Fast 990 Hektar Wald bei Stolberg im Südharz sollen künftig ohne reguläre Forstwirtschaft auskommen. Dafür erhält die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe rund 31,8 Millionen Euro Bundesförderung. Das Projekt soll einen großen, buchenreichen Wald dauerhaft der natürlichen Entwicklung überlassen – und zeigt, wie aus bewirtschafteter Fläche schrittweise Waldwildnis werden soll.
Stolberg, 14. August 2026. Auf knapp 990 Hektar Wald im Südharz beginnt ein langfristiger Wandel. Südwestlich von Stolberg im Landkreis Mansfeld-Südharz soll sich eine große, bislang privat bewirtschaftete Waldfläche künftig weitgehend ohne forstwirtschaftliche Eingriffe entwickeln. Die Fläche gehört inzwischen der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe und wird über das Bundesprogramm KlimaWildnis gefördert.
Bundesumweltminister Carsten Schneider übergab dafür bei einem Termin im Südharz eine Förderurkunde an die Stiftung. Sachsen-Anhalts Umweltminister Armin Willingmann war ebenfalls vor Ort. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums umfasst die Förderung rund 31,8 Millionen Euro. Etwa 29,7 Millionen Euro davon entfallen auf den eigentlichen Waldankauf, hinzu kommen förderfähige Kaufnebenkosten.
Waldwildnis im Harz: Gefördert werden exakt 989,75 Hektar
In der öffentlichen Wahrnehmung wird das Projekt häufig auf die runde Marke von 1000 Hektar gebracht. Die tatsächlich geförderte Fläche ist jedoch genauer ausgewiesen: Nach Angaben der Zukunft – Umwelt – Gesellschaft gGmbH umfasst die KlimaWildnis-Fläche bei Stolberg 989,75 Hektar. Auf genau diese Größe bezieht sich die Bundesförderung.
Das gesamte von der NABU-Stiftung erworbene Waldpaket ist allerdings größer. Die Stiftung spricht von mehr als 1000 Hektar zusammenhängendem Laubmischwald, die im Winter 2025/2026 übernommen worden seien. Zusätzliche Flächen außerhalb der Bundesförderung wurden demnach mithilfe von Spenden finanziert.
Für das Projekt ist diese Unterscheidung wichtig. Gefördert wird nicht pauschal ein rund 1000 Hektar großes Gebiet, sondern eine exakt vermessene Fläche von knapp 990 Hektar. Der Förderzeitraum läuft laut den veröffentlichten Projektdaten vom 1. Dezember 2025 bis zum 30. Juni 2027.
Das Wichtigste in Kürze
Fast 990 Hektar buchenreicher Wald bei Stolberg im Südharz sollen künftig ohne reguläre Forstwirtschaft auskommen. Der Bund fördert das KlimaWildnis-Projekt mit rund 31,8 Millionen Euro.
- Wo?
- Auf knapp 990 Hektar Wald im Südharz beginnt ein langfristiger Wandel.
- Was ist bestätigt?
- Nach Angaben des Bundesumweltministeriums umfasst die Förderung rund 31,8 Millionen Euro.
- Was gilt konkret?
- Die tatsächlich geförderte Fläche ist jedoch genauer ausgewiesen: Nach Angaben der Zukunft – Umwelt – Gesellschaft gGmbH umfasst die KlimaWildnis-Fläche bei Stolberg 989,75 Hektar.
- Was bedeutet das?
- Tatsächlich ist die Zielsetzung präziser: Die reguläre forstwirtschaftliche Nutzung endet, und der Wald soll sich weitgehend eigendynamisch entwickeln.
Warum der Wald bei Stolberg kaum umgebaut werden muss
Der Wald bei Stolberg unterscheidet sich in seiner Zusammensetzung deutlich von jenen Beständen im Harz, die in den vergangenen Jahren besonders stark unter dem großflächigen Absterben von Fichten gelitten haben. Der geförderte Wald besteht überwiegend aus Laubbäumen und ist vergleichsweise naturnah aufgebaut.
Rund 76,5 Prozent des Bestands entfallen nach den Projektdaten auf Buchen. Hinzu kommen unter anderem Eschen, Berg-Ahorn, Eichen und Birken. Fichten machen lediglich etwa 2,9 Prozent aus. Insgesamt gehören rund 91 Prozent der vorhandenen Bäume zu Arten der jeweils natürlichen Waldgesellschaft.
Das hat Folgen für die weitere Entwicklung der Waldwildnis. Ein groß angelegter künstlicher Waldumbau ist nicht vorgesehen. Die Bundesregierung erklärte bereits in ihrer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage, dass die Fläche wegen des geringen Fichtenanteils vergleichsweise wenig vom Fichtensterben betroffen und nahezu vollständig bestockt sei.
Damit beginnt die natürliche Waldentwicklung nicht auf einer großflächig geschädigten oder neu zu bepflanzenden Fläche, sondern in einem bereits vorhandenen, buchenreichen Mischwald. Genau diese Ausgangslage ist für das Projekt zentral.
