Kunst im Harz
Kaiserring 2026: Gabriele Stötzer bringt fünf Jahrzehnte Kunst nach Goslar

Kunst im Harz

Mit Gabriele Stötzer rückt Goslar im Oktober eine Künstlerin ins Zentrum, deren Werk eng mit der unabhängigen Kunstszene der DDR verbunden ist. Die 73-Jährige erhält den Kaiserring 2026 und eröffnet anschließend im Mönchehaus Museum ihre Ausstellung „VERbunden“. Zu sehen sind Arbeiten aus rund fünf Jahrzehnten – darunter Werke, die eigens für Goslar entstehen.
Goslar, 22. September 2026. – Am 10. Oktober richtet sich die Aufmerksamkeit zunächst auf die Kaiserpfalz. Dort wird Gabriele Stötzer um 11 Uhr mit dem Kaiserring der Stadt Goslar ausgezeichnet. Nur wenig später wechselt der Schauplatz: Ab 12.30 Uhr eröffnet das Mönchehaus Museum die Ausstellung „VERbunden“, die frühe Arbeiten aus den 1970er-Jahren mit dem gegenwärtigen Schaffen der Künstlerin zusammenführt.
Damit kommt eine Künstlerin nach Goslar, deren Biografie und Werk eng mit den politischen Verhältnissen der DDR verknüpft sind. Stötzer gehörte zur unabhängigen Kunst- und Frauenbewegung, arbeitete außerhalb staatlich vorgegebener Strukturen und setzte sich über Jahrzehnte mit Selbstbestimmung, Körper, gesellschaftlichen Rollen und Machtverhältnissen auseinander.
Doch die Ausstellung im Mönchehaus ist keine klassische Schau über „DDR-Kunst“. Sie reicht weit über diese Epoche hinaus. Genau darin liegt der entscheidende Unterschied: „VERbunden“ verfolgt Stötzers künstlerische Entwicklung über rund fünf Jahrzehnte und führt sie bis zu neuen Arbeiten aus dem Jahr 2026.
Gabriele Stötzer wurde 1953 im thüringischen Emleben geboren und lebt und arbeitet in Erfurt. Ihre künstlerische Entwicklung lässt sich kaum von ihrer politischen Biografie trennen. Nachdem sie sich am Protest gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann beteiligt hatte, wurde sie 1977 politisch inhaftiert.
In den Jahren danach entstand ein Werk, das sich nie auf ein einzelnes Medium beschränkte. Stötzer arbeitete mit Fotografie, Film und Performance, mit Textilien und Literatur. Immer wieder beschäftigte sie sich mit der Frage, wie Selbstbestimmung unter gesellschaftlichem und politischem Druck möglich bleibt.
Nach Angaben der Stadt Goslar untersucht die Künstlerin in ihren Arbeiten unter anderem Rollenzuschreibungen und Machtverhältnisse, insbesondere vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen in der DDR. Die Jury des Kaiserrings würdigt zugleich die Bedeutung ihres gemeinschaftlichen und künstlerisch-aktivistischen Arbeitens.
Für Miriam Bettin, Direktorin des Mönchehaus Museums, liegt darin ein wesentlicher Zugang zu Stötzers Werk. Im Gespräch mit dem NDR beschrieb sie deren künstlerische Haltung als Versuch, „in einem unfreien System frei zu bleiben“. Der Satz bringt auf den Punkt, worum es in vielen frühen Arbeiten geht: um eigene Ausdrucksformen und selbst geschaffene Freiräume unter politischen Bedingungen, die diese Freiheit begrenzten.
Gabriele Stötzer erhält am 10. Oktober 2026 den Kaiserring der Stadt Goslar. Anschließend zeigt das Mönchehaus Museum im Harz mit „VERbunden“ Arbeiten aus rund fünf Jahrzehnten ihres Schaffens.
Die Dimension der Goslarer Ausstellung ist entsprechend groß. „VERbunden“ beginnt bei Arbeiten aus den 1970er-Jahren und reicht bis in die unmittelbare Gegenwart. Nach Angaben des Mönchehaus Museums entstehen für Goslar zudem neue Werke. Auch eine Performance und eine eigene Edition sind angekündigt.
Bettin erklärte gegenüber dem NDR, dass Stötzers Arbeiten weite Teile des historischen Mönchehauses einnehmen sollen. Die Präsentation ist damit nicht als Rückschau auf einen abgeschlossenen Abschnitt deutscher Kunstgeschichte angelegt. Frühe Werke stehen neben späteren Positionen; Arbeiten aus der DDR treffen auf Kunst, die Jahrzehnte nach deren Ende entstanden ist.
