
Brocken/Harz, 30. Dezember 2025 – Der Wind fegt über das Plateau, Nebel zieht in schnellen Schwaden über das kahle Gelände, und selbst an klaren Tagen wirkt der höchste Berg Norddeutschlands wie ein Ort außerhalb der Zeit. Der Brocken ist rau, sperrig, widerspenstig – und doch seit Generationen ein Magnet. Nun steht der Gipfel vor einem tiefgreifenden Wandel, der den Charakter des Ortes neu justieren könnte: Die Restaurantkette Timberjacks plant einen umfassenden Neustart von Gastronomie und Hotelbetrieb auf dem Brocken.
Was sich zunächst nach einem weiteren gastronomischen Projekt anhört, ist in Wahrheit ein Vorhaben mit erheblicher Tragweite für den gesamten Harz. Mit der geplanten „Timberjacks Brocken Mountain Lodge“ soll der traditionsreiche Standort nicht nur modernisiert, sondern strukturell neu aufgestellt werden. Es geht um Investitionen in Millionenhöhe, um Arbeitsplätze, um touristische Strahlkraft – und um die Frage, wie viel Inszenierung ein Ort wie der Brocken verträgt, ohne seine Eigenart zu verlieren.
Ein neuer Betreiber, ein neuer Anspruch
Den Ausgangspunkt bildet eine politische Entscheidung: Anfang Dezember 2025 beschloss der Kreistag des Landkreises Harz einstimmig, mit Timberjacks in konkrete Vertragsverhandlungen einzutreten. Damit endet eine Phase der Unsicherheit, die durch den Rückzug des bisherigen Brockengastronomen ausgelöst worden war. Der Landkreis hatte das Brockengelände wenige Monate zuvor übernommen und anschließend europaweit nach einem neuen Betreiber gesucht.
Das Verfahren war aufwendig, zweistufig und stark nachgefragt. Mehr als 100 Interessenten meldeten sich, am Ende setzte sich Timberjacks durch. Ausschlaggebend waren nach Angaben des Landkreises vor allem das wirtschaftliche Gesamtkonzept, die langfristige Perspektive sowie die Bereitschaft, substanzielle Investitionen in die bestehende Bausubstanz zu tätigen. Landrat Thomas Balcerowski sprach davon, den Brocken „ins 21. Jahrhundert führen“ zu wollen – eine Formulierung, die den politischen Willen hinter dem Projekt deutlich macht.
Warum Timberjacks?
Timberjacks ist in Deutschland längst keine unbekannte Marke mehr. Das Unternehmen mit Sitz in Göttingen betreibt mehrere Standorte, vor allem in Nord- und Westdeutschland, und ist für ein rustikal-amerikanisches Gastronomiekonzept bekannt. Barbecue, große Portionen, offene Grillbereiche, schwere Holzmöbel – das Erscheinungsbild ist bewusst markant. Ergänzt wird das Angebot an einigen Standorten durch motelartige Übernachtungsmöglichkeiten.
Für den Brocken stellt das Projekt jedoch eine neue Dimension dar. Unternehmensintern wird der Standort als „Leuchtturmprojekt“ bezeichnet. Kein anderer Betrieb vereint eine derart exponierte Lage, denkmalgeschützte Gebäude, nationale Symbolkraft und logistische Herausforderungen. Genau darin liegt für Timberjacks offenbar der Reiz: Der Brocken im Harz soll nicht einfach ein weiterer Restaurantstandort werden, sondern ein Aushängeschild.
Die „Timberjacks Brocken Mountain Lodge“
Geplant ist ein umfassender Umbau des bestehenden Brockenhotels sowie der angeschlossenen Gastronomieflächen. Bestehende Strukturen sollen erhalten, das Innere jedoch vollständig neu gestaltet werden. Besonders der historische Goethesaal spielt dabei eine zentrale Rolle: Er soll weiterhin als repräsentativer Raum dienen, künftig aber stärker in das Gesamtkonzept integriert werden.
Da der Brocken im Nationalpark Harz liegt, sind Neubauten ausgeschlossen. Alle Veränderungen müssen sich innerhalb der vorhandenen Gebäude bewegen. Das betrifft nicht nur das Hotel, sondern auch den Brockenturm und weitere Nebengebäude. Timberjacks plant daher eine vollständige Entkernung einzelner Bereiche, um moderne Technik, neue Raumaufteilungen und ein zeitgemäßes Energiekonzept umzusetzen – ohne den äußeren Charakter zu verändern.
Gastronomie zwischen Erlebnis und Alltag
Im Mittelpunkt steht die Gastronomie. Timberjacks kündigt ein ganztägiges Angebot an, das sich sowohl an Tagesgäste als auch an Übernachtungsgäste richtet. Die Speisekarte soll deutlich umfangreicher ausfallen als bislang und mehrere hundert Sitzplätze im Innen- und Außenbereich ermöglichen, abhängig von Wetter und Saison.
