Bei Erdarbeiten für ein geplantes Einfamilienhaus ist in Quedlinburg ein Luftschutz-Deckungsgraben aus dem Zweiten Weltkrieg wiederentdeckt worden. Die unterirdische Anlage aus Beton ist rund 20 Meter lang und diente dem Schutz vor Splittern, Trümmern und Beschuss. Ungeklärt bleibt, wann sie gebaut wurde, wer sie nutzte und wie mit dem Fund künftig umgegangen wird.
Quedlinburg, 28. Juli 2026. Unter einem früheren Spielplatz in Quedlinburg hat sich über Jahrzehnte ein Relikt des Zweiten Weltkriegs verborgen. Bei vorbereitenden Erdarbeiten auf einem privaten Baugrundstück stießen Arbeiter auf die Abdeckung eines unterirdischen Betongewölbes. Fachleute des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt untersuchten den Befund und identifizierten ihn als Luftschutz-Deckungsgraben.
Der Fund ist keine vollständige Neuentdeckung. Die Anlage war nach dem Krieg offenbar nicht beseitigt, sondern zu DDR-Zeiten teilweise verfüllt und später überbaut worden. Mit dem Spielplatz verschwand auch das Wissen um den unterirdischen Schutzraum. Erst die aktuellen Bauarbeiten brachten das Gewölbe wieder ans Licht.
Luftschutz-Deckungsgraben in Quedlinburg wiederentdeckt
Der freigelegte Hauptgang des Luftschutz-Deckungsgrabens ist etwa 20 Meter lang und verläuft von Südwesten nach Nordosten. Hinzu kommen zwei unterschiedlich lange Seitenarme, die als Ein- und Ausgang dienten. Insgesamt erstreckt sich die Anlage über eine Fläche von ungefähr 20 mal 14 Metern.
Das zuerst sichtbare Betongewölbe misst rund 2,50 Meter in der Breite. Der Deckungsgraben liegt an der Kante eines Bergsporns; die historische Altstadt von Quedlinburg befindet sich etwa 600 Meter entfernt. Eine genaue Adresse wurde nicht veröffentlicht. Das Grundstück, auf dem ein Einfamilienhaus entstehen soll, bleibt damit vor einer eindeutigen öffentlichen Zuordnung geschützt.
| Merkmal | Dokumentierter Befund |
|---|---|
| Länge des Hauptgangs | rund 20 Meter |
| Breite des Gewölbes | etwa 2,50 Meter |
| Gesamtausdehnung | ungefähr 20 mal 14 Meter |
| Vermutete Innenhöhe | etwa zwei Meter |
| Lüftungsöffnungen | fünf Öffnungen von jeweils etwa 25 mal 25 Zentimetern |
Stampfbeton, Lüftungsschächte und doppelte Türen
Die Bauweise des Luftschutz-Deckungsgrabens ist vergleichsweise schlicht. Der Bau besteht abschnittsweise aus Stampfbeton, eine Stahlarmierung wurde nicht festgestellt. Die Seitenwände sind jeweils etwa 45 Zentimeter stark, die halbrund geformte Decke misst rund 20 Zentimeter.
An den Innenwänden sind noch die Abdrücke der Schalbretter erkennbar, die beim Gießen des Betons verwendet wurden. Die Außenseite der Gewölbedecke war geglättet und mit einem Schutzanstrich versehen. Fünf quadratische Öffnungen in der Decke dienten der Belüftung. Während der Nutzung dürfte der Deckungsgraben vollständig mit Erde überdeckt gewesen sein. Sichtbar waren vermutlich nur die mit Metallrohren versehenen Lüftungsschächte.
An den Zugängen befanden sich zwei schleusenartige Bereiche mit doppelten Türen. Sie ermöglichten es, den Innenraum gegenüber den Ein- und Ausgängen abzuriegeln. Im Inneren fanden die Archäologen zudem Eisenschellen ehemaliger Stromleitungen sowie einen Sicherungskasten mit Kabelresten.
Hinweise auf Ausstattung bleiben lückenhaft
Von Sitzbänken, wie sie in vergleichbaren Luftschutzanlagen häufig vorhanden waren, ließen sich keine sicheren Spuren nachweisen. Auch ein blind endender Abschnitt im Nordosten gibt Rätsel auf. Nach dem Vergleich mit ähnlich gebauten Anlagen könnte sich dort ein Notabort befunden haben. Bewiesen ist diese Nutzung nicht.
Die teilweise Verfüllung erschwerte die Untersuchung. Das vermutlich etwa zwei Meter hohe Innere konnte nur eingeschränkt dokumentiert werden. Eine vollständige Freilegung des Luftschutz-Deckungsgrabens ist bislang nicht bekannt.
Schutz vor Splittern, nicht vor Bombentreffern
Luftschutz-Deckungsgräben waren keine massiven Bunker. Sie sollten Menschen vor Beschuss, umherfliegenden Splittern und herabstürzenden Gebäudeteilen schützen. Einen direkten Bombentreffer hätte auch die Quedlinburger Anlage kaum überstanden.
Der Fund dokumentiert deshalb weniger eine besonders sichere Schutztechnik als den Versuch, der Zivilbevölkerung in einem Luftkrieg zumindest begrenzten Schutz zu bieten. Wie viele Menschen der Deckungsgraben aufnehmen konnte, ist nicht überliefert. Ebenso fehlt bislang ein Nachweis dafür, bei welchen Luftalarmen oder Angriffen die Anlage genutzt wurde.
