Im Landkreis Harz fehlen in mehreren Fachrichtungen Ärzte, während gesetzlich Versicherte bundesweit länger auf einen Facharzttermin warten als noch vor wenigen Jahren. Ab 2027 ändern sich zudem Vergütungsregeln für kurzfristig vermittelte Termine und offene Sprechstunden. Ob sich die Lage dadurch im Harz tatsächlich verschärft, ist noch offen – der Druck auf die Versorgung ist jedoch schon heute sichtbar.
Harz, 22. August 2026. Wer im Landkreis Harz einen Facharzttermin braucht, trifft je nach Fachrichtung auf eine angespannte Versorgungslage. Besonders deutlich zeigt sich das dort, wo Praxissitze nicht besetzt sind. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt stehen im Planungsbereich Harz derzeit unter anderem drei Augenarztstellen, sechs Stellen für ärztliche Psychotherapeuten und eine halbe Nervenarztstelle zur Besetzung zur Verfügung.
Diese Zahlen erzählen allerdings nur einen Teil der Geschichte. Sie bedeuten nicht, dass der gesamte Landkreis formal unterversorgt ist. Die vertragsärztliche Bedarfsplanung betrachtet einzelne Arztgruppen getrennt voneinander. Während in einer Fachrichtung Sitze frei sind, kann eine andere rechnerisch ausreichend oder sogar gut besetzt sein.
Für Patienten ist diese Systematik nur bedingt hilfreich. Entscheidend ist im Alltag nicht allein, ob eine Region auf dem Papier ausreichend versorgt ist, sondern ob tatsächlich ein Facharzttermin in zumutbarer Zeit verfügbar ist.
Facharzttermine im Harz stehen unter wachsendem Druck
Der Ärztemangel im Harz steht nicht isoliert. Bundesweit hat sich die Wartezeit auf einen Facharzttermin für gesetzlich Versicherte verlängert. Wie die Tagesschau unter Berufung auf aktuelle Daten berichtete, lag die durchschnittliche Wartezeit 2024 bei 42 Tagen. 2019 waren es noch 33 Tage.
Für den Landkreis Harz selbst gibt es dagegen keine belastbare öffentliche Statistik, die durchschnittliche Wartezeiten nach Fachrichtungen ausweist. Aussagen, wonach Patienten dort generell erst 2027 einen Termin erhalten, lassen sich deshalb nicht belegen.
Belegt ist aber, dass die medizinische Versorgung in Sachsen-Anhalt insgesamt unter Druck steht. Landesweit sind rund 240 Haus- und Facharztstellen unbesetzt. Gerade in ländlich geprägten Regionen treffen freie Praxissitze, Altersabgänge und Nachwuchsprobleme auf eine Bevölkerung, die auf eine wohnortnahe Versorgung angewiesen ist.
Das zeigt sich im Harz besonders dort, wo einzelne Facharztgruppen schon länger Schwierigkeiten bei der Nachbesetzung haben.
Augenärzte bleiben ein Engpass im Harz
Die Augenheilkunde gehört zu den Fachrichtungen, bei denen der Landkreis Harz bereits in früheren Versorgungsübersichten auffiel. Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt hatte die Region zeitweise als von drohender Unterversorgung betroffen eingestuft. Auch die aktuelle Bedarfsplanung weist weiterhin mehrere freie Augenarztstellen aus.
Eine freie Stelle ist jedoch nicht gleichbedeutend mit einem vollständig fehlenden Versorgungsangebot. Sie zeigt vielmehr, dass in der vorgesehenen Struktur Ärzte fehlen oder zusätzliche Niederlassungen möglich sind. Ob Patienten deshalb vier Wochen, drei Monate oder noch länger warten, lässt sich daraus nicht unmittelbar ableiten.
Genau hier liegt eine zentrale Schwierigkeit bei der Bewertung des Ärztemangels. Statistische Bedarfsplanung und tatsächliche Terminverfügbarkeit können auseinanderfallen. Eine Region kann formal ausreichend versorgt sein und dennoch überlastete Praxen haben. Umgekehrt bedeutet eine offene Arztstelle nicht automatisch, dass eine ganze Fachrichtung zusammengebrochen ist.
Das Wichtigste in Kürze
Im Landkreis Harz sind in mehreren Fachrichtungen Praxissitze unbesetzt, während bundesweit längere Wartezeiten auf Facharzttermine dokumentiert sind. Ab 2027 ändern sich zusätzlich Vergütungsregeln für vermittelte Termine und offene Sprechstunden.
- Wo?
- Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt stehen im Planungsbereich Harz derzeit unter anderem drei Augenarztstellen, sechs Stellen für ärztliche Psychotherapeuten und eine halbe Nervenarztstelle zur Besetzung zur Verfügung.
- Was ist bestätigt?
- Wie die Tagesschau unter Berufung auf aktuelle Daten berichtete, lag die durchschnittliche Wartezeit 2024 bei 42 Tagen.
- Wann?
- Der Bundestag beschloss am 10. Juli 2026 das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, das am selben Tag auch den Bundesrat passierte.
- Was gilt konkret?
- Ab 2027 werden damit finanzielle Sonderregelungen verändert, die bislang bestimmte kurzfristig vermittelte Facharzttermine und offene Sprechstunden zusätzlich vergüten.
- Was ist noch offen?
