Rund um Nordhausen sichern ehrenamtliche Naturschützer wertvolle Offenlandschaften im Südharz. Davon profitieren seltene Orchideen ebenso wie eine außergewöhnlich artenreiche Schmetterlingsfauna. Besonders die Rüdigsdorfer Schweiz zeigt, warum Naturschutz dort nicht allein durch Rückzug des Menschen funktioniert, sondern dauerhaft Pflege braucht.
Nordhausen, 29. August 2026. Wer durch die Rüdigsdorfer Schweiz geht, sieht eine Landschaft, deren ökologischer Wert auf den ersten Blick leicht unterschätzt werden kann. Trockenrasen, Bergwiesen und offene Flächen prägen Teile des Gebietes. Gerade diese Standorte sind für zahlreiche spezialisierte Pflanzen und Insekten wichtig – und sie bleiben nicht automatisch in diesem Zustand.
Im Raum Nordhausen gehört deshalb praktische Landschaftspflege seit Jahren zum Naturschutz. Ehrenamtliche helfen dabei, offene Flächen zu erhalten und damit Lebensräume zu sichern, auf die seltene Orchideen und zahlreiche Schmetterlingsarten angewiesen sind. Nach Angaben des BUND-Kreisverbandes Nordhausen zählt diese Arbeit zu den zentralen Aufgaben der örtlichen Naturschützer.
Landschaftspflege schützt seltene Orchideen im Südharz
Die Rüdigsdorfer Schweiz ist Teil einer besonderen Gipskarstlandschaft im Südharz. Ihre Bedeutung liegt nicht allein in einzelnen spektakulären Arten, sondern im Zusammenspiel verschiedener Lebensräume. Gerade nährstoffarme, trockene und offene Flächen bieten Bedingungen, die andernorts durch intensive Nutzung, Bebauung oder zunehmende Verbuschung selten geworden sind.
Für den BUND-Kreisverband Nordhausen ist die Pflege solcher Flächen deshalb keine Nebenaufgabe. Ende 2022 hatte der Verband in der Rüdigsdorfer Schweiz bereits seinen 160. Landschaftspflegeeinsatz durchgeführt. Das zeigt, wie langfristig diese Arbeit angelegt ist. Ein einzelner Aktionstag reicht nicht aus, wenn sich Vegetation und Standortbedingungen über Jahre verändern.
Zu den Arten, die von geeigneten Offenlandstrukturen profitieren, gehört das Blasse Knabenkraut. Auch weitere Orchideen sind für das Gebiet dokumentiert. Die Natura-2000-Unterlagen zur Rüdigsdorfer Schweiz nennen unter anderem die Große Händelwurz, das Stattliche Knabenkraut und die Braunrote Sitter.
Orchideen reagieren häufig empfindlich auf Veränderungen ihres Standortes. Wird ein Trockenrasen dichter, breiten sich Gehölze aus oder verändert sich die Nutzung, können lichte und warme Bereiche verloren gehen. Der offizielle Managementplan für das Natura-2000-Gebiet sieht deshalb ausdrücklich Pflege- und Nutzungsmaßnahmen vor, um orchideenreiche Trockenrasen zu erhalten.
Warum die Rüdigsdorfer Schweiz für Schmetterlinge so wichtig ist
Mindestens ebenso bemerkenswert ist die Bedeutung der Landschaft für Schmetterlinge. Fachliche Untersuchungen dokumentieren für einen Teil der Rüdigsdorfer Schweiz 438 Großschmetterlingsarten. Diese Zahl stammt aus einer älteren wissenschaftlichen Erhebung und ist keine aktuelle Bestandsaufnahme für das Jahr 2026. Sie verdeutlicht jedoch, wie außergewöhnlich artenreich der Gipskarst im Raum Nordhausen und am südlichen Rand des Harzes ist.
Auch die Stiftung Pro Artenvielfalt beschreibt die Bergwiesen und Gipskarst-Trockenrasen bei Nordhausen als Lebensraum von mehr als 300 tag- und nachtaktiven Schmetterlingsarten. Für ihren Erhalt sind nicht nur Blütenpflanzen entscheidend. Viele Arten benötigen bestimmte Strukturen, Nahrungspflanzen, Wärmebedingungen und offene Bereiche, die im Verlauf der natürlichen Sukzession verloren gehen können.
Damit wird Landschaftspflege zu einem unmittelbaren Teil des Schmetterlingsschutzes. Wo Wiesen nicht mehr genutzt oder gepflegt werden, kann sich die Vegetation verändern. Sträucher breiten sich aus, Schatten nimmt zu, konkurrenzstarke Pflanzen verdrängen Arten trockener Standorte. Aus einem artenreichen Offenland kann so schrittweise ein völlig anderer Lebensraum werden.
