Industrie im Harz
Bohai-Aus trifft Harzgerode: Rund 700 Industriearbeitsplätze betroffen

Industrie im Harz

Für zwei traditionsreiche Autozulieferer in Harzgerode läuft die Zeit ab: Bohai will die Produktion zum 31. Januar 2027 einstellen, auch bei Schlote soll bis Ende Januar ausproduziert werden. Rund 700 Arbeitsplätze sind nach Angaben der IG Metall allein in Harzgerode betroffen. Nach der gescheiterten Investorensuche richtet sich der Blick nun auf die Beschäftigten – und auf die Frage, was aus dem Industriestandort werden kann.
Harzgerode, 29. September 2026. Die Hoffnung auf eine Rettung hat sich zerschlagen. Beim insolventen Autozulieferer Bohai soll der Geschäftsbetrieb zum 31. Januar 2027 enden. Rund 550 Beschäftigte sind betroffen. Die Belegschaft erfuhr am Montag, 28. September, auf einer Mitarbeiterversammlung von der Entscheidung.
Damit endet eine lange Phase der Unsicherheit. Über Monate war nach einem Investor für das Bohai-Werk in Harzgerode gesucht worden. Noch Ende 2025 schien eine Fortführung möglich. Gespräche mit Interessenten liefen, bestehende Aufträge hielten die Produktion zunächst am Leben. Am Ende kam keine tragfähige Lösung zustande.
Das trifft nicht nur Bohai. Unmittelbar betroffen ist auch Schlote. Beide Autozulieferer sind in Harzgerode Teil derselben Produktionskette: Bohai gießt Aluminiumteile für die Automobilindustrie, Schlote übernimmt deren weitere Bearbeitung. Fällt die Gießerei weg, fehlt damit zugleich ein wesentlicher Teil der bisherigen Grundlage für den Schlote-Betrieb. Auch dort soll die Produktion bis Ende Januar auslaufen.
Die Dimension der Schließungen ist für Harzgerode erheblich. Nach Angaben der IG Metall sind bei Bohai und Schlote allein am Standort rund 700 Arbeitsplätze betroffen. Für Bohai wird die Zahl der Beschäftigten mit etwa 550 angegeben. Eine ebenso belastbare aktuelle Aufschlüsselung für Schlote in Harzgerode liegt nicht vor; ältere Gewerkschaftsangaben nannten dort rund 120 Beschäftigte.
Die Folgen reichen zudem über Harzgerode hinaus. Unter Einbeziehung eines betroffenen Schlote-Standortes in Wernigerode sprechen die Insolvenzverwalter von insgesamt rund 730 Arbeitsplätzen.
Der Betrieb wird nicht abrupt eingestellt. Zunächst müssen bestehende Aufträge abgearbeitet werden. Die Produktion soll deshalb schrittweise heruntergefahren werden. Auch die Kündigungen dürften während dieser Ausproduktion in mehreren Wellen erfolgen. Der 31. Januar markiert bei Bohai das geplante Ende des Geschäftsbetriebs – daraus folgt nicht, dass sämtliche Arbeitsverhältnisse genau an diesem Tag enden.
Dass die Geschichte von Bohai in Harzgerode nun auf eine Schließung hinausläuft, war lange nicht ausgemacht. Noch im Dezember 2025 berichtete Insolvenzverwalter Olaf Spiekermann von vertieften Gesprächen mit einem Interessenten. Die vorhandene Auftragslage gab dem Werk damals zunächst Zeit.
Bohai will den Geschäftsbetrieb in Harzgerode zum 31. Januar 2027 einstellen; auch bei Schlote soll die Produktion bis Ende Januar auslaufen. Nach Angaben der IG Metall sind bei beiden Unternehmen allein in Harzgerode rund 700 Arbeitsplätze betroffen.
Doch aus den Verhandlungen entstand keine dauerhafte Lösung. Auch ein Interessent, mit dem zuletzt intensiv gesprochen worden war, übernahm das Werk nicht. Wie die Tagesschau in ihrer Berichterstattung zum Insolvenzverfahren darstellt, blieb die Investorensuche letztlich erfolglos.
Das Problem lag dabei nicht allein in der Insolvenz. Nach Angaben des Insolvenzverwalters war die Produktion bei der vorhandenen Auslastung dauerhaft nicht wirtschaftlich. Das Werk arbeitete demnach defizitär. Wesentliche Auftraggeber unterstützten die Fortführung zeitweise finanziell in Millionenhöhe. Als größter Auftraggeber des Standortes wird Volkswagen genannt.
In die Suche nach einer Lösung waren neben der Insolvenzverwaltung auch das Land Sachsen-Anhalt, der Landkreis und Volkswagen eingebunden. Zudem wurde versucht, neue Geschäftsfelder außerhalb der bisherigen Kundenstruktur zu erschließen. Auch daraus entwickelte sich keine Perspektive, die den Standort dauerhaft tragen konnte.
Die Verbindung zwischen Bohai und Schlote erklärt, warum die Entwicklung beide Autozulieferer nahezu gleichzeitig erfasst. In Harzgerode greifen die Produktionsschritte ineinander. Bohai stellt Aluminium-Gussteile her, die anschließend von Schlote weiterbearbeitet werden. Die Unternehmen sind damit nicht lediglich Nachbarn auf einem Industrieareal, sondern wirtschaftlich eng miteinander verbunden.
