
Bild: Sonic* alias Steven Brian, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Gernrode (Harz), 23. Dezember 2025 – Hoch über den Dächern der Harzstadt liegt ein Ort, der lange wie ein Mahnmal wirkte. Zerfallene Fassaden, offene Fensterhöhlen, überwucherte Wege: Das ehemalige FDGB-Ferienheim „Fritz Heckert“ schien dem Vergessen überlassen. Nun aber verdichten sich die Zeichen des Wandels. Nach Jahrzehnten des Stillstands steht der Baustart für ein neues Tourismusprojekt fest – und mit ihm die Aussicht auf eine Wiederbelebung eines der bekanntesten Lost Places im Harz.
Was über Jahre hinweg Fotografen, Urban-Explorer und Geschichtsinteressierte anzog, soll künftig Urlauber, Familien und Erholungssuchende willkommen heißen. Das Projekt am sogenannten „Heckert“ markiert nicht nur eine städtebauliche Zäsur für Gernrode, sondern auch einen symbolischen Wendepunkt im Umgang mit historischen Großanlagen aus DDR-Zeiten. Eine Investorengruppe will den denkmalgeschützten Komplex mit einem Millionenaufwand sanieren und in ein modernes, touristisches Nutzungskonzept überführen.
Harzer-Roller News berichtete bereits hier darüber
Ein Bauwerk zwischen Aufbruch und Verfall
Der „Heckert“ ist tief in der regionalen Geschichte verankert. Errichtet in den frühen 1950er-Jahren, gehörte das Ferienheim „Fritz Heckert“ zu den ersten großen Urlaubsanlagen der DDR. Zwischen 1952 und 1954 entstand der Bau nach Entwürfen des halleschen Ingenieurbüros Maedecke und galt als Vorzeigeprojekt des organisierten Gewerkschaftsurlaubs. Hunderte Gäste fanden hier gleichzeitig Platz, ergänzt durch Gemeinschaftsräume, kulturelle Angebote, Sportflächen und gastronomische Einrichtungen.
Über Jahrzehnte war das Haus ein fester Bestandteil des sozialistischen Urlaubsversprechens. Mit dem politischen Umbruch 1990 endete diese Ära abrupt. Der Betrieb wurde eingestellt, Eigentumsfragen blieben lange ungeklärt, notwendige Investitionen unterblieben. Zurück blieb ein massiver Rohbau, der Jahr für Jahr stärker verfiel. Wind, Wetter und Vandalismus hinterließen ihre Spuren. Der Lost Place im Harz wurde zum Sinnbild eines gescheiterten Übergangs von der Plan- zur Marktwirtschaft.
Erst der Eigentümerwechsel vor einigen Jahren brachte neue Bewegung in die Diskussion um die Zukunft des Areals. Mit dem Verkauf an eine Investorengruppe eröffnete sich erstmals seit Jahrzehnten eine realistische Perspektive für eine umfassende Revitalisierung.
Millionen-Investition mit klarer Zielrichtung
Das nun konkretisierte Vorhaben sieht eine grundlegende Sanierung und Umnutzung des gesamten Komplexes vor. Im Zentrum steht ein touristisches Gesamtkonzept, das den Lost Place im Harz wieder zu einem lebendigen Ort machen soll. Die geplanten Investitionen bewegen sich im Millionenbereich und zielen darauf ab, den historischen Bestand zu sichern und gleichzeitig zeitgemäße Angebote zu schaffen.
Geplantes Nutzungskonzept am „Heckert“
- Ferienapartments und Eigentumswohnungen in den bestehenden Gebäudestrukturen
- Sport-, Freizeit- und Wellnessangebote für unterschiedliche Zielgruppen
- Gastronomische Einrichtungen mit regionalem Bezug
- Angebote für Familien und längere Aufenthalte
Der Ansatz ist bewusst breit angelegt. Statt eines reinen Ferienparks oder eines exklusiven Wohnprojekts soll eine Mischung entstehen, die saisonunabhängige Nutzung ermöglicht. Damit positioniert sich das Projekt als Ergänzung zum bestehenden Tourismusangebot im Harz, nicht als Konkurrenz. Der Lost Place wird so zum Ankerpunkt für neue Besucherströme.
