Der Harz zählt zu den artenreichsten Fledermausregionen Norddeutschlands. 21 der 25 in Deutschland vorkommenden Arten wurden in der Gebirgsregion nachgewiesen, 18 davon im Nationalpark Harz. Möglich macht das eine seltene Verbindung aus Höhlen, alten Bergwerksstollen und strukturreichen Wäldern – doch selbst dieser außergewöhnliche Lebensraum gerät zunehmend unter Druck.

Harz, 25. Juli 2026. Unter der Erde herrschen Temperaturen, die sich nur langsam verändern. Die Luft bleibt feucht, Frost dringt kaum ein, Licht spielt keine Rolle. Was für Menschen unwirtlich wirkt, kann für Fledermäuse im Harz überlebenswichtig sein.

Kaum eine andere Region Norddeutschlands vereint auf vergleichbar engem Raum so unterschiedliche Quartiere. Naturhöhlen treffen auf historische Bergwerksanlagen, alte Bäume auf Totholz, Waldränder auf Gewässer und offene Jagdflächen. Für Fledermäuse entsteht daraus ein Lebensraum, der sowohl im Winter als auch während der warmen Monate geeignete Bedingungen bietet.

Die Artenzahlen zeigen die Bedeutung der Region. Im gesamten Harz wurden bislang 21 der 25 in Deutschland bekannten Fledermausarten nachgewiesen. Im kleineren Gebiet des Nationalparks Harz sind es 18 Arten. Beide Angaben beschreiben unterschiedliche Räume und dürfen nicht gleichgesetzt werden. Zusammen belegen sie jedoch, dass Fledermäuse im Harz eine außergewöhnlich große Bandbreite geeigneter Lebensräume finden.

Alte Bergwerksstollen werden zu Winterquartieren

Während der kalten Monate fahren Fledermäuse ihren Stoffwechsel drastisch herunter. Die Tiere leben dann von den Fettreserven, die sie sich im Sommer und Herbst angelegt haben. Jeder unnötige Energieverbrauch kann kritisch werden. Umso wichtiger sind Winterquartiere, in denen Temperatur und Luftfeuchtigkeit möglichst konstant bleiben.

Der Harz bietet solche Rückzugsorte in großer Zahl. Neben natürlichen Höhlen und Felsspalten prägen jahrhundertelange Bergbauaktivitäten die Region. Zurückgeblieben sind Stollen, Schächte und andere unterirdische Hohlräume. Viele davon werden längst nicht mehr wirtschaftlich genutzt, erfüllen für Fledermäuse aber weiterhin eine wichtige Funktion.

Feuchte Luft und Schutz vor Frost

Besonders geeignet sind Bereiche, in denen die Temperatur nur wenig schwankt und die Luftfeuchtigkeit hoch bleibt. Das verhindert, dass die Tiere während des Winterschlafs zu viel Wasser verlieren. Zugleich senkt das stabile Klima das Risiko, dass sie durch plötzliche Temperaturwechsel aufwachen.

Ein bekanntes Beispiel ist der Iberg bei Bad Grund. Seine unterirdischen Räume bieten über längere Zeit frostfreie Bedingungen. Dass solche Quartiere nicht nur von Tieren aus der näheren Umgebung genutzt werden, zeigt der Nachweis eines markierten Großen Mausohrs aus Brandenburg. Das Tier wurde zweimal in der Iberger Tropfsteinhöhle festgestellt.

Solche Funde machen deutlich, wie groß die Distanzen zwischen Sommer- und Winterquartieren sein können. Einzelne Fledermausarten legen dabei mehrere Hundert Kilometer zurück. Der Harz ist für manche Tiere damit nicht nur regionaler Lebensraum, sondern Teil eines weitläufigen Netzes aus Schlafplätzen, Jagdgebieten und Winterquartieren.