Hinzu kommen geplante Veranstaltungsformate wie kleinere Konzerte oder Akustikabende unter dem Label „Timberjacks Unplugged“. Ziel ist es, den Brocken nicht nur als Durchgangsstation für Wanderer zu begreifen, sondern als Ort, an dem Gäste bewusst verweilen – auch abseits klassischer Hauptsaisonzeiten.
Investitionen, Umbau und Zeitplan
Allein für den gastronomischen Bereich rechnet Timberjacks mit Investitionen von rund acht Millionen Euro. Hinzu kommen Kosten für den Hotelbetrieb, die technische Infrastruktur und logistische Anpassungen. Der Umbau soll sich über etwa ein Jahr erstrecken. In dieser Zeit will der Landkreis gemeinsam mit dem Betreiber Lösungen finden, um zumindest eine Grundversorgung für Besucher sicherzustellen.
Der anvisierte Start der „Timberjacks Brocken Mountain Lodge“ liegt nach derzeitigem Stand im Jahr 2027. Zuvor sind umfangreiche Planungs- und Genehmigungsverfahren erforderlich, die aufgrund der besonderen Lage des Brockens als sensibel gelten. Der Zeitplan ist ambitioniert, aber bewusst so gewählt, um Planungssicherheit zu schaffen.
Mehr Betten auf dem Gipfel
Ein zentrales Element des Konzepts ist der Ausbau der Übernachtungskapazitäten. Während das bisherige Brockenhotel vergleichsweise begrenzte Möglichkeiten bot, plant Timberjacks eine deutliche Ausweitung. Künftig sollen zwischen 60 und 80 Betten zur Verfügung stehen – etwa dreimal so viele wie bislang.
Damit richtet sich das Angebot nicht nur an klassische Wanderer, sondern auch an Familien, Kurzurlauber und Gäste, die den Brocken bewusst als Ausgangspunkt für mehrere Tage im Harz nutzen wollen. Die Betreiber versprechen sich davon eine Entzerrung der Besucherströme und eine stärkere wirtschaftliche Auslastung auch außerhalb von Wochenenden und Feiertagen.
Arbeitsplätze und regionale Effekte
Mit dem neuen Betrieb entstehen nach Unternehmensangaben bis zu 60 Arbeitsplätze. Gesucht werden Mitarbeitende für Küche, Service, Hotelbetrieb, Technik und Veranstaltungsorganisation. Timberjacks kündigt an, vorrangig regional zu rekrutieren, will aber auch auf bestehende Teams aus anderen Standorten zurückgreifen.
Für den Landkreis Harz ist das Projekt auch arbeitsmarktpolitisch von Bedeutung. Der Brocken gilt als touristisches Herzstück der Region, gleichzeitig aber als kostenintensiver Standort. Ein wirtschaftlich tragfähiger Betrieb soll langfristig dazu beitragen, Folgekosten zu senken und Synergien mit anderen touristischen Angeboten im Harz zu schaffen.
Geplanter Ablauf in Etappen
- Übernahme des Brockengeländes durch den Landkreis Harz
- Europaweites Vergabeverfahren und Auswahl von Timberjacks
- Vertragsverhandlungen und Detailplanung
- Umbauphase der bestehenden Gebäude
- Geplante Eröffnung der Timberjacks Brocken Mountain Lodge ab 2027
Der Brocken zwischen Mythos und Modernisierung
Kaum ein Ort im Harz ist so aufgeladen wie der Brocken. Literarisch verklärt, politisch instrumentalisiert, touristisch übernutzt und gleichzeitig infrastrukturell unterversorgt – all diese Zuschreibungen prägen das Bild des Gipfels. In den vergangenen Jahren wurde immer wieder über Sanierungsstau, Personalmangel und wirtschaftliche Defizite diskutiert.
Mit dem Einstieg von Timberjacks verbindet sich nun die Hoffnung auf Stabilität und neue Impulse. Gleichzeitig bleibt der Brocken ein sensibler Ort. Jede Veränderung wird kritisch beobachtet, nicht zuletzt von Naturschützern, Wanderverbänden und Teilen der regionalen Öffentlichkeit. Der Landkreis betont daher, dass sämtliche Maßnahmen im Einklang mit den Vorgaben des Nationalparks erfolgen sollen.
Ein Berg im Umbruch
Der Brocken war nie ein statischer Ort. Seine Geschichte ist geprägt von Brüchen, Sperrzonen, Wiederentdeckungen und immer neuen Nutzungsansprüchen. Mit den Plänen von Timberjacks tritt der Berg erneut in eine Phase des Umbruchs ein – diesmal getrieben von wirtschaftlichen Überlegungen und touristischen Erwartungen.
Ob die Verbindung aus rustikalem Gastronomiekonzept, erweiterten Übernachtungsmöglichkeiten und Veranstaltungsformaten dauerhaft trägt, wird sich erst nach der Eröffnung zeigen. Sicher ist jedoch: Der Brocken im Harz wird in den kommenden Jahren ein anderes Gesicht bekommen. Und dieses Gesicht wird stärker denn je von der Frage geprägt sein, wie sich Tradition, Natur und moderne Nutzung miteinander vereinbaren lassen.







