
GOSLAR, 26. Januar 2026 – Wenn sich Ende Januar Fachleute aus Justiz, Wissenschaft und Verkehrssicherheitsarbeit in Goslar versammeln, geht es um weit mehr als juristische Feinheiten. In den historischen Mauern der Stadt treffen Erfahrung, Analyse und politische Erwartungshaltung aufeinander. Der Verkehrsgerichtstag gilt seit Jahrzehnten als Seismograf für Reformbedarf im Straßenverkehr – und auch 2026 steht die Suche nach tragfähigen Antworten im Mittelpunkt.
Vom 29. bis 30. Januar 2026 wird in Goslar erneut über Empfehlungen zu zentralen Fragen der Verkehrssicherheit beraten. Der Deutsche Verkehrsgerichtstag (VGT) bringt dabei Vertreterinnen und Vertreter aus Justiz, Verwaltung, Wissenschaft, Verbänden und Praxis zusammen. Was hier diskutiert und beschlossen wird, entfaltet regelmäßig Wirkung weit über den Tagungsort hinaus. Die Empfehlungen des Verkehrsgerichtstags fließen seit Jahrzehnten in Gesetzesnovellen, Verwaltungsvorschriften und gerichtliche Praxis ein – leise, aber nachhaltig.
Der Verkehrsgerichtstag als Institution der Verkehrssicherheit
Der Deutsche Verkehrsgerichtstag gehört zu den festen Größen im verkehrspolitischen Kalender der Bundesrepublik. Seit den frühen 1960er-Jahren findet die Tagung jährlich in Goslar statt und hat sich als unabhängiges Fachforum etabliert. Sein besonderer Charakter liegt in der interdisziplinären Zusammensetzung: Juristinnen und Juristen diskutieren hier gleichberechtigt mit Medizinerinnen, Psychologen, Ingenieuren, Polizeifachleuten und Vertreterinnen der Verkehrssicherheitsarbeit.
Diese Vielfalt ist kein Selbstzweck. Sie bildet die Realität des Straßenverkehrs ab, in dem rechtliche Normen, menschliches Verhalten, technische Entwicklungen und gesellschaftliche Erwartungen ineinandergreifen. Der Verkehrsgerichtstag versucht, diese Ebenen zusammenzuführen und daraus Empfehlungen abzuleiten, die sowohl rechtlich tragfähig als auch praktisch umsetzbar sind. Gerade deshalb genießen die Goslarer Beschlüsse in Politik und Fachwelt eine hohe Akzeptanz.
Arbeitskreise als Herzstück des Verkehrsgerichtstags
Die inhaltliche Arbeit des Verkehrsgerichtstags konzentriert sich auf mehrere Arbeitskreise, in denen spezifische Themen vertieft behandelt werden. Diese Arbeitskreise tagen getrennt, werden von Fachreferaten eingeleitet und münden in strukturierte Diskussionen. Am Ende stehen Empfehlungen, die in der Schlusssitzung des Verkehrsgerichtstags vorgestellt und verabschiedet werden.
Grenzüberschreitende Sanktionen und EU-Vollstreckung
Ein zentraler Arbeitskreis widmet sich der Frage, wie Verkehrsverstöße innerhalb der Europäischen Union künftig effizienter verfolgt und vollstreckt werden können. Hintergrund ist die EU-weite Regelung zur grenzüberschreitenden Durchsetzung von Verkehrssanktionen. Diskutiert wird, wie nationale Vollstreckungsverfahren angepasst werden müssen und welche Rolle private Dienstleister bislang spielen.
Im Fokus stehen dabei rechtliche Klarheit, Verhältnismäßigkeit und Akzeptanz. Der Verkehrsgerichtstag greift hier eine Problemlage auf, die viele Autofahrerinnen und Autofahrer aus eigener Erfahrung kennen: Bußgeldbescheide aus dem Ausland, unterschiedliche Vollstreckungspraxen und rechtliche Unsicherheiten. Ziel der Diskussion ist es, Empfehlungen zu formulieren, die Transparenz schaffen und zugleich den europäischen Rechtsrahmen respektieren.
Alkohol im Straßenverkehr jenseits des Autos
Ein weiterer Schwerpunkt des Verkehrsgerichtstags betrifft den Umgang mit Alkohol im Straßenverkehr – allerdings nicht aus der klassischen Perspektive des Kraftfahrzeugs. In den vergangenen Jahren ist der Anteil von Unfällen mit alkoholisierten Radfahrerinnen und Radfahrern gestiegen, insbesondere bei Pedelecs. Gleichzeitig existieren für diese Verkehrsteilnehmer bislang andere rechtliche Maßstäbe als für Autofahrende.
Der zuständige Arbeitskreis diskutiert, ob bestehende Regelungen ausreichend sind oder ob eine klar definierte Bußgeldgrenze notwendig erscheint. Dabei geht es nicht nur um Sanktionen, sondern auch um Prävention, Verkehrserziehung und die Frage, wie Verkehrssicherheit für alle Beteiligten verbessert werden kann. Der Verkehrsgerichtstag greift damit ein Thema auf, das gesellschaftlich sensibel und rechtlich komplex zugleich ist.
