Oberharz

Ein Fund, der Geschichte neu verortet Ältestes Rentiergeweih im Harz entdeckt: Archäologischer Fund bei Elbingerode neu bewertet

Elbingerode, 19. Dezember 2025. – Es ist ein stiller Moment der Erkenntnis, kein spektakulärer Spatenstich, kein frisch freigelegter Boden. Und doch verändert ein unscheinbares Objekt den Blick auf die Vergangenheit des Harzes grundlegend.

Ein Rentiergeweih, vor fast 90 Jahren geborgen und lange kaum beachtet, erweist sich nun als das älteste bekannte seiner Art in der Region – und als Schlüssel zu einer bislang kaum erzählten Geschichte menschlichen Lebens am Ende der Eiszeit.

Archäologen haben im Harz das bislang älteste bekannte Rentiergeweih der Region eindeutig identifiziert. Der Fund stammt aus der ehemaligen Höhle Zwergenloch bei Elbingerode und ist rund 12 000 Jahre alt. Die Abwurfstange eines männlichen Rentiers wurde bereits 1936 entdeckt, doch erst eine aktuelle wissenschaftliche Neubewertung hat ihre volle archäologische Bedeutung offengelegt. Damit rückt der Harz erstmals klar und belegbar in den Fokus der spätpaläolithischen Forschung.

Das Rentiergeweih aus Elbingerode ist kein spektakulärer Neufund im klassischen Sinne. Es lag jahrzehntelang in einer historischen Fundkiste, archiviert, katalogisiert, aber ohne moderne Analyse. Gerade dieser Umstand macht den Befund so bemerkenswert: Die Geschichte der frühen Besiedlung des Harzes musste nicht neu ausgegraben werden – sie wartete bereits darauf, neu gelesen zu werden.

Ein historischer Fund im Licht moderner Forschung

Die erneute Untersuchung erfolgte durch Fachleute des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Prähistoriker Marcel Weiß ordnet das Objekt klar ein: Es handelt sich um eine natürliche Abwurfstange eines Rentierbullen, die im Zuge der jährlichen Geweihabnahme im Spätwinter oder Frühjahr abgeworfen wurde. Solche Geweihe waren für eiszeitliche Jäger von besonderem Interesse, da sie als Rohmaterial für Werkzeuge und Geräte dienten.

Das Rentiergeweih selbst wurde 1936 von dem Archäologen Paul Grimm geborgen, der im Zwergenloch gezielt nach Spuren altsteinzeitlicher Besiedlung suchte. Damals fehlten jedoch die methodischen Möglichkeiten, um den Fund präzise einzuordnen. Erst die heutige Neubewertung, verbunden mit einer systematischen Durchsicht der damaligen Grabungsfunde, erlaubte eine gesicherte zeitliche Zuordnung.

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Besonders aufschlussreich: In derselben Fundkiste entdeckten die Wissenschaftler zwei kleine Fragmente von Rentier-Langknochen. Mit einer Länge von nur drei bis sechs Zentimetern wären sie leicht zu übersehen gewesen. Doch feine Bearbeitungsspuren zeigen eindeutig, dass diese Knochen gezielt aufgeschlagen wurden.

Knochenmark als Überlebensressource

Die Schlagspuren an den Knochenfragmenten gelten als klarer Beleg menschlicher Aktivität. Sie weisen darauf hin, dass eiszeitliche Jäger das energiereiche Knochenmark nutzten – eine lebenswichtige Fettquelle in einer Zeit, in der Nahrung knapp und Energie kostbar war. Das Zusammenspiel aus Rentiergeweih und bearbeiteten Knochenfragmenten ergibt ein konsistentes Bild: Menschen hielten sich zur Zeit der späten Eiszeit im Harz auf und nutzten die natürlichen Ressourcen gezielt.

Die Datierungen der Knochen stimmen mit dem Alter des Rentiergeweihs überein. Damit verdichten sich die Hinweise auf eine Nutzung der Region vor etwa 12 000 Jahren – einer Phase tiefgreifender klimatischer und ökologischer Umbrüche am Ende der letzten Kaltzeit.

Der Harz am Rand der Eiszeitwelt

Bislang galt der Harz in der Altsteinzeitforschung als Randgebiet. Während Norddeutschland, Dänemark oder die norddeutsche Tiefebene gut dokumentierte Spuren eiszeitlicher Jäger liefern, fehlten im Harz lange Zeit eindeutige Nachweise. Der Fund des Rentiergeweihs von Elbingerode ändert diese Perspektive grundlegend.