Das macht auch die Bezeichnung „DDR-Kunst“ erklärungsbedürftig. Das Mönchehaus zeigt keine Gruppenausstellung verschiedener Künstlerinnen und Künstler aus Ostdeutschland und auch keine allgemeine Bestandsaufnahme der Kunstproduktion in der DDR. Im Mittelpunkt steht ausschließlich Gabriele Stötzer – und damit ein Werk, das lange vor der Wiedervereinigung begann, aber keineswegs mit ihr endete.
Die aktuelle Aufmerksamkeit für Stötzers Werk berührt dennoch eine größere Debatte. Bettin spricht von einer Neubetrachtung sogenannter DDR-Kunst. Dabei geht es auch um Künstlerinnen und Künstler, deren Arbeit außerhalb der offiziellen Kulturstrukturen entstand und die deshalb mit einer pauschalen historischen Einordnung nur unzureichend beschrieben werden können.
Stötzers Biografie ist dafür ein prägnantes Beispiel. Politische Repression gehört zu ihrer Geschichte, ebenso die Suche nach unabhängigen Formen künstlerischer Arbeit. Zugleich umfasst ihr Schaffen inzwischen rund ein halbes Jahrhundert. Wer ausschließlich auf die DDR-Jahre blickt, blendet einen großen Teil dieser Entwicklung aus.
Die Ausstellung „VERbunden“ macht diese zeitliche Spannweite zum Teil ihres Konzepts. Besucher sollen nicht nur sehen können, unter welchen Bedingungen frühe Arbeiten entstanden. Sie begegnen auch einer Künstlerin, die ihre Themen und Ausdrucksformen bis heute weiterentwickelt.
Mit der Ausstellung ist eine der bedeutendsten Kulturveranstaltungen des Jahres in Goslar verbunden. Der Kaiserring wird seit 1975 von der Stadt vergeben und richtet sich an international herausragende Positionen der Gegenwartskunst. Zu den bisherigen Preisträgerinnen und Preisträgern gehören Henry Moore, Max Ernst, Joseph Beuys, Gerhard Richter, Cindy Sherman, Christo, David Lynch und Olafur Eliasson.
2026 geht der Kaiserring an Gabriele Stötzer. Die Entscheidung hatte die Stadt Goslar bereits im Januar bekannt gegeben. Nach Bettins Angaben ist Stötzer die erste Künstlerin aus der ehemaligen DDR, die mit dem Goslarer Kunstpreis ausgezeichnet wird.
Die Preisverleihung beginnt am Samstag, 10. Oktober, um 11 Uhr in der Kaiserpfalz. Nach Angaben der Stadt Goslar findet sie im Rahmen einer öffentlichen Sondersitzung des Rates statt. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Danach zieht das Programm weiter zum Mönchehaus Museum. Dort beginnt um 12.30 Uhr die Eröffnung von „VERbunden“. Die Ausstellung soll bis zum 17. Januar 2027 zu sehen sein.
Die Würdigung in Goslar fällt in eine Phase, in der Gabriele Stötzers Werk auch andernorts verstärkt institutionelle Aufmerksamkeit erhält. Der Berliner Gropius Bau zeigt seit Juni die Ausstellung „Dabei sein und nicht schweigen“. Das Haus bezeichnet sie als bislang größte institutionelle Einzelausstellung der Künstlerin. Sie läuft bis zum 6. Dezember 2026.
Damit überschneiden sich in diesem Herbst zwei große Präsentationen. In Berlin steht eine umfassende institutionelle Rückschau im Mittelpunkt. Goslar verbindet die Ausstellung dagegen unmittelbar mit dem Kaiserring 2026 und ergänzt sie um Arbeiten, die für das Mönchehaus entstehen.
Für das Goslarer Museum ist die Schau zugleich eines der großen Kaiserring-Projekte unter Miriam Bettins Leitung. Sie übernahm das Mönchehaus 2025 von Bettina Ruhrberg, die das Haus von 2006 bis 2025 geführt hatte.
Der politische Hintergrund wird in Goslar präsent sein, aber er ist nicht der Endpunkt der Ausstellung. „VERbunden“ führt Arbeiten aus unterschiedlichen Jahrzehnten zusammen und macht damit sichtbar, wie sich Gabriele Stötzers künstlerische Themen verändert, fortgesetzt und erweitert haben.
Gerade diese Verbindung unterscheidet die Schau von einer rein historischen Betrachtung der unabhängigen Kunstszene in der DDR. Der Kaiserring würdigt keine abgeschlossene Lebensphase, sondern ein Werk, das bis heute weitergeführt wird.
Am 10. Oktober treffen beide Perspektiven in Goslar aufeinander: In der Kaiserpfalz wird Gabriele Stötzer für ihr künstlerisches Schaffen ausgezeichnet, anschließend öffnet das Mönchehaus den Blick auf fünf Jahrzehnte dieses Werks. Wie die eigens für Goslar entstehenden Arbeiten und die angekündigte Performance die historischen Räume verändern, wird sich mit der Eröffnung von „VERbunden“ zeigen.
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