Wasserknappheit im Westharz
Harzer Talsperren auf historischem Tiefstand: Warum das Trinkwasser dennoch gesichert ist

Wasserknappheit im Westharz

Die Talsperren im Harz führen ungewöhnlich wenig Wasser. An der Okertalsperre wurde im Oktober 2026 der niedrigste jemals gemessene Füllstand registriert, auch andere Speicher liegen deutlich unter ihren langjährigen Vergleichswerten. Die Harzwasserwerke halten die Trinkwasserversorgung dennoch für gesichert. Ob sich die Lage entspannt, hängt nun wesentlich von den Niederschlägen der kommenden Monate ab.
Harz, 25. Oktober 2026. Die Folgen der anhaltenden Trockenheit sind an den Talsperren im Westharz kaum noch zu übersehen. Uferbereiche liegen frei, die Wasserlinien haben sich weit zurückgezogen. An der Okertalsperre sind sogar Überreste des früheren Dorfes Schulenberg wieder sichtbar geworden. Was für Besucher ein ungewöhnlicher Anblick ist, dokumentiert eine ernste wasserwirtschaftliche Entwicklung.
Nach Angaben der Harzwasserwerke waren die Trinkwassertalsperren des Unternehmens am 22. Oktober nur noch zu 45 Prozent gefüllt. Der langjährige Vergleichswert für diesen Zeitpunkt liegt bei 67 Prozent. Die Differenz beträgt 22 Prozentpunkte – ein erheblicher Rückstand vor Beginn der niederschlagsreicheren Jahreszeit.
Die niedrigen Pegel werfen Fragen nach den Wasservorräten auf. Für rund zwei Millionen Menschen in Niedersachsen und Bremen ist das Versorgungssystem der Harzwasserwerke von Bedeutung. Eine akute Trinkwasserknappheit sieht das Unternehmen allerdings nicht. Das liegt vor allem daran, dass die Versorgung nicht von einer einzelnen Talsperre abhängt.
Besonders angespannt ist die Situation an der Okertalsperre. Wie der Norddeutsche Rundfunk (NDR) am 20. Oktober berichtete, betrug ihr Füllstand nur noch 16,6 Prozent. Damit wurde der bisherige Negativrekord aus dem Dezember 2022 unterschritten. Damals waren noch 17 Prozent des Speichervolumens gefüllt.
Der Rückgang hatte sich bereits Wochen zuvor abgezeichnet. Ende September lag der Wasserstand bei knapp 19 Prozent. Rund 8,8 Millionen Kubikmeter Wasser befanden sich damals noch in der Talsperre. Bis zum 20. Oktober sank der Füllstand weiter.
Auch an der Sösetalsperre waren im Oktober deutlich niedrigere Wasserstände zu beobachten. Die Trockenheit betrifft somit mehrere Anlagen im Westharz. Allerdings unterscheiden sich deren Funktionen innerhalb des Versorgungssystems. Ein niedriger Pegel an einem Standort lässt sich deshalb nicht unmittelbar mit einer entsprechenden Verknappung des verfügbaren Trinkwassers gleichsetzen.
Die Ursachen reichen weit über den Oktober hinaus. Schon das Frühjahr 2025 war nach Angaben der Harzwasserwerke historisch trocken. Im folgenden Winter 2025/2026 fiel ebenfalls weniger Niederschlag als üblich. Zwischen Juli und September 2026 setzte sich die ungewöhnlich trockene Witterung fort.
Über mehrere Jahreszeiten hinweg gelangte damit weniger Wasser in die Einzugsgebiete der Talsperren. Die Speicher konnten sich nicht in dem Umfang erholen, der für die Jahreszeit normalerweise zu erwarten wäre.
