
Bad Grund, 31. Mai 2025, 14:20 Uhr
Mit der Anerkennung der Heilstollentherapie im Eisensteinstollen Bad Grund als Kassenleistung hat sich im Gesundheitswesen Norddeutschlands ein bedeutender Wandel vollzogen. Patienten mit chronischen Atemwegserkrankungen erhalten damit Zugang zu einer seit Jahrzehnten genutzten Therapieform, deren klimatische Besonderheiten und Erfahrungswerte sie zu einem einzigartigen Baustein der kurativen Versorgung machen. Die Entscheidung der gesetzlichen Krankenkassen markiert zugleich einen Meilenstein für die medizinische Landschaft im Harz.
Was ist Heilstollentherapie?
Die Heilstollentherapie – auch Speläotherapie genannt – ist eine anerkannte medizinische Behandlungsmethode, die auf dem Aufenthalt in stillgelegten Bergwerksstollen oder Höhlen mit speziellen mikroklimatischen Bedingungen basiert. Ziel ist die Linderung von Symptomen bei chronischen Erkrankungen der Atemwege, insbesondere:
- Asthma bronchiale
- Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD)
- Chronische Bronchitis
- Allergische Atemwegserkrankungen
- Langzeitfolgen von COVID-19
Die Wirkung beruht auf mehreren Faktoren: gleichbleibend niedrige Temperaturen, hohe Luftfeuchtigkeit, reine, allergen- und staubfreie Luft sowie völlige Ruhe und Dunkelheit. Diese Kombination schafft Bedingungen, die die Atemwege entlasten, Entzündungsprozesse hemmen und das Immunsystem regulieren können.
Der Eisensteinstollen in Bad Grund: Eine klimatische Besonderheit
Der Eisensteinstollen liegt im Kurort Bad Grund im Harz und gilt als der einzige Heilstollen Norddeutschlands. Seit 1989 wird er therapeutisch genutzt. Die dort herrschenden Bedingungen sind konstant und einmalig:
| Klimaparameter | Wert |
|---|---|
| Temperatur | ca. 7 °C |
| Relative Luftfeuchtigkeit | nahezu 100 % |
| Feinstaubgehalt | ca. 0,81 µg/m³ |
| Allergene | nicht messbar |
Diese Bedingungen bieten eine außergewöhnlich reine Atemluft, was insbesondere für Menschen mit Allergien oder chronischen Atemwegserkrankungen eine enorme Entlastung bedeutet. Auch psychologische Effekte wie Entspannung und Entschleunigung tragen zur Wirkung bei.
Therapieverlauf und Struktur
Ein Standard-Therapieaufenthalt im Eisensteinstollen dauert in der Regel drei Wochen. Während dieser Zeit nehmen Patientinnen und Patienten täglich an zweistündigen Sitzungen teil. Dabei befinden sie sich in speziellen Liegen in 80 Metern Tiefe, bei völliger Ruhe und minimalem Lichteinfluss. Begleitet wird die Therapie durch medizinisches Fachpersonal, das eine individuelle Anpassung je nach Krankheitsbild vornimmt.
Langjährige Erfahrung und Anwendung
Seit über 35 Jahren findet die Heilstollentherapie im Eisensteinstollen Anwendung. In dieser Zeit wurden über 3.000 Menschen behandelt, wobei insbesondere bei Kindern mit Asthma bronchiale und Erwachsenen mit chronischer Bronchitis positive Langzeiteffekte beobachtet wurden. Viele Patientinnen und Patienten berichten von einer deutlichen Linderung der Symptome, einer Reduktion des Medikamentenbedarfs sowie einer Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität.
„Nach drei Wochen im Stollen konnte ich endlich wieder durchatmen – ohne Spray, ohne Husten.“ – Erfahrungsbericht einer Patientin mit COPD
Anerkennung durch die gesetzlichen Krankenkassen
Mit der jüngst erfolgten Anerkennung als Kassenleistung können gesetzlich Versicherte die Heilstollentherapie künftig auf ärztliche Verordnung hin in Anspruch nehmen. Die Abrechnung erfolgt direkt mit der Krankenkasse, was die Therapie finanziell zugänglich macht. Voraussetzung ist eine Diagnose einer chronischen Atemwegserkrankung sowie eine Verordnung durch einen Facharzt.