Auch deshalb ist der oft verwendete Ausdruck „Zeugnis des Schreckens“ einzuordnen. Der Luftschutz-Deckungsgraben steht für den historischen Kontext des Krieges und für die Angst der Bevölkerung vor Angriffen. Hinweise auf Opfer, persönliche Gegenstände oder konkrete Einschlagspuren wurden bei der bisherigen Dokumentation nicht bekannt.
Vom Schutzraum zum vergessenen Hohlraum
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb die Anlage bestehen. Zu DDR-Zeiten wurde das Innere über teilweise vergrößerte Lüftungsschächte mit Material aufgefüllt. Die Verfüllung erfolgte offenbar unregelmäßig und reichte stellenweise bis zu zwei Dritteln der Innenhöhe.
Später entstand über dem Deckungsgraben ein Spielplatz. Wann dieser angelegt wurde, wie lange er genutzt wurde und wann er verschwand, ist nicht dokumentiert. Sicher ist nur: Mit der Überbauung geriet die Anlage aus dem öffentlichen Bewusstsein.
Dieser Umgang ist für viele Relikte des zivilen Luftschutzes typisch. Nach dem Krieg verloren sie ihre Funktion, wurden verfüllt, überbaut oder in neue Nutzungen einbezogen. In Quedlinburg blieb der Betonbau unter der Erde erhalten, während sich an der Oberfläche das Stadtbild veränderte.
Ein Fall für die Archäologie der Moderne
Der Luftschutz-Deckungsgraben in Quedlinburg zeigt, dass Archäologie nicht nur nach mittelalterlichen Mauern oder frühgeschichtlichen Siedlungsspuren sucht. Auch Bauwerke des 20. Jahrhunderts gehören zum Arbeitsfeld, wenn sie Einblicke in historische Lebensbedingungen und technische Schutzmaßnahmen geben.
Der archäologische Wert der Anlage liegt vor allem in ihrer materiellen Überlieferung. Bauweise, Belüftung, Zugänge und elektrische Ausstattung lassen erkennen, wie solche Schutzräume konstruiert waren. Zugleich dokumentieren die spätere Verfüllung und die Überbauung mit einem Spielplatz den Umgang mit dem Kriegsrelikt in der Nachkriegszeit.
- Die Anlage belegt die technische Ausführung eines einfachen zivilen Schutzraums.
- Sie zeigt die begrenzte Schutzwirkung solcher Deckungsgräben.
- Sie dokumentiert den späteren Bedeutungsverlust des Bauwerks.
- Sie macht sichtbar, wie jüngere Geschichte unter heutigen Grundstücken fortbesteht.
Viele historische Fragen bleiben dennoch offen. Weder das genaue Baujahr noch der damalige Auftraggeber sind bekannt. Auch zur vorgesehenen Zahl der Schutzplätze und zur Nutzergruppe liegen bislang keine belastbaren Angaben vor.
Historische Akten könnten weitere Antworten liefern
Ob sich die Geschichte des Luftschutz-Deckungsgrabens genauer rekonstruieren lässt, hängt von zusätzlichen Unterlagen ab. Denkbar wären Bauakten, Luftschutzpläne, Verwaltungsdokumente, historische Stadtpläne oder Luftbilder. Eine solche weiterführende Archivauswertung wurde bislang nicht öffentlich vorgestellt.
Ohne diese Quellen lässt sich auch kein konkreter Zusammenhang mit einzelnen Luftangriffen auf Quedlinburg herstellen. Der Fund belegt die Existenz der Anlage, nicht aber ihre Nutzung an bestimmten Tagen oder durch bestimmte Personen.
Folgen für das Baugrundstück sind noch offen
Unklar ist derzeit, wie es mit dem Luftschutz-Deckungsgraben weitergeht. Es wurde nicht bekannt, ob die Anlage erhalten bleiben muss, verfüllt, verändert oder teilweise beseitigt werden darf. Auch mögliche Auswirkungen auf den geplanten Bau des Einfamilienhauses sind bislang nicht öffentlich beschrieben.
Ebenso offen ist, ob der Deckungsgraben als Denkmal eingestuft wird oder weitere Untersuchungen folgen. Eine öffentliche Besichtigung wurde nicht angekündigt. Da sich der Fund auf einem privaten Grundstück befindet, dürfte der Zugang ohnehin begrenzt bleiben.
Für die archäologische Dokumentation ist die Wiederentdeckung dennoch von Bedeutung. Sie schließt eine Lücke im Wissen über den zivilen Luftschutz in Quedlinburg und liefert einen materiellen Befund aus einer Zeit, deren bauliche Hinterlassenschaften im Stadtbild oft kaum noch sichtbar sind.
Was unter der Stadt erhalten blieb
Der Deckungsgraben erzählt keine vollständige Geschichte. Es gibt bislang keine Namen, keine belegten Berichte von Schutzsuchenden und keinen nachgewiesenen Zusammenhang mit einem konkreten Angriff. Erhalten sind stattdessen Betonwände, Lüftungsöffnungen, technische Einbauten und Spuren der späteren Verfüllung.
Gerade darin liegt seine Aussagekraft. Der Fund zeigt, wie tief der Krieg in den Alltag der Bevölkerung eingriff und welche baulichen Lösungen für den Schutz vor Luftangriffen geschaffen wurden. Zugleich macht er sichtbar, wie ein solches Bauwerk nach 1945 aus dem Gedächtnis verschwinden konnte – nicht beseitigt, sondern überdeckt, umgenutzt und schließlich vergessen.
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