Denkmalgeschützter Bestand als Herausforderung
Eine besondere Rolle spielt der Denkmalschutz. Das ehemalige Ferienheim gilt als architektonisch bedeutendes Zeugnis früher DDR-Tourismusarchitektur. Trotz des stark beschädigten Zustands ist vorgesehen, den charakteristischen Baukörper zu erhalten und in die Neugestaltung zu integrieren. Die äußere Erscheinung soll weitgehend bewahrt bleiben, während das Innere grundlegend modernisiert wird.
Die Sanierung stellt hohe Anforderungen an Planung und Ausführung. Neben statischen Fragen geht es um energetische Ertüchtigung, Brandschutz und moderne Haustechnik. Zugleich soll der historische Kontext nicht nivelliert, sondern bewusst sichtbar bleiben. Der Lost Place im Harz soll seine Geschichte erzählen dürfen – allerdings in einer Form, die heutigen Nutzungsansprüchen gerecht wird.
Nachhaltigkeit als Leitmotiv
Ein weiterer Schwerpunkt des Projekts liegt auf nachhaltigen Bau- und Betriebskonzepten. Die Revitalisierung vorhandener Bausubstanz gilt bereits als ressourcenschonender Ansatz. Ergänzend sollen energetische Standards umgesetzt werden, die den langfristigen Betrieb wirtschaftlich und ökologisch tragfähig machen. Damit folgt das Projekt einem Trend, der im Harz zunehmend an Bedeutung gewinnt: Qualität vor Quantität, Sanierung vor Neubau.
Auch die Einbindung in die umgebende Landschaft spielt eine zentrale Rolle. Der Standort am Hang oberhalb von Gernrode bietet weite Ausblicke und unmittelbaren Zugang zur Natur. Diese Lage soll genutzt, aber nicht übernutzt werden. Ziel ist es, den Lost Place im Harz behutsam in sein Umfeld einzubetten.
Impulse für Stadt und Region
Für Gernrode eröffnet das Vorhaben neue Perspektiven. Der Harz lebt seit Jahrzehnten vom Tourismus, steht aber zugleich vor strukturellen Herausforderungen. Projekte wie die Wiederbelebung des „Heckert“ gelten als wichtige Impulse, um neue Zielgruppen anzusprechen und bestehende Angebote zu ergänzen.
Mögliche Effekte für die Region
- Arbeitsplätze während der Bauphase und im späteren Betrieb
- Stärkung der lokalen Wirtschaft durch zusätzliche Gäste
- Aufwertung eines lange brachliegenden Areals
- Neue touristische Impulse für den gesamten Ostharz
Auch symbolisch ist das Projekt von Bedeutung. Der Lost Place im Harz steht exemplarisch für viele vergleichbare Anlagen in Ostdeutschland. Seine Wiederbelebung sendet ein Signal, dass selbst stark beschädigte Großbauten nicht zwangsläufig Abrisskandidaten sein müssen, sondern Potenzial für neue Nutzungen bergen.
Erinnerung bewahren, Zukunft ermöglichen
Die Geschichte des „Fritz Heckert“ ist eng mit gesellschaftlichen Umbrüchen verbunden. Vom sozialistischen Vorzeigeprojekt über den jahrzehntelangen Leerstand bis hin zur geplanten Revitalisierung spiegelt das Areal politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungen wider. Diese Geschichte soll nicht ausgelöscht werden, sondern Teil der neuen Identität bleiben.
Der Umgang mit dem Lost Place im Harz zeigt, wie sensibel die Balance zwischen Bewahren und Verändern sein kann. Gerade diese Spannung macht den Reiz des Projekts aus.
Ein Ort im Wandel
Wenn die Bauarbeiten beginnen, endet eine lange Phase des Stillstands. Der „Heckert“ wird sich verändern – sichtbar, nachhaltig und unumkehrbar. Aus einem Lost Place im Harz entsteht ein Ort mit neuer Funktion und neuer Bedeutung. Ob er wieder zu einem festen Bestandteil der regionalen Identität wird, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Sicher ist jedoch: Der Blick auf den Hang über Gernrode wird künftig nicht mehr nur vom Verfall erzählen, sondern von Aufbruch und Transformation.