Für die Zeit nach Januar fehlen nach dem bisherigen Stand die entsprechenden Aufträge, mit denen Schlote diese Produktion fortsetzen könnte. Das Aus der Bohai-Gießerei zieht deshalb unmittelbar Konsequenzen für den weiterverarbeitenden Betrieb nach sich.
Die Krise der beiden Unternehmen begann allerdings nicht gleichzeitig. Schlote hatte bereits im März 2025 Insolvenz angemeldet. Bei Bohai folgte das Verfahren im Frühjahr 2025. Die nun angekündigte Ausproduktion ist damit der Endpunkt einer Entwicklung, die sich über mehr als ein Jahr hingezogen hat.
Wie groß die Sorge um den Industriestandort schon vor der endgültigen Entscheidung war, zeigte sich im Mai 2026. Damals gingen mehrere hundert Menschen für den Erhalt der Arbeitsplätze und des Produktionsstandortes Harzgerode auf die Straße.
Mit der Entscheidung über das Produktionsende verschiebt sich der Schwerpunkt. Die Suche nach einem Investor tritt in den Hintergrund, die Folgen für die Beschäftigten rücken nach vorn. Die IG Metall will nun über einen Sozialplan verhandeln. Welche konkreten Regelungen dabei erreicht werden können, ist noch offen.
Auch die Arbeitsverwaltung bereitet sich auf den Stellenabbau vor. Nach den bisher bekannten Planungen soll die Agentur für Arbeit Büros in einem Nebengebäude der Werke einrichten. Beschäftigte könnten sich damit direkt am Standort beraten lassen. Neben der Vermittlung in neue Beschäftigung sollen dabei auch Möglichkeiten zur Qualifizierung eine Rolle spielen.
Gerade die Zahl der betroffenen Arbeitsplätze macht diese Aufgabe schwierig. Rund 700 Jobs bei Bohai und Schlote allein in Harzgerode lassen sich nicht auf einen einzelnen Betrieb reduzieren. Mit den Stellen verschwinden industrielle Arbeitsplätze aus einer vergleichsweise kleinen Stadt. Hinzu kommen die Bedeutung der Unternehmen für die lokale Wertschöpfung und die Steuereinnahmen.
Für die Beschäftigten beginnt unterdessen eine Übergangsphase. Solange produziert wird, laufen Teile des bisherigen Betriebs weiter. Gleichzeitig stehen bereits Gespräche über Kündigungen, Sozialplan und berufliche Perspektiven an. Produktion und Abwicklung finden damit für einige Monate parallel statt.
Während in den Werkshallen noch produziert wird, richtet sich der Blick der Stadt bereits auf die Zeit danach. Harzgerodes Bürgermeister Marcus Weise hat angekündigt, Gespräche über weitere Flächen und Hallen am Standort führen zu wollen.
Die Kommune ist über eine Tochtergesellschaft bereits als Vermieterin auf dem Gelände engagiert. Die Überlegung: Weitere Immobilien könnten übernommen und damit Voraussetzungen geschaffen werden, um später neue Unternehmen anzusiedeln. Ob und in welchem Umfang das gelingt, ist derzeit offen. Einen neuen Investor oder eine konkrete Nachnutzung für die frei werdenden Produktionsflächen gibt es bislang nicht.
Damit stellt sich für Harzgerode eine andere Frage als noch vor wenigen Monaten. Lange ging es darum, ob Bohai und Schlote in ihrer bisherigen Form erhalten werden können. Nun geht es zunehmend darum, ob sich zumindest der Industriestandort selbst sichern und für andere Unternehmen öffnen lässt.
Bis Ende Januar steht zunächst die Ausproduktion im Mittelpunkt. Bohai will seinen Geschäftsbetrieb am 31. Januar 2027 einstellen, bei Schlote soll die Produktion ebenfalls bis Ende des Monats auslaufen. Parallel müssen für Hunderte Beschäftigte Lösungen gefunden werden – vom Sozialplan über Beratung und Qualifizierung bis zur Suche nach neuen Arbeitsplätzen.
Für Harzgerode reicht die Aufgabe weiter. Mit Bohai und Schlote verliert die Stadt nicht nur zwei eng miteinander verbundene Autozulieferer, sondern einen großen Block industrieller Beschäftigung. Die Bemühungen um eine Rettung der bisherigen Produktion sind gescheitert. Was mit den Hallen, Flächen und damit einem wichtigen Teil des Industrieareals geschieht, ist dagegen noch nicht entschieden.
Genau dort liegt nun die nächste Bewährungsprobe: Nicht mehr die Fortführung des bisherigen Geschäftsmodells steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, ob auf dem Gelände wieder industrielle oder gewerbliche Beschäftigung entstehen kann. Die kommenden Monate werden zunächst vom Abbau geprägt sein. Wie dauerhaft der Einschnitt für Harzgerode wird, hängt auch davon ab, welche Nutzung danach für den Standort gefunden werden kann.
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