Nichtstun ist nicht überall die beste Naturschutzstrategie
Naturschutz wird häufig mit möglichst wenig menschlichem Eingriff verbunden. In vielen Wäldern oder naturnahen Rückzugsräumen ist genau das sinnvoll. Bei historisch gewachsenen Kulturlandschaften sieht die Lage anders aus.
Viele Wiesen, Magerrasen und Trockenrasen sind über lange Zeit durch Mahd, Beweidung oder andere Formen extensiver Nutzung geprägt worden. Fallen diese Einflüsse vollständig weg, setzt eine Entwicklung ein, die ökologisch keineswegs wertlos ist, aber andere Arten begünstigt. Für jene Pflanzen und Insekten, die auf offene, sonnige Standorte spezialisiert sind, können die Bedingungen schlechter werden.
Deshalb gehören Mahd, Beweidung und das Zurückdrängen von Gehölzen zu den klassischen Instrumenten der Landschaftspflege. Die Maßnahmen sollen eine Fläche nicht „aufräumen“. Sie dienen dazu, einen bestimmten Lebensraumtyp mit seinen charakteristischen Arten zu bewahren.
In der Rüdigsdorfer Schweiz zeigt sich dieses Prinzip besonders deutlich. Der Schutz einzelner Orchideen oder Schmetterlinge lässt sich dort kaum von der Pflege des gesamten Lebensraums trennen.
Naturschutz im Südharz wird von mehreren Akteuren getragen
Der BUND ist nicht die einzige Organisation, die im Landkreis Nordhausen und im Südharz praktisch arbeitet. Auch der NABU-Kreisverband Nordhausen organisiert ehrenamtliche Einsätze. Für 2026 stehen nach dessen Arbeitsplan unter anderem Arbeiten an Teichen, an einer Grünbrücke und auf weiteren Naturschutzflächen auf dem Programm. Im Mai gehörte zudem eine Orchideenexkursion zum Jahresplan.
Hinzu kommen der Landschaftspflegeverband Südharz/Kyffhäuser und weitere Akteure des regionalen Naturschutzes. In den vergangenen Jahren wurden im Südharz verschiedene Projekte umgesetzt, die den Erhalt der Gipskarstlandschaft und ihrer biologischen Vielfalt zum Ziel hatten.
Auch der langfristige Zugriff auf Flächen spielt dabei eine Rolle. Die Stiftung Pro Artenvielfalt hatte bereits 2005 und 2006 rund 12,9 Hektar in der Rüdigsdorfer Schweiz erworben. Im Juni 2025 kam nach Angaben der Stiftung ein weiterer Kaufvertrag über etwa 2,3 Hektar Bergwiesen hinzu.
Auf solchen Flächen setzt die Stiftung unter anderem auf extensive Beweidung mit Schafen und Ziegen. Das Prinzip dahinter ist vergleichsweise einfach: Die Vegetation bleibt niedrig und offen, Gehölze werden zurückgedrängt, und lichtliebende Arten behalten ihren Lebensraum.
Ehrenamt ersetzt keine Strategie – macht sie aber sichtbar
Die Arbeit der Freiwilligen ist dabei nur ein Teil eines größeren Systems aus Schutzgebieten, Pflegeplänen, Flächensicherung und fachlicher Begleitung. Ihre Bedeutung liegt trotzdem auf der Hand. Wo Landschaftspflege regelmäßig nötig ist, muss sie auch praktisch umgesetzt werden.
Gerade deshalb greift die Vorstellung zu kurz, Menschen würden ihre Freizeit allein für einzelne Schmetterlinge oder Orchideen einsetzen. Tatsächlich geht es um den Erhalt ganzer Lebensräume und um ökologische Zusammenhänge, die sich nicht auf eine einzelne Art reduzieren lassen.
Die Orchideen und Schmetterlinge sind vielmehr sichtbare Zeichen dafür, dass bestimmte Standortbedingungen noch vorhanden sind. Verschwinden diese Bedingungen, verändern sich oft ganze Artengemeinschaften. Umgekehrt kann eine konsequente Landschaftspflege dazu beitragen, jene Strukturen zu erhalten, von denen zahlreiche Pflanzen und Tiere gleichzeitig profitieren.
Eine Harzlandschaft, die Pflege braucht
Die Rüdigsdorfer Schweiz steht damit exemplarisch für eine Herausforderung des Naturschutzes im Südharz: Manche besonders artenreichen Landschaften bleiben gerade dann erhalten, wenn Menschen nicht vollständig aus ihnen verschwinden.
Rund um Nordhausen und am südlichen Rand des Harzes bedeutet das regelmäßige Arbeit auf Flächen, die ökologisch wertvoll, aber pflegeabhängig sind. Seltene Orchideen und eine große Vielfalt an Schmetterlingen machen diesen Wert sichtbar. Entscheidend ist jedoch die langfristige Arbeit dahinter – kontinuierlich, fachlich abgestimmt und weit weniger spektakulär als die Arten, die von ihr profitieren.