Wie viele Fledermäuse derzeit tatsächlich in den Harzer Stollen und Höhlen überwintern, lässt sich aus den öffentlich verfügbaren Daten nicht verlässlich ableiten. Für den Winter 2016/2017 dokumentierte der Nationalpark die Kontrolle von 32 Winterquartieren. Damals wurden acht Arten festgestellt, darunter besonders häufig Mausohren, Wasserfledermäuse und Brandtfledermäuse. Die Zahlen geben einen historischen Stand wieder, keine aktuelle Gesamtbilanz.

Gebiet Nachgewiesene Arten Einordnung
Gesamter Harz 21 Gebirgsregion über die Grenzen des Nationalparks hinaus
Nationalpark Harz 18 Offiziell dokumentierte Arten im Schutzgebiet
Deutschland 25 Derzeit bekannte heimische Fledermausarten

Der Wald ist Jagdgebiet und Kinderstube

Die unterirdischen Quartiere erklären nur einen Teil der Bedeutung des Harzes. Sobald die Temperaturen steigen, verlagert sich das Leben vieler Arten in die Wälder. Dort benötigen sie Verstecke für den Tag, geschützte Plätze für die Jungenaufzucht und ausreichend Insekten für die nächtliche Jagd.

Baumhöhlen, Risse im Holz und abstehende Rindenstücke können als Sommerquartier dienen. Spechthöhlen werden später häufig von anderen Tierarten übernommen. Auch kleine Spalten reichen manchen Fledermäusen bereits als Unterschlupf. Entscheidend ist, dass geeignete Strukturen nicht nur vereinzelt, sondern in erreichbarer Nähe zueinander vorhanden sind.

Für Fledermäuse im Harz spielen zudem Lichtungen, Waldränder und Gewässer eine wichtige Rolle. Dort ist das Insektenangebot häufig größer als im geschlossenen Bestand. Die Tiere orientieren sich im Flug an Landschaftselementen und benötigen Verbindungen zwischen Quartier und Jagdgebiet. Ein scheinbar intakter Wald reicht deshalb nicht aus, wenn diese Strukturen fehlen.

Die Mopsfledermaus kehrt zurück

Besonders aufmerksam verfolgt wurde die Entwicklung der Mopsfledermaus. Sie galt im Harz über Jahrzehnte als verschwunden und wurde erst nach mehr als 50 Jahren wieder nachgewiesen. Die Art nutzt häufig enge Spalten hinter loser oder abstehender Rinde. Sie ist damit auf Wälder angewiesen, in denen alte Bäume und natürliche Alterungsprozesse zugelassen werden.

Ihre Rückkehr gilt als Hinweis darauf, dass die natürliche Waldentwicklung im Nationalpark wieder passende Quartiere hervorbringt. Daraus lässt sich jedoch kein pauschaler Vorteil großflächiger Waldschäden ableiten. Für Fledermäuse zählt nicht die Zerstörung des Waldes, sondern seine strukturelle Vielfalt.

Gefragt ist ein Mosaik aus unterschiedlichen Waldstadien: junge Bestände, alte Bäume, Totholz, offene Bereiche und geschützte Rückzugsorte. Erst dieses Nebeneinander schafft die Bedingungen, die verschiedene Arten benötigen.

Was Fledermäuse im Harz brauchen

  • frostfreie und ausreichend feuchte Winterquartiere,
  • ungestörte Stollen, Höhlen und Felsspalten,
  • alte Bäume mit Höhlen, Rissen und loser Rinde,
  • insektenreiche Lichtungen, Gewässer und Waldränder,
  • vernetzte Flugwege zwischen Quartieren und Jagdgebieten.

Monitoring zeigt, wie sich die Artenvielfalt verändert

Fledermäuse sind schwer zu erfassen. Sie fliegen nachts, wechseln ihre Quartiere und verbergen sich oft tief in Spalten. Eine einzelne Zählung liefert deshalb nur einen Ausschnitt. Im Nationalpark kommen verschiedene Methoden zum Einsatz, um ein genaueres Bild zu gewinnen.

