Polizei Sachsen-Anhalt
True-Crime-Hackathon in Sachsen-Anhalt: Was das Polizei-Experiment für die Harzregion zeigt

Polizei Sachsen-Anhalt

Mehr als 800 Menschen wollten dabei sein, nur 30 wurden ausgewählt: Beim ersten True-Crime-Hackathon der Polizei Sachsen-Anhalt haben externe Teilnehmer echte, anonymisierte Ermittlungsfälle untersucht. Ein Team stieß bei der Recherche zu einer digitalen Erpressung auf einen neuen Ansatz. Ob daraus eine belastbare Spur wird, müssen nun die Ermittler prüfen.
Halle (Saale), 29. September 2026. Zehn Stunden, fünf Teams und reale Kriminalfälle: Mit einem ungewöhnlichen Experiment hat die Polizei Sachsen-Anhalt versucht, neue Perspektiven in laufende und bislang ungeklärte Ermittlungen zu bringen. Beim ersten True-Crime-Hackathon in Sachsen-Anhalt arbeiteten 30 ausgewählte Teilnehmer am Weinberg Campus in Halle an anonymisierten Fällen – Menschen mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen, die normalerweise nicht gemeinsam an einem Ermittlungstisch sitzen.
Die Resonanz auf das Projekt war deutlich größer als die Veranstaltung selbst. Nach Angaben der Polizei Sachsen-Anhalt hatten sich mehr als 800 Interessierte beworben. Nur 30 von ihnen wurden ausgewählt und auf fünf Teams verteilt. Gesucht waren ausdrücklich unterschiedliche Blickwinkel und Fachkenntnisse, unter anderem aus Informatik und Data Science, Psychologie, Statistik, Mathematik sowie Rechts- und Sozialwissenschaften. Polizeiliche Erfahrung war keine Voraussetzung.
Das Prinzip dahinter: Wer einen Fall zum ersten Mal sieht, stellt womöglich andere Fragen als Ermittler, die sich schon lange damit beschäftigen. Genau diesen Blick von außen wollte die Landespolizei erproben. Dabei ging es allerdings nicht darum, Bürger zu Hobbyermittlern zu machen. Die Teilnehmer arbeiteten unter kontrollierten Bedingungen mit speziell vorbereiteten und anonymisierten Informationen.
„True Crime“ steht längst für ein eigenes Unterhaltungsgenre – für Podcasts, Dokumentationen und Bücher über tatsächliche Verbrechen. In Halle hatte der Begriff einen anderen Zweck. Dort ging es nicht um die nachträgliche Inszenierung spektakulärer Fälle, sondern um konkrete Polizeiarbeit.
Die Teilnehmer sollten vorhandene Informationen neu ordnen, Zusammenhänge prüfen und mögliche Ermittlungsansätze entwickeln. Dafür stellte die Polizei fünf reale Fälle bereit. Details blieben aus Ermittlungs- und Datenschutzgründen weitgehend unter Verschluss.
Wie der MDR über den True-Crime-Hackathon berichtete, stammten die Fälle aus unterschiedlichen Bereichen. Dazu gehörten Tötungsdelikte, Cybercrime, Wirtschaftskriminalität und sogenannte Cold Cases. Die ausgewählten Teilnehmer kamen nicht nur aus Sachsen-Anhalt, sondern auch aus anderen Bundesländern und aus der Schweiz.
Entscheidend war dabei die Trennung zwischen externer Analyse und regulärer Ermittlungsarbeit. Die Teilnehmer bekamen keine frei zugänglichen vollständigen Ermittlungsakten. Stattdessen erhielten sie aufbereitete, anonymisierte Informationen. Persönlichkeitsrechte und Datenschutz sollten auf diese Weise gewahrt bleiben.
Dass sich mehr als 800 Menschen auf lediglich 30 Plätze bewarben, zeigt die ungewöhnlich große Resonanz auf das Experiment. Für die Polizei war die Auswahl zugleich Teil des Konzepts. Nicht möglichst viele Menschen sollten auf die Fälle schauen, sondern eine kleine Gruppe mit unterschiedlichen Erfahrungen und Fähigkeiten.
Beim ersten True-Crime-Hackathon der Polizei Sachsen-Anhalt arbeiteten 30 ausgewählte Teilnehmer in Halle an anonymisierten echten Ermittlungsfällen. Ein Team entwickelte in einem Fall digitaler Erpressung einen neuen Ansatz, dessen Bedeutung die Polizei weiter prüfen muss.
Ein Informatiker betrachtet digitale Spuren anders als ein Psychologe. Statistische Auffälligkeiten können wiederum Fragen aufwerfen, die bei einer klassischen Betrachtung eines Falls nicht unmittelbar im Vordergrund stehen. Auch Kenntnisse aus Rechts- und Sozialwissenschaften sollten in die Arbeit der Gruppen einfließen.
Der True-Crime-Hackathon in Sachsen-Anhalt setzte damit bewusst auf fachliche Vielfalt. Die Polizei suchte keine zweite Ermittlungsbehörde außerhalb ihrer eigenen Strukturen. Sie wollte zusätzliche Perspektiven gewinnen – und anschließend selbst bewerten, ob sich daraus etwas für die weitere Fallbearbeitung ableiten lässt.
Das Grundmodell ist nicht völlig neu. Vergleichbare Formate wurden bereits von der Polizei in den Niederlanden eingesetzt. Für Sachsen-Anhalt war die Veranstaltung in Halle jedoch eine Premiere.