Diese Anerkennung ist das Ergebnis jahrelanger Bemühungen der Betreiber des Gesundheitszentrums Bad Grund. Auch Gutachten und Stellungnahmen von Pneumologen sowie positive Patientenerfahrungen trugen zur Entscheidung der Krankenkassen bei.
Stand der wissenschaftlichen Forschung
Die Evidenzlage zur Wirksamkeit der Heilstollentherapie ist gemischt. Es liegen mehrere kleinere Studien und Erfahrungsberichte vor, die positive Effekte belegen – insbesondere bei Kindern. Eine umfassende multizentrische Studie unter Leitung der Universität Gießen läuft derzeit und soll wissenschaftlich belastbare Daten zur Wirksamkeit der Therapie liefern. Die Studie umfasst Patienten mit chronischen Atemwegserkrankungen und untersucht objektive Parameter wie Lungenfunktion, Entzündungsmarker und Lebensqualität vor und nach der Behandlung.
Kritische Stimmen
Einige Fachleute mahnen zur Vorsicht: Die bisherigen Studien weisen teils methodische Schwächen auf, insbesondere fehlt es an Placebo-kontrollierten Doppelblindstudien. Kritiker fordern daher mehr qualitativ hochwertige Forschung, bevor eine breite Anwendung als Standardtherapie erfolgen könne. Dennoch erkennen viele Experten das Potenzial der Speläotherapie als komplementäres Behandlungsverfahren an.
Einbindung in das Gesundheitsangebot des Harzes
Die Therapie im Eisensteinstollen ist nicht isoliert, sondern eingebettet in das ganzheitliche Gesundheitsangebot des Kurortes Bad Grund. Neben der Stollentherapie bietet der Ort:
- Heilklimatische Wanderwege mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden
- Psychosomatische Angebote im Diakonie-Krankenhaus Elbingerode
- Wellness- und Bewegungsangebote für Prävention und Nachsorge
- Individuelle Kurpakete für Patienten und Angehörige
Diese Kombination macht den Harz zunehmend zu einem gefragten Ziel für gesundheitlich motivierten Tourismus.
Einordnung im nationalen und internationalen Vergleich
Während in Süddeutschland – etwa in Berchtesgaden oder Oberammergau – bereits mehrere Heilstollen existieren, ist der Eisensteinstollen der erste seiner Art in Norddeutschland. Auch international findet die Speläotherapie Anwendung, etwa in Polen, der Ukraine, Rumänien und Russland. In einigen dieser Länder ist sie seit Jahrzehnten Bestandteil des öffentlichen Gesundheitssystems.
Deutschland folgt nun mit dem Schritt der Kassenanerkennung für Bad Grund einem Trend, der zeigt, dass sich naturheilkundliche Verfahren und klassische Schulmedizin nicht ausschließen, sondern sinnvoll ergänzen können – insbesondere in der Therapie chronischer Erkrankungen, bei denen konventionelle Behandlungen allein oft nicht ausreichen.
Ausblick
Die Entscheidung der Krankenkassen eröffnet nicht nur neue Perspektiven für Patientinnen und Patienten, sondern auch für den Gesundheitsstandort Harz insgesamt. Mit der wissenschaftlichen Begleitung durch die Universität Gießen wird zudem der Grundstein gelegt für eine evidenzbasierte Integration der Heilstollentherapie in den Regelkatalog moderner Behandlungsmethoden.
Ob sich der Eisensteinstollen in Bad Grund künftig als Referenzzentrum für Speläotherapie etablieren kann, hängt nicht zuletzt vom Ausgang der laufenden Studien und der langfristigen Nachfrage ab. Eines aber ist sicher: Mit der Anerkennung als Kassenleistung wurde ein bedeutender Schritt hin zu einer ganzheitlicheren, patientenorientierten Medizin gemacht.
Fazit
Die Heilstollentherapie im Eisensteinstollen von Bad Grund ist eine medizinisch wie auch gesellschaftlich bemerkenswerte Erfolgsgeschichte. Ihre Anerkennung als Kassenleistung bringt chronisch erkrankten Menschen eine zusätzliche, nebenwirkungsarme und wissenschaftlich begleitete Therapieoption. Während weitere Studien für die breite akademische Akzeptanz nötig bleiben, zeigen Erfahrungen und erste Daten bereits jetzt: Der Harz hat eine Therapie mit Zukunft.