Auch der Oktober brachte zunächst keine ausreichende Entlastung. An der Wetterstation Schulenberg wurden nach Betreiberangaben bis zum Zeitpunkt der Mitteilung vom 22. Oktober rund 52 Liter Niederschlag pro Quadratmeter registriert. Das entsprach ungefähr der Hälfte der sonst üblichen Niederschlagsmenge eines gesamten Oktobers.
Die jüngsten Regenfälle änderten an den niedrigen Füllständen deshalb nur wenig. Entscheidend ist nicht allein, ob es regnet, sondern welche Wassermengen über einen längeren Zeitraum tatsächlich in den Speichern ankommen.
Die Antwort der Harzwasserwerke fällt vorerst eindeutig aus: Die Trinkwasserversorgung ist weiterhin gesichert. Trotz der deutlich unterdurchschnittlichen Füllstände sieht der Betreiber die Versorgung der angeschlossenen Regionen gewährleistet.
Die Trinkwassertalsperren der Harzwasserwerke waren am 22. Oktober 2026 nur zu 45 Prozent gefüllt, die Okertalsperre erreichte einen historischen Tiefstand von 16,6 Prozent. Nach Angaben des Betreibers bleibt die Trinkwasserversorgung dennoch gesichert.
Hinter dieser Einschätzung steht die Struktur des Versorgungssystems. Die Harzwasserwerke nutzen mehrere Talsperren, Grundwasserwerke und miteinander verbundene Anlagen. Das Wasser kann innerhalb dieses Systems bedarfsgerecht verteilt werden.
Ein einzelner Füllstand beschreibt deshalb nur einen Ausschnitt der tatsächlichen Versorgungslage. Für die Beurteilung kommt es auf die verfügbaren Reserven im gesamten Verbund und auf die Möglichkeiten ihrer Bewirtschaftung an.
Eine wichtige Rolle spielt das Nordharz-Verbundsystem. Es verbindet verschiedene Anlagen und ermöglicht die Weiterleitung von Wasser zwischen den Speichern. Dadurch können unterschiedliche Wasserstände bei der Versorgung berücksichtigt werden.
Die Okertalsperre zeigt, weshalb diese Unterscheidung wichtig ist. Obwohl sie einen historischen Tiefstand erreicht hat, verfügt sie über kein eigenes Trinkwasserwerk. Sie ist dennoch Teil des Versorgungssystems: Wasser aus der Okertalsperre kann zur Granetalsperre weitergeleitet werden. Auch die Innerstetalsperre ist über entsprechende Verbindungen eingebunden.
Hinzu kommen die Grundwasserwerke, die das Wasser aus den Talsperren als weitere Versorgungsquelle ergänzen. Das System stützt sich damit auf mehrere Anlagen statt auf einen einzigen Speicher.
Eine unmittelbare Trinkwasserkrise lässt sich aus den aktuellen Pegelständen nicht ableiten. Ebenso wenig gibt es in den vorliegenden Angaben der Harzwasserwerke eine konkrete Ankündigung von Rationierungen oder verbindlichen Wassersparauflagen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die niedrigen Wasserstände bedeutungslos wären. Sie zeigen, wie stark die Speicher durch die Niederschlagsdefizite beansprucht wurden und weshalb die weitere Entwicklung aufmerksam verfolgt werden muss.
Auf die niedrigen Pegel reagieren die Verantwortlichen mit besonderen betrieblichen Regelungen. Für die Okertalsperre besteht ein Sonderbetriebsplan, den der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) genehmigt hat.
Dieser erlaubt es, die Wasserabgabe in die Oker bei Bedarf auf 1,0 Kubikmeter pro Sekunde zu reduzieren. Damit kann der Betreiber Wasser im Speicher zurückhalten und einer weiteren Absenkung des Pegels entgegenwirken.
Die Regelung verdeutlicht die Anforderungen an den Betrieb einer Talsperre. Wasser wird nicht ausschließlich für die Trinkwasserversorgung gespeichert. Auch die Abgabe an nachgelagerte Gewässer gehört zur Bewirtschaftung. Bei außergewöhnlich niedrigen Füllständen müssen diese Anforderungen miteinander abgestimmt werden.
