Industriekrise im Harz
Harzgerode nach dem Bohai-Aus: Stadt plant Übernahme des Industrieparks

Industriekrise im Harz

Der Autozulieferer Bohai Automotive und weitere Betriebe in Harzgerode sollen Ende Januar 2027 schließen. Hunderte Arbeitsplätze sind betroffen, die Arbeitsagentur erwartet im Zusammenhang mit den Betriebseinstellungen rund 1.000 Arbeitslosmeldungen. Während Beschäftigte nach neuen Stellen suchen, verfolgt die Stadt einen eigenen Plan: Sie will den Industriepark übernehmen und neue Investoren gewinnen. Ob das gelingt, ist noch offen.
Harzgerode, 26. Oktober 2026. Für die Beschäftigten des Autozulieferers Bohai Automotive ist die berufliche Zukunft ungewiss. Nach monatelangen Rettungsversuchen steht der Industriestandort vor der Schließung. Auch weitere Betriebe sind betroffen. Was über Jahre ein wichtiger Arbeitgeber in der Region war, soll zum 31. Januar 2027 seinen Geschäftsbetrieb einstellen. Für die Stadt im Landkreis Harz ist das ein wirtschaftlicher Einschnitt, dessen Folgen weit über das Werksgelände hinausreichen.
Rund 750 Beschäftigte sind nach bisherigem Stand von den angekündigten Betriebseinstellungen im Industriepark betroffen. Die Bundesagentur für Arbeit rechnet im Zusammenhang mit den Schließungen sogar mit etwa 1.000 Arbeitslosmeldungen. Zugleich versucht Bürgermeister Marcus Weise (CDU), den Standort für die Zeit nach Bohai zu sichern. Wie der MDR am 25. Oktober berichtete, soll eine städtische Tochtergesellschaft den Industriepark übernehmen und für neue Unternehmen entwickeln.
Die Pläne markieren einen Richtungswechsel. Nachdem die Suche nach einem Investor für den bisherigen Geschäftsbetrieb gescheitert ist, richtet sich der Blick auf eine mögliche Neunutzung der Industrieflächen. Noch gibt es allerdings weder einen bestätigten Kaufabschluss noch verbindliche Zusagen neuer Unternehmen.
Die Krise des Automobilzulieferers hatte sich bereits im Frühjahr 2025 zugespitzt. Im April beantragten Bohai Automotive und drei Schwestergesellschaften Insolvenz. Insolvenzverwalter Olaf Spiekermann versuchte anschließend, den Geschäftsbetrieb zu stabilisieren, zusätzliche Aufträge zu gewinnen und einen Investor zu finden.
Bohai produziert Aluminium-Gussteile für die Automobilindustrie. Die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens hängt damit wesentlich von der Nachfrage der Fahrzeughersteller ab. Rückläufige Aufträge, insbesondere von Volkswagen, und eine unzureichende Auslastung belasteten die Produktion. Nach Angaben der Insolvenzverwaltung ließ sich der Betrieb unter diesen Bedingungen nicht mehr wirtschaftlich fortführen.
Dennoch wurde die Produktion zunächst aufrechterhalten. Wesentliche Auftraggeber unterstützten den Geschäftsbetrieb während des Insolvenzverfahrens mit mehreren Millionen Euro. Parallel liefen Gespräche mit potenziellen Investoren und über zusätzliche Aufträge, auch außerhalb der Automobilindustrie.
Ende August 2026 schien eine Lösung zumindest möglich. Der MDR berichtete damals über einen potenziellen Investor für Bohai. Eine verbindliche Übernahme oder langfristig gesicherte Fortführung war damit jedoch nicht verbunden.
Wenige Wochen später folgte die Entscheidung zur Betriebseinstellung. Am 28. September teilte der Insolvenzverwalter mit, dass die Rettungsbemühungen gescheitert seien. Bohai und die betroffenen Schwestergesellschaften sollen ihren Geschäftsbetrieb zum 31. Januar 2027 vollständig einstellen.
