
Magdeburg, 06.01.2026 – Auf den Schulhöfen in Sachsen-Anhalt ist ein Thema allgegenwärtig. Zwischen Pausenklingel und Unterrichtsbeginn, zwischen Elternabenden und Lehrerkonferenzen geht es um Smartphones, um Regeln und um die Frage, wie Schule im digitalen Zeitalter funktionieren soll. Das Land bereitet neue Leitlinien vor – und greift damit in eine Debatte ein, die längst überfällig ist.
Was jahrelang Sache einzelner Schulen war, soll nun erstmals landesweit strukturiert werden: der Umgang mit Handys, Smartphones und digitalen Endgeräten im Schulalltag. Sachsen-Anhalt arbeitet an verbindlichen Empfehlungen, die Schulen Orientierung geben sollen. Ziel ist es, klare Rahmenbedingungen zu schaffen, ohne pädagogische Spielräume vollständig einzuengen. Damit reagiert das Land auf eine Entwicklung, die viele Schulen längst an ihre Grenzen gebracht hat.
Von der Hausordnung zur landesweiten Linie
Bisher regelten Schulen in Sachsen-Anhalt die Handynutzung eigenständig. Manche untersagten Smartphones vollständig während des Unterrichts, andere erlaubten sie eingeschränkt, etwa für Recherchen oder digitale Lernformate. Wieder andere setzten auf individuelle Absprachen zwischen Lehrkräften und Klassen. Diese Vielfalt führte zu Unsicherheit, Konflikten und einer wachsenden Kluft zwischen Schulen, Eltern und Schülern.
Mit den neuen Handy-Regeln in Sachsen-Anhalt soll sich das ändern. Das Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung (LISA) arbeitet an einem Leitfaden, der allen Schulen als verbindliche Orientierung dienen soll. Dieser soll keine starren Verbote formulieren, sondern einen pädagogischen Rahmen setzen, innerhalb dessen Schulen ihre Konzepte weiterentwickeln können.
Im Mittelpunkt stehen dabei grundlegende Fragen des Schulalltags:
- Ab welcher Klassenstufe ist eine private Handynutzung vertretbar?
- In welchen Situationen dürfen Smartphones im Unterricht eingesetzt werden?
- Wie lassen sich Ablenkung, Cybermobbing und sozialer Druck begrenzen?
- Welche Rolle spielt Medienkompetenz im schulischen Bildungsauftrag?
Die Leitlinien sollen im Laufe des ersten Halbjahres 2026 vorgestellt werden. Schon jetzt ist klar: Sie markieren einen Paradigmenwechsel. Nicht mehr jede Schule steht allein vor der Herausforderung, Regeln zu formulieren und durchzusetzen. Stattdessen gibt das Land einen gemeinsamen Rahmen vor.
Unterschiedliche Praxis als Auslöser
Der Handlungsdruck entstand nicht zufällig. In vielen Schulen eskalierten Diskussionen über Handys zuletzt regelmäßig. Lehrkräfte klagten über permanente Ablenkung im Unterricht, Eltern über fehlende Einheitlichkeit, Schülerinnen und Schüler über aus ihrer Sicht willkürliche Regeln. Besonders problematisch erwies sich, dass Hausordnungen rechtlich angreifbar waren, wenn sie als unverhältnismäßig galten.
Die neuen Handy-Regeln in Sachsen-Anhalt sollen genau hier ansetzen. Sie sollen Rechtssicherheit schaffen und gleichzeitig pädagogische Leitplanken setzen. Schulen sollen sich auf die Empfehlungen berufen können – und damit Konflikte entschärfen.
Blick in andere Bundesländer
Sachsen-Anhalt steht mit seinem Vorstoß nicht allein. Mehrere Bundesländer haben in den vergangenen Jahren vergleichbare Regelwerke eingeführt oder verschärft. Besonders Niedersachsen und Hamburg gelten als Referenzmodelle. Dort ist die private Nutzung von Smartphones im Schulalltag weitgehend untersagt, insbesondere in den unteren und mittleren Klassenstufen.
Diese Modelle folgen einem klaren Grundsatz: Lernen soll im Mittelpunkt stehen, nicht der Bildschirm. Digitale Geräte werden dort gezielt eingesetzt, wenn sie didaktisch sinnvoll sind – etwa für Recherche, Präsentationen oder Lern-Apps. Die private Nutzung hingegen bleibt ausgeschlossen.
Für Sachsen-Anhalt dienen diese Erfahrungen als Orientierung, nicht als Blaupause. Die Verantwortlichen betonen, dass landesspezifische Besonderheiten berücksichtigt werden müssen. Dennoch zeigt der Vergleich, dass klare Regeln keineswegs automatisch zu einem Rückschritt in der digitalen Bildung führen.
Zwischen Verbot und Verantwortung
Ein zentraler Streitpunkt bleibt die Frage, ob Verbote der richtige Weg sind. Kritiker warnen davor, Smartphones aus dem Schulalltag zu verbannen, während sie im Alltag allgegenwärtig sind. Befürworter strenger Regeln verweisen dagegen auf Studien, die einen Zusammenhang zwischen intensiver Smartphone-Nutzung, Konzentrationsproblemen und psychischer Belastung bei Jugendlichen sehen.
