
Wernigerode, 3. Januar 2026 – Wenn der Winter den Reddeberteich mit Frost überzieht und die Teichmühle still im kalten Licht liegt, kehrt in Wernigerode ein Ritual zurück, das in den vergangenen Jahren viele Menschen angezogen hat. Dicke Jacken, heißer Atem in der Luft, ein kurzer Gottesdienst unter freiem Himmel – und dann der Moment, in dem sich Mut und Disziplin gegen die Kälte stemmen. Das „Drei Königs Wasser“ verbindet am Ufer Tradition und Gegenwart: als Tauferinnerung, als gemeinschaftliche Erfahrung und als bewusst gesichertes Eisbaden.
Am 11. Januar 2026 soll das „Drei Königs Wasser“ erneut am Reddeberteich bei der Teichmühle in Wernigerode stattfinden. Veranstalter sind die Evangelische Kirchengemeinde Wernigerode gemeinsam mit der DLRG Ortsgruppe Wernigerode e.V., die das Baden im kalten Wasser begleitet und absichert. Im Mittelpunkt stehen ein Gottesdienst unter freiem Himmel und anschließend – für angemeldete Teilnehmende – das Eintauchen in das winterkalte Gewässer unter kontrollierten Bedingungen.
Drei Königs Wasser: Ein Brauch mit religiöser Tiefe
Das „Drei Königs Wasser“ knüpft an eine christliche Tradition an, die in verschiedenen Kirchen unterschiedlich akzentuiert wird. Der Dreikönigstag (Epiphanias) erinnert in der westlichen Tradition häufig an die Heiligen Drei Könige; in orthodoxen Kirchen ist das Fest eng mit der Taufe Jesu im Jordan verbunden. Dort wird Wasser gesegnet, teils an natürlichen Gewässern – und in winterlichen Regionen auch unter Eisbedingungen.
In Wernigerode wird dieser Bezug in eine lokale, zeitgemäße Form übertragen. Im Zentrum steht die Erinnerung an die eigene Taufe und das Wasser als Symbol für Reinigung, Neubeginn und Vertrauen. Das Eisbaden ist dabei keine Mutprobe um der Mutprobe willen, sondern eingebettet in einen gemeinschaftlichen Rahmen: zuerst der Gottesdienst, dann das Baden – bewusst begrenzt, organisiert und gesichert.
Zwischen Ritual und persönlicher Erfahrung
Wer sich auf das Eisbaden einlässt, erlebt die Kälte nicht als abstrakten Begriff, sondern als unmittelbare Körpererfahrung. Das Wasser fordert Konzentration, klare Atmung, einen kurzen Moment innerer Ordnung. Genau diese Zuspitzung, berichten Teilnehmende aus den vergangenen Jahren, mache den Reiz aus: Man steht am Rand, entscheidet sich – und ist für Sekunden vollständig im Augenblick.
Für Zuschauer wirkt das Geschehen oft stiller, als man es erwartet. Kein Spektakel, keine Inszenierung. Vielmehr eine konzentrierte Atmosphäre, in der man das Knirschen des gefrorenen Bodens hört und das Wasser – so kalt es sein mag – als Element wahrnimmt, das trägt und zugleich Grenzen setzt.
DLRG Wernigerode: Sicherheit am und im Wasser
Eine zentrale Rolle beim Drei Königs Wasser übernimmt die DLRG Ortsgruppe Wernigerode e.V. Als Teil des Landesverbands Sachsen-Anhalt engagiert sich die DLRG vor allem in der Schwimm- und Rettungsausbildung sowie in der Präventionsarbeit. Dazu zählen unter anderem Schwimm- und Rettungsschwimmkurse, Erste-Hilfe-Ausbildungen, Sanitätsdienste und Jugendangebote.
Gerade beim Eisbaden gilt: Kälte ist nicht nur ein Gefühl, sondern ein Risikofaktor. Kreislaufreaktionen, schnelle Unterkühlung und Fehleinschätzungen der eigenen Belastbarkeit können gefährlich werden. Entsprechend setzen die Organisatoren auf klare Abläufe. Das Eisbaden ist für angemeldete Teilnehmende vorgesehen, die Dauer im Wasser bleibt begrenzt – und qualifiziertes Personal ist vor Ort, um Sicherheit zu gewährleisten.
