraler Bedeutung. Nachwuchsgewinnung endet nicht mit der Unterzeichnung eines Ausbildungsvertrags. Entscheidend ist, dass Auszubildende ihre Lehre erfolgreich abschließen und anschließend im Beruf bleiben. Die frisch freigesprochenen Gesellinnen und Gesellen stehen damit für das Ergebnis eines Prozesses, um dessen Beginn viele Unternehmen derzeit intensiv werben.
Wie viele Nachwuchskräfte bei der aktuellen Goslarer Feier insgesamt freigesprochen wurden und welche Gewerke im Einzelnen vertreten waren, geht aus den bislang belastbar zugänglichen Angaben nicht eindeutig hervor. Gesichert ist jedoch, dass die Veranstaltung am Rammelsberg den erfolgreichen Handwerksnachwuchs der Region in den Mittelpunkt stellte.
Gerade dieser Gegensatz prägt die Lage des Handwerks in Goslar und der Harzregion: Auf der einen Seite stehen junge Fachkräfte, die ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben. Auf der anderen Seite suchen Betriebe weiterhin nach Nachwuchs für freie Ausbildungsplätze.
Von einem pauschalen Einbruch der handwerklichen Ausbildung kann dabei keine Rede sein. Die bundesweit steigenden Neuverträge sprechen dagegen. Zugleich zeigen die regionalen Arbeitsmarktdaten, dass die Besetzung von Lehrstellen schwierig bleibt.
Für das Handwerk im Harz liegt die Aufgabe deshalb nicht allein darin, mehr Jugendliche für eine Ausbildung zu gewinnen. Es geht ebenso darum, die passenden Bewerber mit den passenden Betrieben und Berufen zusammenzubringen. Die Freisprechung in Goslar macht sichtbar, was am Ende dieses Weges steht: qualifizierter Nachwuchs, den viele Unternehmen dringend brauchen.
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