Am Ende des Hackathons zeichnete die Polizei eines der fünf Teams aus. Die sechsköpfige Gruppe hatte sich den Namen „The Shamrocks“ gegeben und einen Fall aus dem Bereich der digitalen Erpressung bearbeitet.
Bei ihrer Analyse konzentrierten sich die Teilnehmer insbesondere auf soziale Netzwerke. Nach Angaben der Polizei entwickelte die Gruppe dabei einen neuen Ansatz, der für die weitere Suche nach dem möglichen Täter relevant werden könnte.
Mehr ist über diesen Ansatz bislang nicht öffentlich bekannt. Weder legte die Polizei offen, um welchen konkreten Fall es sich handelt, noch welche Informationen die Gruppe bei ihrer Recherche miteinander verknüpfte. Diese Zurückhaltung ist für die Einordnung wichtig: Der Hackathon hat nach dem öffentlich bekannten Stand keinen Fall aufgeklärt und keinen Täter überführt.
Das Ergebnis ist zunächst ein möglicher Ermittlungsansatz. Ob daraus tatsächlich eine neue Spur entsteht, hängt davon ab, ob sich die Überlegungen der Teilnehmer kriminalistisch überprüfen und in die reguläre Ermittlungsarbeit überführen lassen.
Mit dem Ende der Veranstaltung begann deshalb der entscheidende Teil erst. Die Polizei will die erarbeiteten Ansätze prüfen und feststellen, ob sie für die jeweiligen Verfahren von Bedeutung sein können.
Das gilt nicht nur für die Arbeit des Gewinnerteams. Auch die Ergebnisse der übrigen Gruppen können weiter ausgewertet werden. Welche konkreten Hinweise dabei entstanden sind, teilte die Polizei nicht mit.
Gerade bei lange zurückliegenden Straftaten kann ein neuer Blick auf vorhandene Informationen interessant sein. Er ersetzt allerdings keine Ermittlungen. Hinweise müssen überprüft, Zusammenhänge belegt und mögliche Spuren nach den Regeln des Strafverfahrens bewertet werden. Der True-Crime-Hackathon liefert dafür allenfalls einen Ausgangspunkt.
Wie groß das Feld ungelöster Fälle ist, hatte der MDR im Zusammenhang mit der Veranstaltung verdeutlicht. Demnach gibt es in Sachsen-Anhalt rund 60 ungeklärte Tötungsverbrechen aus vergangenen Jahrzehnten. Die Zahl darf allerdings nicht mit den beim Hackathon untersuchten Fällen gleichgesetzt werden: Nicht alle fünf Sachverhalte waren ungeklärte Tötungsdelikte oder klassische Cold Cases.
Hinter dem Experiment steckt ein nüchterner Gedanke. Ermittlungsarbeit bedeutet, Informationen zu sammeln, zu vergleichen und immer wieder neu zu bewerten. Wer einen Sachverhalt bereits über lange Zeit kennt, verfügt über umfangreiches Wissen – bewegt sich zwangsläufig aber auch innerhalb der bisherigen Ermittlungsstruktur. Außenstehende beginnen an einem anderen Punkt.
Genau dort setzt der True-Crime-Hackathon der Polizei Sachsen-Anhalt an. Unterschiedliche berufliche Erfahrungen sollen dazu führen, dass bekannte Informationen anders gelesen werden. Bei Cybercrime können technische Kenntnisse helfen, digitale Zusammenhänge zu erkennen. Statistiker suchen nach Mustern, Psychologen möglicherweise nach anderen Auffälligkeiten. Entscheidend ist nicht eine einzelne Fachrichtung, sondern das Zusammenspiel verschiedener Perspektiven.
Die Veranstaltung in Halle war dennoch keine Einladung zur privaten Verbrecherjagd. Die Teilnehmer waren ausgewählt worden, arbeiteten vor Ort innerhalb eines festgelegten Rahmens und erhielten eigens vorbereitete Informationen. Sie sollten keine Verdächtigen öffentlich benennen und keine eigenen Ermittlungen außerhalb des Hackathons führen.
Gerade diese Abgrenzung ist wesentlich. Der Begriff „True Crime“ kann den Eindruck eines Publikumsformats vermitteln. Tatsächlich handelte es sich um ein von der Polizei organisiertes Arbeitstreffen mit begrenztem Teilnehmerkreis und realen Ermittlungsfragen.
Ob der erste True-Crime-Hackathon in Sachsen-Anhalt mehr war als ein interessantes Experiment, lässt sich unmittelbar nach der Veranstaltung noch nicht beantworten. Die ungewöhnlich hohe Zahl von mehr als 800 Bewerbungen belegt zunächst vor allem das Interesse an dem Format. Der neue Ansatz im Fall der digitalen Erpressung zeigt zugleich, dass aus der Zusammenarbeit konkrete Hinweise hervorgehen können.
Ihr tatsächlicher Wert entscheidet sich jedoch nicht am Veranstaltungstag. Die Ermittler müssen nun prüfen, ob die Ideen der externen Teilnehmer belastbar sind, ob sie sich verifizieren lassen und ob sie die betreffenden Verfahren tatsächlich voranbringen.
Damit liegt der interessanteste Teil des Projekts noch vor der Polizei. Sollte aus einer der neuen Perspektiven eine verwertbare Spur entstehen, hätte das Experiment in Halle einen praktischen Nutzen gezeigt. Bis dahin bleibt das Ergebnis präziser: 30 ausgewählte Externe haben fünf echte Fälle neu betrachtet – und der Polizei mehrere Ansätze übergeben, deren Bedeutung sich erst in der weiteren Ermittlungsarbeit erweisen muss.
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