Was „Wildnis“ im Südharz konkret bedeutet
Der Begriff Waldwildnis kann leicht den Eindruck vermitteln, auf der Fläche geschehe künftig überhaupt nichts mehr. Tatsächlich ist die Zielsetzung präziser: Die reguläre forstwirtschaftliche Nutzung endet, und der Wald soll sich weitgehend eigendynamisch entwickeln.
Bäume werden damit nicht mehr nach wirtschaftlichen Vorgaben genutzt. Alte Bestände können weiter altern, abgestorbene Bäume bleiben Teil des Ökosystems, natürliche Verjüngung gewinnt an Bedeutung. Der Wald soll sich nach und nach ohne klassischen Holzeinschlag und ohne fortlaufende forstliche Steuerung verändern.
Völlig frei von menschlichen Eingriffen bleibt das Gebiet dennoch nicht. Die NABU-Stiftung plant unter anderem Bestandsaufnahmen zu Fledermäusen, Vögeln, Tagfaltern, Baumhöhlen und Totholz. Auch die Verkehrssicherung entlang von Straßen bleibt notwendig.
Wanderwege sollen ebenfalls weiterhin genutzt werden können. Damit ist die Waldwildnis bei Stolberg kein vollständig abgeschottetes Gebiet. Der Schwerpunkt liegt vielmehr darauf, die natürlichen Prozesse im Wald gegenüber der wirtschaftlichen Nutzung in den Vordergrund zu stellen.
Die Millionenförderung war schon vor der Urkunde entschieden
Die Übergabe der Förderurkunde im August ist der sichtbare politische Moment eines Projekts, dessen Finanzierung und Flächenerwerb bereits vorher vorbereitet worden waren. Nach Angaben der Bundesregierung wurde der Förderantrag Mitte 2025 gestellt und Ende desselben Jahres bewilligt. Anschließend wurde der Kauf vollzogen.
Auch die Bewertung des Kaufpreises war Teil des Förderverfahrens. Die Bundesregierung verwies in ihrer Antwort auf den Bundestag darauf, dass ein aktuelles Wertgutachten vorgelegen habe. Zusätzlich seien Vergleichswerte anderer Waldkäufe und Kaufangebote in der Region berücksichtigt worden.
Der Einsatz öffentlicher Mittel für den Ankauf privaten Waldes war zuvor politisch umstritten. Eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion im Bundestag thematisierte die Finanzierung des Projekts. Die Bundesregierung verwies daraufhin auf die Förderrichtlinie KlimaWildnis und deren naturschutzpolitische Zielsetzung.
Für das aktuelle Projekt ändert diese Debatte nichts am bereits vollzogenen Erwerb. Die zentrale Entscheidung steht: Die geförderte Fläche ist gesichert und soll dauerhaft ohne forstwirtschaftliche Nutzung weiterentwickelt werden.
Fast 1000 Hektar als zusammenhängende Waldwildnis im Harz
Bemerkenswert ist vor allem die Größe der Fläche. Eine zusammenhängende Waldwildnis von knapp 1000 Hektar eröffnet andere ökologische Entwicklungsmöglichkeiten als viele kleinere, voneinander getrennte Schutzflächen. Natürliche Alterungsprozesse können auf größerem Raum ablaufen, ebenso die Entwicklung von Totholz, Baumhöhlen und unterschiedlichen Waldstrukturen.
Das Projekt soll zugleich zu dem bundesweiten Ziel beitragen, mehr Waldflächen dauerhaft einer natürlichen Entwicklung zu überlassen. Die NABU-Stiftung will das Gebiet nach eigenen Angaben perspektivisch weiter ergänzen, sodass ein großräumiges Wildnisgebiet von mehr als 1000 Hektar dauerhaft gesichert wird.
Wichtig bleibt dabei die geografische Einordnung. Die Fläche liegt bei Stolberg im Südharz, ist aber nicht mit dem Nationalpark Harz gleichzusetzen. Sie wird als eigenständige KlimaWildnis-Fläche entwickelt.
Ein Waldprojekt im Harz, dessen Wirkung erst in Jahrzehnten sichtbar wird
Die Förderurkunde steht deshalb weniger für einen kurzfristigen Eingriff als für einen langfristigen Kurswechsel im Südharz. Auf 989,75 Hektar bestimmt künftig nicht mehr der Holzertrag die Entwicklung des Waldes. Stattdessen sollen natürliche Alterung, Verjüngung und Zerfall wieder stärker Raum bekommen.
Wie die Waldwildnis bei Stolberg in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren aussehen wird, lässt sich heute nicht vorwegnehmen. Der Rahmen ist jedoch klar gesetzt: Die reguläre Forstwirtschaft endet, der bestehende buchenreiche Mischwald im Harz bleibt erhalten und soll sich möglichst aus eigener Dynamik weiterentwickeln. Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung des Projekts im Südharz.


















