
Schierke, 27. November 2025 – Nebel treibt über die felsige Kuppe, der Wind pfeift über den kahlen Gipfel. Das Brockenplateau wirkt an diesem Morgen stiller als sonst, fast erwartungsvoll. Hier, wo täglich unzählige Besucher vorbeiziehen, steht ein traditionsreicher Betrieb vor einem Wendepunkt.
Mit dem Rückzug des bisherigen Pächters beginnt für das traditionsreiche Brockenhotel eine neue Phase. Der Landkreis Harz sucht einen Betreiber, der bereit ist, das Haus unter extremen Bedingungen neu zu beleben und gleichzeitig die touristische Zukunft des bedeutendsten Ausflugsziels der Region mitzugestalten. Die Entscheidung rückt näher.
Warum ein neuer Betreiber nötig wird
Der Schritt von Daniel Steinhoff, der über Jahrzehnte das gastronomische Gesicht des Brockens prägte, markiert einen tiefen Einschnitt. Die Kombination aus Fachkräftemangel, Arbeitsdruck und den speziellen Herausforderungen eines Betriebs auf 1.141 Metern Höhe führte zu seinem Entschluss, Hotel und Gastronomie zum Jahresende abzugeben. Die Mitarbeiterzahl schrumpfte über die Jahre von 28 auf zuletzt nur noch elf Beschäftigte, sodass Steinhoff und sein Sohn vielfach bis zu 14 Stunden täglich arbeiteten. Beide machten deutlich, dass diese Belastung langfristig nicht mehr zu stemmen sei. Künftig konzentriert sich die Familie ausschließlich auf den Bahnhof der Schmalspurbahn.
Mit dem Ende dieser Ära stellt sich die Frage, wer in die Verantwortung für eines der markantesten Häuser im Harz tritt. Der Landkreis, seit Sommer 2025 Eigentümer der Brockenkuppe, hat die Weichen gestellt.
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Der Auftrag des Landkreises Harz
Der Rückkauf des historischen Plateaus für 3,5 Millionen Euro verfolgt ein klares Ziel: eine nachhaltige touristische Entwicklung des Brockenareals. Der Landkreis hat deshalb ein europaweites Vergabeverfahren initiiert und die GLC Glücksburg Consulting AG mit der Suche nach einem neuen, professionellen Pächter beauftragt. Die Anforderungen sind hoch — und bewusst so formuliert.
Von Bewerbern erwartet der Kreis wirtschaftliche Stabilität, einschlägige Branchenerfahrung und die Fähigkeit, ein komplexes Logistik- und Personalgefüge zu managen. Die Bedingungen auf dem Brocken unterscheiden sich grundlegend von üblichen Hotelstandorten: extreme Witterung, saisonale Spitzen, schwer zugängliche Infrastruktur und ein Gästeprofil, das von Tageswanderern bis zu internationalen Touristen reicht.
Ein Gesamtpaket mit besonderem Profil
- Hotel mit rund 20 Zimmern und zentraler Besucherfunktion
- Veranstaltungsraum und Trauzimmer mit Panoramablick im Brockenturm
- Weitere Gebäude wie TGA-Haus und historisches Wetterhäuschen
- Gesamte Brockenkuppe mit rund 13.000 Quadratmetern Grundstücksfläche
Die Zukunftspläne für das Brockenplateau
Der Landkreis verfolgt mit dem Neustart eine strategische Modernisierung des Gipfels. Im Fokus steht ein touristischer Umbau, der sowohl funktional als auch atmosphärisch wirken soll. Geplant sind unter anderem ein neuer Spielbereich zwischen Brockenturm und TGA-Gebäude sowie eine kleine Bühne für Konzerte und Veranstaltungen. Zentrale Idee ist, den Brocken als Erlebnisort aufzuwerten, ohne seine besondere Landschaft zu überfrachten.
Eines der wichtigsten Projekte ist ein neues Empfangsgebäude, das barrierefrei gestaltet wird und direkten Zugang zu bestehenden Bereichen wie dem Touristensaal und dem Goethesaal bieten soll. Diese Maßnahmen sollen zeitgleich mit der Sanierung der Harzer Schmalspurbahn erfolgen, um den Betrieb möglichst wenig zu beeinträchtigen.
Warum die Modernisierung als Chance gilt
- Mehr als eine Million Besucher pro Jahr
- Hohe touristische Strahlkraft des Brockens als Natur- und Kulturstandort
- Potenzial für ein zeitgemäßes Hotel- und Gastronomiekonzept
Ein Vergabeverfahren unter Zeitdruck
Das europaweite Ausschreibungsverfahren startete Ende August 2025. Bis zum 26. September konnten potenzielle Betreiber ihre Teilnahme erklären und Nachweise zu Bonität und Qualifikation einreichen. In der nächsten Phase müssen Bewerber nun detaillierte Konzepte vorlegen — inklusive Pachtkalkulation, Betriebsstruktur und Personalplanung. Der Landkreis plant, den neuen Pachtvertrag am 3. Dezember 2025 im Kreistag zu beschließen.
Kommt es zum erwarteten Zuschlag, könnte der Übergang erstaunlich schnell erfolgen. Ziel ist, das Brockenhotel frühzeitig aus dem Winterschlaf zu holen und spätestens im Frühjahr 2026 wieder regulär zu öffnen.
Was gegen Verzögerungen spricht
- Strukturiertes, mehrstufiges Vergabeverfahren
- Großes öffentliches Interesse und politischer Druck
- Klare Kriterienkataloge, die eine zügige Bewertung ermöglichen
Die Herausforderungen für den neuen Betreiber
Wer das Brockenhotel übernimmt, wird vor außergewöhnliche Aufgaben gestellt. Die besondere Lage zwingt zu präziser Logistik, verlässlichen Lieferketten und einem motivierten Team. Auch die geplanten Modernisierungen verlangen Weitblick und Bereitschaft, den Betrieb parallel zu Baumaßnahmen zu führen. Das wirtschaftliche Risiko ist vorhanden — doch ebenso die Chance, einen der bekanntesten Orte Deutschlands touristisch neu zu definieren.
Das Erbe einer Betreiberfamilie
Seit 1990 stand die Familie Steinhoff im Zentrum des gastronomischen Angebots auf dem Brocken. Vom kleinen Verkaufsstand entwickelte sich über die Jahre ein umfassender Hotel- und Restaurantbetrieb, den viele Besucher mit der Gipfelerfahrung fest verbinden. Mit dem Rückzug endet ein Stück Brocken-Geschichte, das von persönlichem Engagement geprägt war.
Ein Kapitel öffnet sich neu
Mit der Neuvergabe steht der Brocken vor einem Neubeginn. Wer künftig das Brockenhotel führt, übernimmt nicht nur ein Gebäude, sondern eine Verantwortung für einen Ort mit Symbolkraft. Gelingen kann der Neustart dann, wenn Tradition und Innovation zusammenfinden — und ein Konzept entsteht, das sowohl den rauen Bedingungen als auch der Faszination des Brockens gerecht wird.