Die IG Metall Halberstadt kritisierte die Entwicklung und verwies auf die schwerwiegenden Folgen für Beschäftigte und Familien. Gemeinsam mit dem Betriebsrat und der Arbeitsagentur bemüht sich die Gewerkschaft nach eigenen Angaben um berufliche Alternativen. Die angekündigte Schließung betrifft damit nicht allein die wirtschaftliche Zukunft eines Unternehmens, sondern zahlreiche Erwerbsbiografien in der Region.
Bohai Automotive und weitere Betriebe in Harzgerode sollen Ende Januar 2027 schließen. Die Stadt plant die Übernahme des Industrieparks und sucht neue Investoren.
Bei Bohai Automotive selbst stehen rund 550 Arbeitsplätze im Mittelpunkt. Zusammen mit weiteren betroffenen Unternehmen werden für den Industriepark etwa 750 Beschäftigte genannt. Die Arbeitsagentur erwartet im Zusammenhang mit den Betriebseinstellungen insgesamt rund 1.000 Arbeitslosmeldungen.
Die Zahlen beschreiben unterschiedliche Sachverhalte. Die rund 750 Beschäftigten stehen für die Größenordnung der unmittelbar betroffenen Belegschaften. Bei den erwarteten 1.000 Arbeitslosmeldungen handelt es sich dagegen um eine Prognose der Arbeitsverwaltung. Daraus lässt sich weder die endgültige Zahl der Arbeitslosen noch die Zahl dauerhaft wegfallender Arbeitsplätze in Harzgerode exakt ableiten.
Besonders deutlich wird die Dimension im Verhältnis zur Einwohnerzahl. In Harzgerode leben rund 7.500 Menschen. Die etwa 750 betroffenen Beschäftigten entsprechen rechnerisch einem Zehntel dieser Zahl. Bürgermeister Marcus Weise verwies laut MDR auf diese Größenordnung, um die Bedeutung des Arbeitsplatzverlustes für die Stadt zu verdeutlichen.
Eine tatsächliche Betroffenheit jedes zehnten Einwohners ist damit allerdings nicht nachgewiesen. Nicht alle Beschäftigten wohnen in Harzgerode; ein Teil pendelt aus anderen Orten und Landkreisen zum Industriestandort. Wie viele Einwohner der Stadt selbst ihren Arbeitsplatz verlieren könnten, ist bislang nicht gesondert belegt.
Unstrittig bleibt die wirtschaftliche Tragweite. Mit der angekündigten Schließung droht der Region ein erheblicher Verlust industrieller Beschäftigung. Wie viele Arbeitnehmer unmittelbar in andere Betriebe wechseln können, wird sich erst im Verlauf der Vermittlungsbemühungen zeigen.
Für Bürgermeister Marcus Weise steht inzwischen nicht mehr die Rettung des bisherigen Bohai-Betriebs im Vordergrund. Die Stadt arbeitet an einer Perspektive für das gesamte Industrieareal. Nach MDR-Informationen ist vorgesehen, dass eine kommunale Tochtergesellschaft den Industriepark übernimmt und anschließend für neue Unternehmen entwickelt.
Damit würde die Stadt selbst Einfluss auf die weitere Nutzung des Standorts nehmen. Ziel ist es, die vorhandenen Industrieflächen für neue wirtschaftliche Aktivitäten zugänglich zu machen und langfristig wieder Arbeitsplätze anzusiedeln.
Der Ansatz unterscheidet sich grundlegend von den früheren Gesprächen des Insolvenzverwalters. Damals ging es darum, die bestehende Produktion durch zusätzliche Aufträge oder einen neuen Eigentümer fortzuführen. Nun steht eine mögliche Neuausrichtung des Industrieparks im Mittelpunkt.
Ob die Stadt das Gelände tatsächlich übernehmen kann, ist derzeit offen. Ein abgeschlossener Kauf wurde bislang ebenso wenig bestätigt wie ein verbindlicher Kaufpreis oder eine gesicherte Finanzierung. Auch konkrete Investoren, die sich bereits zur Ansiedlung verpflichtet hätten, sind nicht bekannt.
Für Harzgerode ist das ein entscheidender Unterschied. Die geplante Übernahme könnte die Grundlage für eine neue industrielle Nutzung schaffen. Sie bedeutet aber noch nicht, dass die bisherigen Arbeitsplätze ersetzt werden oder bereits neue Betriebe feststehen.
