Bei Bauarbeiten für ein Einfamilienhaus ist in Quedlinburg im Landkreis Harz ein unterirdischer Luftschutz-Deckungsgraben aus dem Zweiten Weltkrieg freigelegt worden. Die etwa 20 Meter lange Anlage war über Jahrzehnte verfüllt und später von einem Spielplatz überbaut worden. Archäologen haben das Bauwerk untersucht – mehrere Fragen zu seiner Entstehung, Nutzung und Zukunft sind jedoch noch offen.

Quedlinburg, 29. Juli 2026. Unter einem Grundstück nahe der historischen Altstadt ist ein verborgenes Zeugnis des Zweiten Weltkriegs wiederentdeckt worden. Bei Arbeiten für den geplanten Neubau eines Einfamilienhauses stießen Bauleute auf ein Betongewölbe. Fachleute des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt untersuchten die freigelegten Teile und ordneten das Bauwerk als Luftschutz-Deckungsgraben ein.

Damit handelt es sich nicht um einen klassischen, besonders massiv ausgeführten Luftschutzbunker. Der Deckungsgraben war einfacher konstruiert und bot nur begrenzten Schutz. Menschen sollten darin vor Splittern, Beschuss und herabfallenden Trümmern Zuflucht finden. Einem direkten Bombentreffer hätte die Anlage nach Einschätzung der Fachleute kaum standgehalten.

Luftschutzgraben in Quedlinburg misst rund 20 Meter

Nach Angaben des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt erstreckt sich die gesamte Luftschutzanlage einschließlich zweier Seitenarme über eine Fläche von ungefähr 20 mal 14 Metern. Der Hauptgang selbst ist etwa 20 Meter lang. Sichtbar wurde zunächst ein rund 2,50 Meter breites Betongewölbe, das bei den Erdarbeiten angeschnitten worden war.

Der Quedlinburger Luftschutzgraben wurde abschnittsweise aus Stampfbeton errichtet. Eine Stahlarmierung, wie sie bei widerstandsfähigeren Betonbauten üblich ist, konnte nicht festgestellt werden. Die seitlichen Wände sind ungefähr 45 Zentimeter stark, die halbrunde Decke misst etwa 20 Zentimeter.

Die beiden unterschiedlich langen Seitenarme dienten wahrscheinlich als Ein- und Ausgänge. Im Inneren fanden die Archäologen zudem zwei schleusenartig angelegte Bereiche mit doppelten Türeinbauten. Sie ermöglichten es, den Schutzraum vom Außenbereich abzutrennen.

Öffnungen für Luft und Stromversorgung

Fünf quadratische Öffnungen durchbrechen die Decke des Bauwerks. Jede misst ungefähr 25 mal 25 Zentimeter. Nach Einschätzung der Fachleute dienten sie vermutlich der Frischluftzufuhr. Da der Deckungsgraben wahrscheinlich vollständig mit Erde bedeckt war, dürften ursprünglich nur daran angeschlossene Lüftungsrohre aus dem Boden geragt haben.

Auch Teile der technischen Ausstattung haben sich erhalten. Im Inneren wurden Halterungen früherer Stromleitungen sowie ein Sicherungskasten mit Kabelresten dokumentiert. Das spricht dafür, dass der Luftschutzgraben zumindest über eine einfache elektrische Versorgung verfügte.

Wie die Anlage darüber hinaus eingerichtet war, lässt sich nur teilweise rekonstruieren. Der Innenraum war zum Zeitpunkt der Untersuchung noch stark verfüllt. Seine ursprüngliche Höhe wird auf etwa zwei Meter geschätzt. Reste möglicher Sitzbänke konnten die Archäologen nicht mehr nachweisen.

Nottoilette bleibt eine mögliche Deutung

Ein blind endender Abschnitt des Luftschutzgrabens könnte als Bereich für eine Nottoilette gedient haben. Diese Einordnung ergibt sich aus Vergleichen mit ähnlich aufgebauten Anlagen. Ein eindeutiger Nachweis liegt jedoch nicht vor. Das Landesamt behandelt diese Nutzung deshalb als plausible, aber nicht abschließend belegte Deutung.

Die Konstruktion verdeutlicht, wie funktional solche Schutzräume angelegt waren. Sie mussten rasch errichtet werden, sollten viele Menschen zumindest vor bestimmten Gefahren schützen und kamen mit vergleichsweise wenig Material aus. Komfort oder ein längerer Aufenthalt waren nicht vorgesehen.

