
Am Rand des Harzes, verborgen hinter Bäumen und Sträuchern, steht ein Bauwerk, das einst Macht, Wohlstand und architektonischen Anspruch verkörperte. Heute wirkt das Schloss Oldershausen wie aus der Zeit gefallen: still, brüchig, von der Natur zurückerobert. Wer davorsteht, spürt die Schwere der Geschichte – und die Leerstelle, die der jahrzehntelange Verfall hinterlassen hat.
In der Gemeinde Kalefeld, im Ortsteil Oldershausen, erhebt sich eines der markantesten, zugleich aber am stärksten verfallenen Schlösser im südlichen Harzvorland. Das Schloss Oldershausen, ein neugotischer Ziegelbau aus dem 19. Jahrhundert, ist seit Jahrzehnten ungenutzt. Trotz seines Status als Baudenkmal verfällt das Anwesen zusehends – ein Sinnbild für den schwierigen Umgang mit historischer Bausubstanz in ländlichen Regionen.
Vom mittelalterlichen Adelssitz zum neugotischen Schloss
Die Geschichte des Schlosses Oldershausen reicht weit zurück. Bereits um das Jahr 1000 entstand an dieser Stelle ein befestigter Adelssitz, errichtet von einem Angehörigen des Rittergeschlechts von Westerhof. Das Gut gab dem Dorf Oldershausen seinen Namen und entwickelte sich über Jahrhunderte zu einem bedeutenden Herrensitz in der Region.
Die heutige Gestalt erhielt das Schloss jedoch erst im 19. Jahrhundert. Zwischen 1856 und 1859 wurde das Gebäude nach Entwürfen des Architekten Conrad Wilhelm Hase neu errichtet. Hase, einer der prägendsten Vertreter der Neugotik in Norddeutschland, schuf einen repräsentativen Ziegelbau mit klaren Linien, turmartigen Elementen und großzügigen Innenräumen. Im Jahr 1877 folgten Erweiterungen unter Leitung von Edwin Oppler, darunter Seitenflügel, ein Portalbau sowie Terrassenanlagen, die das Schloss stärker in die umgebende Landschaft einbanden.
Bis 1945 blieb das Schloss Oldershausen im Besitz der Familie von Oldershausen und diente als adeliger Wohnsitz. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs endete diese Epoche abrupt.
Nutzung im Wandel: Vom Wohnsitz zur Heilstätte
Nach Kriegsende wurde das Schloss von der britischen Besatzungsmacht beschlagnahmt und zunächst militärisch genutzt. Kurz darauf folgte eine zivile Nutzung, die das Gebäude tiefgreifend veränderte. In den späten 1940er-Jahren diente das Schloss als Unterkunft für Flüchtlinge und Vertriebene – ein Schicksal, das viele große Anwesen dieser Zeit teilten.
Ab 1947 wurde das Schloss Oldershausen zur Lungenheilstätte umfunktioniert. Über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg kamen hier Patienten zur Behandlung unter, was dem Gebäude im Volksmund den Beinamen „Hustenburg“ einbrachte. Diese medizinische Nutzung prägte den Alltag des Hauses bis in die 1970er-Jahre hinein.
Zwischen 1975 und 1985 folgte eine weitere Phase: Das Schloss wurde als Rehabilitationseinrichtung für geistig und körperlich behinderte Kinder genutzt. Mit dem Ende dieser Nutzung begann jedoch eine Entwicklung, die bis heute anhält – der vollständige Leerstand.
Leerstand, Verfall und gescheiterte Rettungsversuche
Seit Mitte der 1980er-Jahre steht das Schloss Oldershausen leer. Was folgte, war ein schleichender, aber stetiger Verfall. Dächer wurden undicht, Holzbalken verfaulten, Fassadenteile lösten sich. Pflanzen wucherten über Mauern und Fensteröffnungen hinweg. Der Schlosspark verwilderte, Nebengebäude verfielen ebenso wie das Hauptgebäude.
Mehrere Eigentümerwechsel konnten diesen Prozess nicht aufhalten. In den 1990er-Jahren erwarb ein Kaufmann aus Berlin das Anwesen, später folgte ein Eigentümer aus Wiesbaden. Pläne zur Sanierung, darunter die Idee einer Umnutzung als Altenheim, scheiterten an wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, behördlichen Auflagen und fehlender Finanzierung. Auch zeitweise Diskussionen um den Denkmalschutz führten zu keiner nachhaltigen Lösung.
Heute ist das Schloss Oldershausen weiterhin als Baudenkmal eingestuft. Der Schutzstatus konnte den baulichen Verfall jedoch nicht stoppen. Vielmehr zeigt sich hier das Dilemma vieler historischer Großbauten: Der Erhalt ist kostenintensiv, eine rentable Nutzung schwer zu realisieren.
Bau- und Nutzungsgeschichte im Überblick
- um 1000: Errichtung eines befestigten Adelssitzes
- 1856–1859: Neubau des neugotischen Schlosses nach Plänen von Conrad Wilhelm Hase
- 1877: Erweiterungen durch Edwin Oppler
- 1945: Ende der adeligen Nutzung, Beschlagnahmung durch britische Truppen
- 1947–1970er-Jahre: Nutzung als Lungenheilstätte
- 1975–1985: Reha-Einrichtung für Kinder
- seit 1986: Leerstand und fortschreitender Verfall
Ein gefährlicher Ort und ein Refugium für Tiere
Das Betreten des Schlossgeländes ist heute offiziell untersagt. Die Bausubstanz gilt als einsturzgefährdet, zahlreiche Bereiche sind nicht mehr standsicher. Dennoch zieht das Schloss Oldershausen regelmäßig Fotografen, Historiker und sogenannte „Lost-Place“-Enthusiasten an. Für sie ist das Gebäude ein Ort stiller Faszination – zugleich aber auch ein Ort realer Gefahr.
Während Menschen fernbleiben sollen, hat sich die Tierwelt das Areal zurückerobert. Fledermäuse, Vögel und andere Wildtiere nutzen die Ruine als Lebensraum. Das Schloss ist damit nicht nur ein Denkmal vergangener Baukunst, sondern auch ein unbeabsichtigtes Rückzugsgebiet für geschützte Arten.
Ein Denkmal zwischen Erinnerung und Verantwortung
Das Schloss Oldershausen steht exemplarisch für viele historische Bauwerke im Harz und darüber hinaus. Es erzählt von adeliger Vergangenheit, von wechselnden gesellschaftlichen Nutzungen und vom schwierigen Spannungsfeld zwischen Denkmalschutz und wirtschaftlicher Realität. Sein Zustand wirft grundlegende Fragen auf: Wie viel kulturelles Erbe kann erhalten werden? Und wer trägt die Verantwortung, wenn historische Gebäude langsam verschwinden?
Noch steht das Schloss in der Landschaft von Kalefeld – brüchig, überwuchert, aber sichtbar. Es bleibt ein Ort der Erinnerung, ein Mahnmal für verpasste Chancen und zugleich ein stiller Bestandteil der regionalen Identität. Ob sich für das Schloss Oldershausen jemals eine neue Perspektive eröffnet, ist offen. Sicher ist nur: Sein langsamer Verfall ist Teil einer Geschichte, die längst über die Mauern des Gebäudes hinausweist.







