
Braunlage, 3. Januar 2026. Nebel liegt schwer zwischen Fichten und kahlen Bergkuppen, die Wege wirken ruhig, beinahe harmlos. Spaziergänger starten gut gelaunt in den Tag, der Harz zeigt sich winterlich, aber nicht bedrohlich. Doch hinter dieser scheinbaren Idylle verbirgt sich eine Realität, die die Einsatzkräfte der Bergwacht Harz immer häufiger erleben: Menschen geraten in Situationen, auf die sie nicht vorbereitet sind – oft, weil sie die Gefahren der Berge unterschätzen.
Die Bergwacht Sankt Andreasberg schlägt Alarm. Nach ihren Beobachtungen steigt die Zahl der Einsätze kontinuierlich, bei denen fehlende Vorbereitung, falsche Ausrüstung oder eine grundlegende Fehleinschätzung der Bedingungen eine zentrale Rolle spielen. Besonders rund um Braunlage, den Wurmberg und die hochgelegenen Wege Richtung Brocken werden die Retter regelmäßig gerufen, um Wanderer, Mountainbiker oder Spaziergänger aus misslichen Lagen zu befreien.
Gefahren in den Bergen: Warum der Harz oft unterschätzt wird
Der Harz gilt vielen als sanftes Mittelgebirge, als Ausflugsziel für Familien, Tagesgäste und Wochenendurlauber. Genau darin liegt nach Einschätzung der Bergwacht ein Kern des Problems. Während alpine Regionen automatisch mit Respekt betrachtet werden, wird der Harz häufig als „einfach“ wahrgenommen – eine Annahme, die sich im Ernstfall als trügerisch erweist.
Die Bergwacht Harz berichtet, dass insbesondere ortsfremde Besucher die Länge von Touren, Höhenunterschiede und Witterungseinflüsse falsch einschätzen. Hinzu kommt, dass Wetterumschwünge in den Bergen rasch erfolgen können. Was im Tal mild beginnt, kann auf 800 oder 900 Metern Höhe binnen Minuten in Kälte, Nebel oder Glätte umschlagen.
Typische Auslöser für Notrufe sind laut den Rettern immer wieder dieselben Muster:
- Ungeeignetes Schuhwerk auf nassen, vereisten oder wurzelreichen Wegen.
- Unzureichende Kleidung, die weder vor Wind noch vor Kälte schützt.
- Fehlende Orientierung oder Überschätzung der eigenen Kondition.
- Leere Smartphone-Akkus, die Kommunikation und Ortung erschweren.
Diese Kombinationen führen dazu, dass aus einem geplanten Spaziergang schnell eine Notsituation werden kann – selbst auf offiziell ausgewiesenen Wegen.
Einsatzrealität der Bergwacht Harz: Zahlen, die nachdenklich machen
Ein Blick auf die Einsatzzahlen der vergangenen Jahre verdeutlicht die Entwicklung. Rund 140 Einsätze verzeichnete die Bergwacht Harz im Jahr 2024, durchschnittlich also mehr als zehn pro Monat. Dabei wurden nach Angaben der Einsatzkräfte 118 Verletzte versorgt oder geborgen. Die Bandbreite der Vorfälle reicht von Verstauchungen und Knochenbrüchen bis hin zu schweren Stürzen und akuten medizinischen Notfällen.
Besonders häufig betroffen sind Wanderer und Mountainbiker. Während Wanderer oft aufgrund von Erschöpfung, Stürzen oder Kreislaufproblemen Hilfe benötigen, spielen bei Mountainbike-Einsätzen hohe Geschwindigkeiten und anspruchsvolle Strecken eine zentrale Rolle. Gerade im Bereich des Bikeparks am Wurmberg kommt es regelmäßig zu Unfällen, bei denen die Bergwacht gemeinsam mit dem Rettungsdienst eingreifen muss.
Zwischen Winterglätte und Sommerhitze
Entgegen der landläufigen Meinung ist die Bergwacht nicht nur in den Wintermonaten gefragt. Zwar erhöhen Schnee, Eis und gefrorene Böden das Risiko deutlich, doch auch im Frühjahr, Sommer und Herbst kommt es zu zahlreichen Einsätzen. Rutschige Wurzeln nach Regenfällen, plötzliche Gewitter oder die einsetzende Dunkelheit am Abend stellen ganzjährig Gefahren dar.