Ablenkung, Technik und menschliches Verhalten
Die zunehmende Ablenkung im Straßenverkehr zählt zu den größten Herausforderungen der Gegenwart. Smartphones, Bordcomputer und digitale Assistenzsysteme verändern das Verhalten hinter dem Steuer – mit messbaren Auswirkungen auf das Unfallgeschehen. Auf dem Verkehrsgerichtstag wird daher auch über technische und rechtliche Instrumente diskutiert, um Ablenkung wirksamer zu bekämpfen.
Ein Arbeitskreis befasst sich unter anderem mit dem Einsatz moderner Überwachungstechnik, der Beweisführung bei Verstößen und der Frage, wie Präventionsmaßnahmen gestaltet werden können. Dabei wird deutlich: Verkehrssicherheit lässt sich nicht allein durch neue Technik herstellen. Sie erfordert ein Zusammenspiel aus klaren Regeln, konsequenter Durchsetzung und nachhaltiger Aufklärung.
Weitere Themenfelder der Beratungen
- Bewertung und Weiterentwicklung der Führerscheinprüfung und ihrer Anforderungen
- Qualität und Aussagekraft von Unfalldaten als Grundlage für Verkehrssicherheitsarbeit
- Zusammenspiel von Recht, Ausbildung und Prävention im Straßenverkehr
Diese Themen verdeutlichen, wie breit der Verkehrsgerichtstag aufgestellt ist. Er versteht Verkehrssicherheit nicht als isoliertes Rechtsproblem, sondern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Erwartungen von Verbänden und Fachorganisationen
Im Vorfeld des Verkehrsgerichtstags haben verschiedene Organisationen ihre Positionen formuliert. Verkehrssicherheitsverbände, Automobilclubs und Fachgremien verbinden mit der Tagung in Goslar die Erwartung, dass sie neue Impulse für Reformen liefert. Besonders häufig genannt wird die Fahrausbildung als Hebel für mehr Sicherheit auf den Straßen.
Gefordert wird eine stärkere Ausrichtung auf Qualität und nachhaltiges Lernen statt auf reine Prüfungsvorbereitung. Auch die Rolle der Verkehrserziehung über alle Altersgruppen hinweg wird betont. Der Verkehrsgerichtstag bietet diesen Akteuren eine Plattform, ihre Anliegen in einen fachlich fundierten Diskurs einzubringen.
Zugleich richten sich viele Blicke auf den Gesetzgeber. Die Empfehlungen aus Goslar sind rechtlich nicht bindend, haben sich jedoch immer wieder als Ausgangspunkt für politische Entscheidungen erwiesen. Sie entfalten ihre Wirkung oft zeitversetzt, aber mit bemerkenswerter Beständigkeit.
Verkehrssicherheit im Spannungsfeld gesellschaftlicher Veränderungen
Der Verkehrsgerichtstag 2026 findet in einer Phase statt, in der sich Mobilität grundlegend wandelt. Neue Fahrzeugtypen, veränderte Nutzungsgewohnheiten und technologische Innovationen stellen das bestehende Verkehrsrecht vor Anpassungsfragen. Gleichzeitig bleibt die Zahl der Verkehrsunfälle mit schweren Folgen ein zentrales Problem.
Vor diesem Hintergrund gewinnt der Verkehrsgerichtstag zusätzliche Bedeutung. Er fungiert als Ort der nüchternen Analyse jenseits tagespolitischer Debatten. Hier werden Daten ausgewertet, Erfahrungen ausgetauscht und unterschiedliche Perspektiven zusammengeführt. Die Diskussionen sind häufig kontrovers, aber geprägt von dem gemeinsamen Ziel, Verkehrssicherheit zu erhöhen.
Gerade diese Mischung aus Fachlichkeit und Praxisnähe macht den Verkehrsgerichtstag zu einem wichtigen Bestandteil der deutschen Verkehrssicherheitsarchitektur. Seine Empfehlungen spiegeln nicht nur juristische Überlegungen wider, sondern auch gesellschaftliche Wertungen und technische Realitäten.
Signale aus Goslar für Gesetzgebung und Praxis
Am Ende des Verkehrsgerichtstags stehen Empfehlungen, die in der Fachwelt aufmerksam gelesen werden. Sie markieren keine schnellen Lösungen, sondern zeigen Entwicklungslinien auf. Oft greifen Ministerien, Parlamente und Gerichte diese Impulse auf und übersetzen sie in konkrete Maßnahmen.
Der Verkehrsgerichtstag in Goslar bleibt damit ein Ort, an dem Verkehrssicherheit verhandelt, justiert und weitergedacht wird. Die Beratungen Ende Januar 2026 knüpfen an diese Tradition an – mit dem Anspruch, Orientierung zu geben in einem Verkehrssystem, das sich stetig verändert und doch eines konstant braucht: verlässliche Regeln für die Sicherheit aller.