Warum der Luftschutzgraben im Harz jahrzehntelang vergessen war

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verlor die Anlage ihre ursprüngliche Funktion. Zu DDR-Zeiten wurde der Luftschutzgraben nach Angaben des Landesamtes unregelmäßig mit Material aufgefüllt. Dafür vergrößerte man offenbar einige der früheren Lüftungsöffnungen.

Die Verfüllung reichte stellenweise bis zu ungefähr zwei Dritteln der ursprünglichen Innenhöhe. Später entstand über dem unterirdischen Bauwerk ein Spielplatz. Von außen war der Luftschutzgraben nicht mehr zu erkennen. Im Laufe der Jahrzehnte verschwand er aus dem öffentlichen Bewusstsein.

Die Aussage, die Anlage sei zuvor niemandem bekannt gewesen, wäre dennoch zu pauschal. Der Schutzbau war während des Krieges geplant und errichtet worden, möglicherweise wurde er auch tatsächlich genutzt. Belegt ist lediglich, dass sein Vorhandensein bei den aktuellen Bauarbeiten überraschend zutage trat und der Luftschutzgraben zuvor nicht mehr sichtbar war.

Fundort nahe der Quedlinburger Altstadt

Das Grundstück liegt an der Kante eines Bergsporns. Westlich davon schließt sich das Bodetal an, die historische Altstadt von Quedlinburg befindet sich ungefähr 600 Meter entfernt. Eine genaue Adresse wurde nicht veröffentlicht.

Auch das Baujahr des Luftschutzgrabens ist bislang nicht bekannt. Ebenso offen bleibt, wer die Anlage errichten ließ und für wie viele Menschen sie vorgesehen war. Es gibt bislang keine öffentlich bekannten Angaben dazu, ob sie einem bestimmten Wohngebiet, einem Betrieb oder einer anderen Einrichtung zugeordnet war.

Unklar ist außerdem, wie häufig der Luftschutzgraben während des Krieges genutzt wurde. Ob historische Baupläne, Verwaltungsakten oder Zeitzeugenberichte existieren, geht aus den bisherigen Veröffentlichungen nicht hervor.

Deckungsgraben statt bombensicherem Bunker

Im allgemeinen Sprachgebrauch werden unterirdische Schutzanlagen aus dem Zweiten Weltkrieg häufig als Bunker bezeichnet. Beim Fund in Quedlinburg wäre diese Bezeichnung jedoch ungenau. Ein regulärer Luftschutzbunker verfügte üblicherweise über deutlich stärkere Wände und Decken und war auf einen höheren Schutz gegen Druckwellen und Bombeneinwirkungen ausgelegt.

Der Quedlinburger Luftschutzgraben bot dagegen nur einen eingeschränkten Schutz. Seine Konstruktion sollte vor allem verhindern, dass Menschen durch Splitter, Trümmer oder Beschuss verletzt wurden. Bei einem direkten Bombentreffer wäre das relativ dünne Betongewölbe vermutlich schwer beschädigt oder zerstört worden.

Gerade diese begrenzte Schutzwirkung macht die Anlage historisch aussagekräftig. Sie zeigt, mit welchen Mitteln die Zivilbevölkerung während des Krieges geschützt werden sollte – und wie groß zugleich die Risiken blieben. Das Landesamt ordnet den Fund deshalb als Zeugnis der damaligen Luftschutzorganisation und der Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf den Alltag der Bevölkerung ein.

Ein verborgenes Zeugnis der Harzer Stadtgeschichte

Der Luftschutzgraben in Quedlinburg verbindet verschiedene Phasen der Stadtgeschichte im Harz. Zunächst entstand ein Schutzbau aus dem Zweiten Weltkrieg. Jahrzehnte später wurde er teilweise verfüllt, anschließend lag darüber ein Spielplatz. Erst ein heutiges Wohnbauprojekt brachte das Bauwerk wieder ans Licht.

Welche Folgen der Fund für den geplanten Neubau hat, ist bislang nicht bekannt. Öffentlich offen ist auch, ob die Anlage erhalten, erneut verfüllt, teilweise entfernt oder in anderer Form gesichert wird. Ebenso wenig ist geklärt, ob weitere archäologische Untersuchungen folgen.

Fest steht bislang nur: Der Luftschutzgraben ist dokumentiert und damit als historischer Befund für Quedlinburg und die Harzregion erfasst. Ein Bauwerk, das lange vollständig aus dem Stadtbild verschwunden war, ist damit zumindest wissenschaftlich wieder sichtbar geworden.

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