Auf festgelegten Routen werden die Rufe der Tiere mit Detektoren aufgenommen. Automatische Horchboxen zeichnen Aktivitäten über längere Zeiträume auf. Ergänzend nutzen Fachleute Fledermauskästen, Netzfänge und Telemetrie. Seit 2011 werden bekannte Winterquartiere zudem einmal jährlich kontrolliert.

Die Untersuchungen haben das bekannte Artenspektrum erweitert. 2012 wurde im Nationalpark erstmals die Nymphenfledermaus nachgewiesen, 2014 folgte die Mückenfledermaus. Bei der Mopsfledermaus halfen Sender dabei, genutzte Quartiere und Wochenstuben aufzuspüren.

Solche Funde zeigen, dass sich die Kenntnisse über Fledermäuse im Harz noch immer verändern. Neue Nachweise können auf eine tatsächliche Ausbreitung hindeuten. Sie können aber ebenso das Ergebnis genauerer Untersuchungsmethoden sein. Deshalb müssen einzelne Beobachtungen über längere Zeiträume eingeordnet werden.

Klimawandel und Quartierverlust setzen die Tiere unter Druck

Im Jahr 2016 wurde in Rübeland im Ostharz erstmals eine Wimperfledermaus festgestellt. Die wärmeliebende Art war zuvor vor allem aus klimatisch günstigeren Regionen Deutschlands bekannt. Fachleute sehen darin einen möglichen Hinweis auf eine Verschiebung ihres Verbreitungsgebietes.

Ein einzelner Nachweis belegt jedoch weder eine dauerhafte Ansiedlung noch eindeutig einen Zusammenhang mit dem Klimawandel. Dafür wären wiederholte Funde und eine Beobachtung über mehrere Jahre notwendig.

Hohe Temperaturen können zugleich zur Belastung werden. Vor allem Jungtiere in Wochenstuben reagieren empfindlich, wenn sich ihre Quartiere stark aufheizen. Belastbare, öffentlich zugängliche Daten über hitzebedingte Verluste im Harz liegen bislang allerdings nicht in einer Form vor, die genaue Aussagen über das Ausmaß erlauben würde.

Andere Gefahren sind seit Langem bekannt. Werden alte Bäume gefällt, Dachräume verschlossen oder Stollen betreten, können wichtige Quartiere verloren gehen. Auch der Rückgang von Insekten trifft die Tiere direkt, weil ihnen damit die Nahrungsgrundlage fehlt. Biozide und Eingriffe in Flugkorridore verschärfen den Druck.

Besonders empfindlich reagieren Fledermäuse während des Winterschlafs. Werden sie durch Licht, Geräusche oder direkte Annäherung geweckt, müssen sie ihre Körpertemperatur erhöhen. Das verbraucht einen erheblichen Teil ihrer begrenzten Energiereserven. Wiederholte Störungen können dazu führen, dass die gespeicherte Energie nicht bis zum Frühjahr reicht.

Der Artenreichtum ist kein Selbstläufer

Der Harz ist für Fledermäuse besonders, weil unterirdische Quartiere und strukturreiche Wälder eng miteinander verbunden sind. Höhlen und Stollen schützen die Tiere im Winter. Alte Bäume, Lichtungen und Gewässer bieten im Sommer Verstecke und Nahrung.

Die hohe Zahl nachgewiesener Arten zeigt, welchen ökologischen Wert diese Verbindung besitzt. Sie ist zugleich verletzlich. Fledermäuse im Harz profitieren nur dann dauerhaft von der Region, wenn Winterquartiere ungestört bleiben, Wälder unterschiedliche Entwicklungsstadien zulassen und Jagdgebiete miteinander verbunden sind.

Das laufende Monitoring wird deshalb immer wichtiger. Es dokumentiert nicht nur, welche Arten heute vorkommen. Es zeigt auch, welche verschwinden, zurückkehren oder ihr Verbreitungsgebiet verändern. Gerade darin liegt die besondere Bedeutung des Harzes: Die Region ist Rückzugsraum, Beobachtungsgebiet und Frühwarnsystem zugleich.

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