Im Februar rückten die Einsatzkräfte mehrfach aus, um Wanderer von vereisten Höhenwegen wie dem Sösestein oder dem Abschnitt Richtung „Dreieckiger Pfahl“ zu retten. In anderen Fällen waren Menschen schlicht nicht mehr in der Lage, den Rückweg anzutreten – körperlich erschöpft oder orientierungslos im Nebel.
Zwischen Freizeit und Risiko: Die Rolle der Eigenverantwortung
Die Bergwacht Sankt Andreasberg betont immer wieder, dass ihre Einsätze in vielen Fällen vermeidbar wären. Es gehe nicht darum, den Harz als gefährlich zu dramatisieren, sondern um ein realistisches Verständnis der Bedingungen. Berge – auch Mittelgebirge – erfordern Planung, Umsicht und Respekt.
Zu den zentralen Empfehlungen der Bergwacht Harz zählen:
- Sorgfältige Tourenplanung unter Berücksichtigung von Strecke, Höhenprofil und Tageslicht.
- Wetterfeste Kleidung und festes, rutschhemmendes Schuhwerk.
- Ausreichend Getränke und Energiereserven, auch für kurze Touren.
- Voll geladene Mobiltelefone sowie alternative Orientierungshilfen.
Besonders kritisch sehen die Retter den zunehmenden Verlass auf digitale Navigation. Fällt der Akku aus oder bricht der Empfang ab, fehlt vielen die Fähigkeit, sich ohne technische Hilfe zu orientieren. Gerade in abgelegenen Waldgebieten kann dies schnell problematisch werden.
Bergwacht Harz: Ehrenamt mit hoher Verantwortung
Die Arbeit der Bergwacht Harz basiert überwiegend auf ehrenamtlichem Engagement. Die Einsatzkräfte investieren einen erheblichen Teil ihrer Freizeit in Ausbildung, Training und Bereitschaftsdienste. Regelmäßige Schulungen in Notfallmedizin, Seiltechnik und Geländesicherung gehören ebenso dazu wie gemeinsame Übungen mit Feuerwehr, Rettungsdienst und Luftrettung.
Die enge Zusammenarbeit der Ortsgruppen – darunter Sankt Andreasberg, Clausthal-Zellerfeld und Vienenburg – sorgt dafür, dass im Ernstfall schnell und koordiniert reagiert werden kann. Gerade bei schwierigen Bergungen, etwa in steilem oder unwegsamem Gelände, ist diese Vernetzung entscheidend.
Hinzu kommt die logistische Herausforderung: Viele Einsatzorte sind nur zu Fuß, mit Spezialfahrzeugen oder per Hubschrauber erreichbar. Jede Alarmierung erfordert daher nicht nur medizinisches Können, sondern auch körperliche Belastbarkeit und präzise Planung.
Wenn die Idylle trügt
Der Harz bleibt ein attraktives Ziel für Naturfreunde, Sportler und Erholungssuchende. Doch die steigende Zahl der Einsätze zeigt, dass die Wahrnehmung der Gefahren in den Bergen nicht immer mit der Realität übereinstimmt. Die Bergwacht Harz erlebt täglich, wie schmal der Grat zwischen Freizeitvergnügen und ernster Gefahr sein kann.
Respekt vor der Natur, realistische Selbsteinschätzung und eine solide Vorbereitung sind keine Einschränkungen, sondern Voraussetzungen für sichere Erlebnisse im Gebirge. Wer diese Grundsätze beherzigt, reduziert nicht nur das eigene Risiko – sondern sorgt auch dafür, dass die Bergwacht dort helfen kann, wo Hilfe wirklich unabwendbar ist.
Ein stiller Appell aus den Bergen
Zwischen Nebel, Felsen und Waldwegen vermittelt der Harz eine leise, aber deutliche Botschaft. Er ist kein unüberwindbares Gebirge, doch auch kein harmloser Spazierpark. Die Erfahrungen der Bergwacht Sankt Andreasberg machen deutlich, dass Aufmerksamkeit und Vorbereitung entscheidend sind.
Die Gefahren in den Bergen lassen sich nicht vollständig ausschalten. Aber sie lassen sich verstehen. Und genau darin liegt der Schlüssel, damit der nächste Ausflug nicht mit einem Notruf endet, sondern mit der sicheren Rückkehr ins Tal.