Für eine länger anhaltende Trockenperiode stehen den Harzwasserwerken nach eigenen Angaben weitere betriebliche Maßnahmen zur Verfügung. Ob sie erforderlich werden, ist bislang offen.
Für eine deutliche Erholung der Wasservorräte kommt es nun vor allem auf die Niederschläge in den kommenden Monaten an. Nach Einschätzung der Harzwasserwerke wäre ausreichend Regen im Winter eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass sich die Speicher wieder stärker füllen.
Auch Schnee kann dazu beitragen. Bleibt er zunächst in höheren Lagen liegen, gelangt das Wasser erst mit der späteren Schneeschmelze in die Zuflüsse der Talsperren.
Ob die kommenden Monate genügend Niederschlag bringen, ist allerdings ungewiss. Aus den bisherigen Wasserständen lässt sich weder ableiten, wann die Speicher ihre üblichen Füllstände wieder erreichen, noch wie stark sie sich im Winter tatsächlich erholen werden.
Für die Versorgungssicherheit bleibt deshalb die weitere Entwicklung des gesamten Speichersystems maßgeblich. Einzelne Regentage reichen als Indikator nicht aus.
Wie weit sich das Wasser zurückgezogen hat, lässt sich an der Okertalsperre besonders eindrücklich beobachten. Dort wurden Überreste des ehemaligen Dorfes Schulenberg sichtbar. Die frühere Siedlung war im Zusammenhang mit dem Talsperrenbau aufgegeben worden und verschwand später unter dem Wasser.
Die freigelegten Strukturen machen den außergewöhnlich niedrigen Wasserstand auch abseits der Messstationen erkennbar. Für Besucher ist der Anblick ungewöhnlich. Die Harzwasserwerke verbinden damit jedoch eine ausdrückliche Sicherheitswarnung.
Die scheinbar trockenen Bereiche am Rand der Okertalsperre sind nicht zwangsläufig tragfähig. Unter der Oberfläche kann sich weicher Schlamm befinden, in dem Menschen tief einsinken können. Im schlimmsten Fall gelingt es ihnen nicht, sich ohne fremde Hilfe zu befreien.
Die Harzwasserwerke warnen deshalb davor, die freigelegten Flächen zu betreten. Das gilt insbesondere für Bereiche, in denen Besucher versuchen könnten, näher an die Überreste des ehemaligen Dorfes zu gelangen.
Der gesunkene Wasserspiegel macht Teile des früheren Seegrunds sichtbar. Sicher begehbar werden sie dadurch nicht.
Die Talsperren im Harz stehen nach den trockenen vergangenen Monaten unter erheblichem Druck. Der historische Tiefstand der Okertalsperre und die deutlich unterdurchschnittlichen Füllstände der Trinkwasserspeicher zeigen, wie stark die Wasserreserven zurückgegangen sind.
Für die Trinkwasserversorgung ist die Situation dennoch differenzierter zu beurteilen. Die Harzwasserwerke können auf mehrere miteinander verbundene Speicher und Grundwasserwerke zurückgreifen. Nach ihrer aktuellen Einschätzung bleibt die Versorgung damit gesichert.
Offen ist, wie schnell sich die Wasservorräte wieder erholen. Die Niederschläge des Winters 2026/2027 werden dafür eine wichtige Rolle spielen. Bis dahin bleibt der Wasserstand der Talsperren ein Gradmesser für die Folgen der anhaltenden Trockenheit im Westharz – und für die Frage, wie sich die verfügbaren Reserven in den kommenden Monaten entwickeln.
Hinweise, sachliche Korrekturen oder pressebezogene Rückfragen können über die im Impressum genannten Kontaktwege eingereicht werden. Bitte nennen Sie dabei nach Möglichkeit die betroffene Beitrags-URL.