Rentiere waren typische Tiere der späten Eiszeit. Sie lebten in offenen, tundrenähnlichen Landschaften und folgten saisonalen Wanderungen. Im Frühjahr nutzten sie höher gelegene Regionen mit frischer Vegetation, bevor sie im Herbst wieder in tiefere Lagen zogen. Menschen folgten diesen Herden – als hochspezialisierte Jäger, die sich präzise an die Bewegungsmuster ihrer Beute anpassten.

Das Rentiergeweih aus dem Harz fügt sich in dieses bekannte Bild ein und erweitert es zugleich. Es zeigt, dass auch das Mittelgebirge Teil dieser saisonalen Lebensräume war. Der Harz war kein unbesiedeltes Randgebiet, sondern zeitweise integraler Bestandteil der eiszeitlichen Kulturlandschaft.

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Einordnung in die Ahrensburger Kultur

Die zeitliche Einordnung des Rentiergeweihs fällt in den Zeitraum der sogenannten Ahrensburger Kultur, die etwa zwischen 12 800 und 11 600 Jahren vor heute existierte. Diese Kultur ist bekannt für ihre hochspezialisierte Rentierjagd und ihre mobilen Lebensweisen. Typisch sind fein gearbeitete Steingeräte und eine flexible Nutzung verschiedener Landschaftsräume.

Ob das Rentiergeweih aus Elbingerode direkt dieser Kultur zuzuordnen ist, bleibt vorsichtig formuliert. Doch die Parallelen sind offensichtlich: saisonale Rentierjagd, Nutzung von Geweih und Knochen, kurzfristige Aufenthalte entlang von Wanderwegen der Tiere. Der Fund fügt sich nahtlos in das bekannte Bild spätpaläolithischer Strategien ein.

Seltene Belege menschlicher Präsenz

Die Bedeutung des Rentiergeweihs ergibt sich auch aus seiner Einzigartigkeit. Im Harz existieren nur wenige gesicherte altsteinzeitliche Funde. Dazu zählen unter anderem eine rund 34 000 Jahre alte Knochenspitze aus der Hermannshöhle bei Rübeland sowie Artefakte aus der Einhornhöhle im benachbarten Niedersachsen.

Im Vergleich dazu markiert das Rentiergeweih von Elbingerode den bislang jüngsten, aber zugleich eindeutig belegten Nachweis menschlicher Aktivität im Harz während der späten Eiszeit. Landesarchäologe Harald Meller spricht deshalb von einem „nahezu weißen Fleck“, der nun erstmals Konturen erhält.

Archive als Schatzkammern der Forschung

Der Fund zeigt exemplarisch, welche Bedeutung historische Grabungen und Archivbestände für die moderne Archäologie besitzen. Viele Objekte wurden vor Jahrzehnten geborgen, dokumentiert und eingelagert, ohne dass ihr wissenschaftliches Potenzial vollständig ausgeschöpft werden konnte. Neue Fragestellungen, verbesserte Datierungsmethoden und ein veränderter Forschungsfokus eröffnen heute neue Perspektiven.

Im Fall des Rentiergeweihs aus Elbingerode war es die systematische Neubewertung alter Fundkisten, die den Durchbruch brachte. Solche Arbeiten sind zeitaufwendig und erfordern interdisziplinäre Expertise, doch sie können grundlegende Erkenntnisse liefern – ohne einen einzigen Quadratmeter Boden neu zu öffnen.

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Für das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie ist der Fund Anlass, weitere historische Bestände zu überprüfen. Ziel ist es, mögliche weitere Zeugnisse der Altsteinzeit im Harz zu identifizieren und neu einzuordnen.

Eine Landschaft erhält Tiefe

Das älteste Rentiergeweih im Harz ist mehr als ein archäologisches Einzelstück. Es verleiht einer ganzen Region historische Tiefe. Wo heute Wälder, Wanderwege und Ortschaften das Bild prägen, bewegten sich einst Rentierherden und Menschen, die ihnen folgten. Ihre Spuren sind selten, fragmentarisch – und doch aussagekräftig.

Der Fund aus Elbingerode zeigt, wie eng Naturgeschichte und Menschheitsgeschichte miteinander verflochten sind. Er erzählt von Anpassung, Mobilität und Überlebensstrategien in einer Welt extremer klimatischer Bedingungen. Und er erinnert daran, dass auch scheinbar gut erforschte Landschaften noch immer Geschichten bergen, die erst darauf warten, erzählt zu werden.

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Über den Autor

Berichte und Artikel

Ich bin im Herzen des Harzes aufgewachsen; Diese mystische und sagenumwobene Region inspirierte mich schon früh. Heute schreibe ich aus Leidenschaft, wobei ich die Geschichten und Legenden meiner Heimat in meinen Werken aufleben lasse. Der Harz ist nicht nur meine Heimat, sondern auch meine Muse.