Eisregeln und Prävention als stiller Auftrag
Darüber hinaus nutzt die DLRG solche Anlässe regelmäßig, um auf Gefahren winterlicher Gewässer hinzuweisen. Zugefrorene Teiche und Seen wirken trügerisch stabil; Eis kann je nach Temperatur, Strömung und Beschaffenheit ungleichmäßig tragen. Das Drei Königs Wasser soll deshalb ausdrücklich nicht dazu animieren, eigenständig oder ungesichert aufs Eis zu gehen oder in kaltes Wasser zu steigen.
- Betreten von Eisflächen: Nur nach fachlicher Prüfung und niemals allein.
- Eisbaden: Ausschließlich vorbereitet, begleitet und zeitlich stark begrenzt.
- Notfallverhalten: Ruhe bewahren, Hilfe rufen, sich flach auf das Eis ziehen lassen.
Die Präsenz der DLRG verankert das Ereignis in Verantwortung und Prävention. Damit bleibt der symbolische Charakter der Veranstaltung erhalten, ohne die realen Risiken auszublenden.
Der Reddeberteich als Ort der Ruhe und Bedeutung
Der Reddeberteich bei der Teichmühle ist für viele in Wernigerode mehr als eine hübsche Kulisse. Gerade im Winter verändert sich die Landschaft sichtbar: Bäume stehen kahl am Ufer, das Licht wird flach, Geräusche tragen weit. Das Wasser liegt dunkel, manchmal mit Eisrand, manchmal spiegelglatt – und genau diese Ruhe macht den Ort für das Drei Königs Wasser so passend.
Wer in den vergangenen Jahren dabei war, beschreibt häufig dieselbe Mischung: stille Erwartung vor dem Gottesdienst, ein konzentrierter Übergang zum Wasser, danach Gespräche, Wärme, ein gemeinsames Ankommen. Es ist eine Form von Gemeinschaft, die nicht über Lautstärke entsteht, sondern über das geteilte Setting: Kälte, Natur, Ritual.
Gemeinschaft ohne Inszenierung
Das Drei Königs Wasser in Wernigerode setzt auf Zurückhaltung. Keine laute Begleitmusik, keine Effekte, keine Show. Stattdessen entsteht eine Atmosphäre, die eher an einen Wintermorgen-Spaziergang erinnert als an ein Event. Gerade das macht es für viele attraktiv: Man kommt, schaut, hört zu – und bleibt in einer eigenen Ruhe.
Der Gottesdienst unter freiem Himmel bildet dabei die klare Klammer. Er gibt dem Eisbaden Bedeutung, ohne es zu überhöhen. Danach folgt das Baden als bewusstes Zeichen – für die, die teilnehmen möchten, und für die anderen als Beobachtung einer Grenzerfahrung, die nicht dramatisiert wird.
Religiöse Tradition im zeitgenössischen Kontext
Das Drei Königs Wasser zeigt, wie religiöse Traditionen in die Gegenwart übersetzt werden können. Die Erinnerung an die Taufe erhält durch das kalte Wasser eine körperliche Dimension: Wasser wird nicht nur gedacht, sondern erlebt. Gleichzeitig bleibt der Rahmen offen genug, um auch Menschen anzusprechen, die weniger über kirchliche Praxis kommen, sondern über Naturerfahrung, Achtsamkeit oder Gemeinschaft.
In orthodoxen geprägten Regionen Europas ist das Eisbaden rund um Epiphanias seit langem sichtbar – inklusive Wasserweihe und rituellen Formen des Untertauchens. In Mitteleuropa hingegen tritt der Brauch eher punktuell in Erscheinung, häufig in Verbindung mit lokalen Gemeinden oder gemeinschaftlichen Initiativen. In Wernigerode bleibt er dabei eingebettet in einen kirchlichen Kontext und wird durch die DLRG sicher begleitet.
Wenn das Drei Königs Wasser am 11. Januar 2026 wieder am Reddeberteich stattfindet, wird es voraussichtlich erneut vor allem eines sein: ein stiller Wintertermin, der aus der Landschaft heraus wirkt. Nicht der Rekord, nicht der Nervenkitzel steht im Zentrum, sondern ein Moment, in dem Wasser, Glaube und Gemeinschaft zusammenkommen – konzentriert, verantwortungsvoll organisiert und getragen von der Idee, dass Tradition auch heute eine unmittelbare Erfahrung sein kann.