- Für den Harz gibt es keine belastbare Schätzung darüber, wie viele Facharzttermine ab 2027 entfallen könnten.
Warum 2027 für Facharzttermine wichtig wird
Zusätzliche Aufmerksamkeit richtet sich auf das kommende Jahr. Der Bundestag beschloss am 10. Juli 2026 das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, das am selben Tag auch den Bundesrat passierte. Ab 2027 werden damit finanzielle Sonderregelungen verändert, die bislang bestimmte kurzfristig vermittelte Facharzttermine und offene Sprechstunden zusätzlich vergüten.
Dazu gehören unter anderem Termine, die über Terminservicestellen oder auf Vermittlung von Hausärzten zustande kommen. Auch bei offenen Sprechstunden ändern sich die Rahmenbedingungen.
Das Bundesgesundheitsministerium begründet diesen Schritt damit, dass ein deutlich spürbarer Nutzen der bisherigen zusätzlichen Vergütung für den Zugang zur Versorgung nicht ausreichend nachgewiesen worden sei.
Fachärzteverbände widersprechen dieser Einschätzung. Der Spitzenverband Fachärztinnen und Fachärzte Deutschlands warnt davor, dass durch die Änderungen bundesweit deutlich weniger Facharzttermine angeboten werden könnten. Der Verband spricht von mindestens 46 Millionen Terminen, die betroffen sein könnten.
Diese Zahl ist keine amtliche Prognose. Sie stammt aus einer Berechnung des Verbandes und beschreibt ein mögliches Szenario. Wie stark Patienten tatsächlich betroffen sein werden, ist derzeit nicht seriös vorherzusagen. Für den Harz gibt es keine belastbare Schätzung darüber, wie viele Facharzttermine ab 2027 entfallen könnten.
Der Streit um offene Sprechstunden und Terminvermittlung
Die Debatte hat inzwischen auch eine politische und berufspolitische Dimension. Fachärztevertreter haben angekündigt, das Terminangebot zum Ende von Quartalen ab 2027 teilweise einzuschränken. In der Diskussion sind auch mehrwöchige Reduzierungen von Sprechstunden als Protest gegen die neuen Vergütungsregeln.
Ob solche Maßnahmen tatsächlich flächendeckend umgesetzt werden, ist offen. Ebenso unklar ist, welche Fachrichtungen sich beteiligen und ob einzelne Regionen stärker betroffen wären als andere.
Für den Harz ist diese Unsicherheit besonders relevant, weil zusätzliche Einschränkungen auf eine Versorgung treffen könnten, die in einigen Fachrichtungen bereits heute Nachbesetzungsprobleme zeigt. Ein neuer Engpass müsste dort nicht erst entstehen – er könnte bestehende Schwächen verstärken.
Harz setzt bei Ärztenachwuchs auf stärkere regionale Bindung
Parallel zur Diskussion über kurzfristige Facharzttermine laufen im Harz Versuche, das strukturelle Problem langfristig anzugehen. Die Universitätsmedizin Halle und das Harzklinikum vereinbarten im Januar 2026 den Aufbau eines Medizin-Campus am Harzklinikum.
Erste klinische Blockpraktika sollen im Wintersemester 2026/2027 stattfinden. Medizinstudierende sollen damit frühzeitig praktische Erfahrungen in der Region sammeln und stärker mit den Strukturen im Harz in Kontakt kommen.
Das Ziel ist klar: Nachwuchs soll nicht erst nach dem Studium für ländliche Regionen gewonnen werden, sondern möglichst schon während der Ausbildung eine Bindung an den Standort entwickeln.
Das Harzklinikum selbst verweist auf einen wachsenden ärztlichen Personalbedarf. Nach Angaben des Klinikgeschäftsführers stammt bereits rund ein Drittel der dort tätigen Ärzteschaft aus dem Ausland. Internationale Fachkräfte tragen damit schon heute wesentlich dazu bei, die medizinische Versorgung aufrechtzuerhalten.
Der geplante Medizin-Campus kann den Mangel an Fachärzten jedoch nicht kurzfristig beheben. Ausbildung, Weiterbildung und Niederlassung dauern Jahre. Für Patienten, die heute einen Facharzttermin suchen, ist das keine schnelle Lösung.
Der Druck auf die Versorgung im Harz beginnt nicht erst 2027
Das Jahr 2027 markiert deshalb nicht den Beginn des Ärztemangels im Harz. Die strukturellen Probleme bestehen bereits heute: freie Facharztsitze, schwierige Nachbesetzungen, lange Wege und eine bundesweit steigende Wartezeit auf Facharzttermine.
Neu ist der zusätzliche Konflikt um Vergütungsregeln. Sollte sich das Terminangebot tatsächlich verringern, könnten bestehende Engpässe schärfer sichtbar werden. Wie stark das geschieht, lässt sich derzeit nicht beziffern.
Fest steht: Patienten im Harz warten nicht pauschal bis 2027 auf einen Facharzttermin. Belegt ist vielmehr eine angespannte Versorgung in einzelnen Bereichen, die durch strukturellen Ärztemangel und offene Praxissitze geprägt ist. Ab 2027 kommt mit den neuen Vergütungsregeln ein weiterer Unsicherheitsfaktor hinzu – und damit eine Frage, die für Patienten im Harz zunehmend entscheidend werden könnte: Wie schnell lässt sich künftig noch ein Facharzttermin bekommen?
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