Die neuen Handy-Regeln in Sachsen-Anhalt versuchen, diese Gegensätze aufzulösen. Sie setzen weniger auf absolute Verbote als auf altersgerechte Abstufungen und pädagogische Konzepte. Entscheidend ist nicht das Gerät an sich, sondern der Kontext seiner Nutzung.
Die Debatte im Landtag
Bereits im November 2025 beschäftigte sich der Landtag von Sachsen-Anhalt ausführlich mit dem Thema. In einer öffentlichen Anhörung diskutierten Abgeordnete, Wissenschaftler, Pädagogen und Schülervertreter über Chancen und Risiken digitaler Endgeräte an Schulen. Ausgangspunkt war ein Diskussionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.
Darin wird empfohlen, die private Nutzung von Smartphones bis zur zehnten Klasse stark einzuschränken oder ganz zu untersagen. Ziel sei es, die psychische Gesundheit junger Menschen zu schützen und Lernprozesse zu stabilisieren. Die Leopoldina verweist dabei auf internationale Studien, die auf negative Effekte intensiver Smartphone-Nutzung hinweisen.
Im Landtag stießen diese Empfehlungen auf ein differenziertes Echo. Ein gesetzlich verankertes Handyverbot fand keine Mehrheit. Stattdessen überwog die Einschätzung, dass pädagogische Leitlinien wirksamer seien als pauschale Verbote. Bildungsminister und Bildungspolitiker betonten, dass Schulen Unterstützung benötigen, nicht zusätzliche Zwänge.
Stimmen aus der Anhörung
Die Anhörung machte deutlich, wie vielschichtig die Debatte ist. Schülerinnen und Schüler warnten davor, digitale Lebensrealitäten auszublenden. Sie forderten mehr Medienbildung statt bloßer Einschränkungen. Lehrkräfte berichteten von wachsender Belastung durch ständige Unterbrechungen im Unterricht. Fachleute verwiesen auf den Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit, Schlafmangel und Leistungsfähigkeit.
Diese unterschiedlichen Perspektiven fließen nun in die Ausarbeitung der neuen Handy-Regeln in Sachsen-Anhalt ein. Der Anspruch ist hoch: Es soll ein Regelwerk entstehen, das pädagogisch sinnvoll, rechtlich belastbar und gesellschaftlich akzeptiert ist.
Medienkompetenz als Schlüsselbegriff
Ein zentrales Stichwort der neuen Leitlinien ist Medienkompetenz. Sie gilt als entscheidender Faktor, um den Umgang mit Smartphones nachhaltig zu gestalten. Statt Geräte nur zu verbieten, sollen Schülerinnen und Schüler lernen, sie reflektiert und verantwortungsvoll zu nutzen.
Dazu gehören Kenntnisse über Datenschutz und Privatsphäre ebenso wie der bewusste Umgang mit sozialen Netzwerken. Themen wie Cybermobbing, Desinformation und digitale Abhängigkeit sollen stärker in den Unterricht integriert werden. Die Schule übernimmt damit eine Rolle, die über reine Wissensvermittlung hinausgeht.
Begleitend zu den neuen Handy-Regeln sind Fortbildungsangebote für Lehrkräfte vorgesehen. Sie sollen dabei unterstützen, digitale Werkzeuge sinnvoll in den Unterricht einzubinden und klare Regeln transparent zu kommunizieren. Auch Eltern sollen stärker einbezogen werden, um ein gemeinsames Verständnis zu fördern.
Zwischen Schutzraum und Lebenswirklichkeit
Schule ist Schutzraum – aber sie ist auch Teil der Lebenswirklichkeit junger Menschen. Genau in diesem Spannungsfeld bewegen sich die neuen Regelungen. Smartphones sind aus dem Alltag nicht wegzudenken, gleichzeitig stellen sie Schulen vor immense Herausforderungen.
Die neuen Handy-Regeln in Sachsen-Anhalt versuchen, diesen Widerspruch auszuhalten. Sie setzen auf Struktur statt Beliebigkeit, auf Orientierung statt Verbotspolitik. Ob dieser Ansatz trägt, wird sich erst in der Praxis zeigen.
Ein Test für das Bildungssystem
Mit den neuen Leitlinien betritt Sachsen-Anhalt kein Neuland, aber es setzt ein deutliches Signal. Das Land übernimmt Verantwortung für eine Frage, die lange den einzelnen Schulen überlassen war. Damit wird der Umgang mit Smartphones zu einem Gradmesser für die Handlungsfähigkeit des Bildungssystems.
Ob die neuen Regeln den Schulalltag tatsächlich entlasten, hängt von ihrer Umsetzung ab. Klar ist schon jetzt: Die Debatte über Handys in der Schule ist damit nicht beendet – sie beginnt auf einer neuen Ebene. Zwischen Klassenzimmer und Landtag, zwischen Bildschirm und Tafel entscheidet sich, wie Lernen im digitalen Zeitalter gestaltet wird.