Die nächsten Schritte hängen deshalb von der Umsetzung der kommunalen Pläne und vom Interesse potenzieller Unternehmen ab. Bislang handelt es sich um eine angestrebte Entwicklung des Standorts, nicht um eine abgeschlossene wirtschaftliche Neuordnung.
Während die Zukunft des Industrieparks offen ist, laufen die Bemühungen um neue Beschäftigung bereits. Die Arbeitsagentur richtete Anfang Oktober einen Beratungsstützpunkt in Harzgerode ein. Dort können sich Arbeitnehmer über berufliche Möglichkeiten und die weiteren Schritte nach der angekündigten Betriebseinstellung informieren.
Nach einem Bericht von radio SAW wurden Anfang Oktober in der weiteren Region 1.389 fachlich passende offene Stellen identifiziert. Die Zahl verweist auf bestehenden Personalbedarf, ist jedoch nicht mit ebenso vielen unmittelbar geeigneten Arbeitsplätzen für die betroffenen Beschäftigten gleichzusetzen.
Welche Angebote infrage kommen, hängt unter anderem von der jeweiligen Qualifikation und dem Arbeitsort ab. Für Arbeitnehmer, die bislang in der industriellen Produktion tätig waren, können Stellen bei anderen Fertigungsunternehmen eine Möglichkeit bieten, ihre berufliche Erfahrung weiter einzusetzen.
Am 21. Oktober kamen bei einer Arbeitsmarkt-Drehscheibe in Harzgerode Unternehmen und Beschäftigte unmittelbar miteinander ins Gespräch. Nach Angaben des MDR nahmen 21 Unternehmen und rund 350 Arbeitnehmer an der Veranstaltung teil.
Insgesamt wurden etwa 800 qualifizierte Gespräche geführt. Daraus könnten rund 140 neue Arbeitsverträge entstehen. Die Zahl beschreibt mögliche Vermittlungsergebnisse, keine bereits abschließend bestätigten Einstellungen.
Ein Beispiel für konkreten Personalbedarf ist Nanostone Water aus Halberstadt. Das Unternehmen sucht nach eigenen Angaben 40 Produktionsmitarbeiter. Solche Angebote eröffnen einzelnen Beschäftigten Perspektiven außerhalb des bisherigen Werks. Den gesamten angekündigten Arbeitsplatzverlust können sie für sich genommen jedoch nicht auffangen.
Die Vermittlungsbemühungen zeigen zugleich, dass die wirtschaftliche Zukunft der Beschäftigten nicht ausschließlich von einer Neuansiedlung in Harzgerode abhängt. Für manche könnte der nächste Arbeitsplatz bei einem Unternehmen in der weiteren Region liegen. Wie viele Wechsel tatsächlich zustande kommen, bleibt abzuwarten.
Bis Ende Januar 2027 soll der bisherige Geschäftsbetrieb von Bohai und den betroffenen Schwestergesellschaften eingestellt werden. Für die Beschäftigten drängt deshalb die Zeit, berufliche Alternativen zu finden. Die Arbeitsagentur hat erste Kontakte zwischen Arbeitnehmern und potenziellen Arbeitgebern hergestellt. Wie viele daraus in neue Beschäftigungsverhältnisse wechseln, ist noch nicht abschließend bekannt.
Die Stadt steht vor einer anderen, längerfristigen Aufgabe. Mit der möglichen Übernahme des Industrieparks will sie verhindern, dass die bisherigen Produktionsflächen ohne wirtschaftliche Perspektive bleiben. Doch zwischen einem kommunalen Vorhaben und einer erfolgreichen Ansiedlung neuer Unternehmen liegen noch wesentliche Entscheidungen.
Harzgerodes wirtschaftliche Zukunft wird sich deshalb nicht allein daran messen lassen, wie viele der betroffenen Beschäftigten kurzfristig eine neue Stelle finden. Ebenso wichtig ist, ob der Industriestandort nach dem angekündigten Ende von Bohai wieder dauerhaft genutzt werden kann. Die Suche nach Investoren hat begonnen – ein gesicherter Nachfolger für die bisherigen Betriebe steht noch nicht fest.
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