Sachsen-Anhalt

Leid der Opfer Prozess gegen Magdeburg-Attentäter: Zeugin bricht vor Gericht in Tränen aus

Sachsen-Anhalt, 27. November 2025 – Im großen Saal des Landgerichts herrscht für einen Augenblick absolute Stille. Eine Zeugin ringt mit den Worten, während ihre Stimme bricht. Der Moment wirkt roh, unmittelbar – und zeigt mit voller Wucht, wie tief der Anschlag die Menschen bis heute zeichnet.

Was bisher geschah

Am 20. Dezember 2024 raste der heute 51-jährige Taleb al-Abdulmohsen mit einem gemieteten SUV über den gut besuchten Magdeburger Weihnachtsmarkt. Das Fahrzeug erreichte hohe Geschwindigkeit, Menschen hatten kaum Zeit zu reagieren. Sechs Personen verloren ihr Leben, darunter ein neunjähriges Kind. Mehr als 300 Besucherinnen und Besucher erlitten körperliche oder seelische Verletzungen. Der Täter wurde noch am Tatort überwältigt und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Fast elf Monate später begann am 10. November 2025 der Prozess gegen al-Abdulmohsen. Die Anklage wirft ihm sechsfachen Mord sowie versuchten Mord in hunderten weiteren Fällen vor. Rund 180 Nebenklägerinnen und Nebenkläger nehmen an dem Verfahren teil – ein juristisches Großverfahren, dessen Dimension und Tragweite selten sind.

Der Harzer roller berichtete bereits hier über die Verhandlung:

Der Moment, der den Saal veränderte

In einer der aktuellen Sitzungen geriet eine 41-jährige Zeugin in den Mittelpunkt. Sie schilderte, wie sie den Wagen auf sich zurasen sah und Menschen um sie herum in Panik gerieten. Während sie die Szenen beschrieb, übermannte sie die Erinnerung – Tränen liefen, die Stimme versagte. Der Vorsitzende Richter unterbrach die Verhandlung, um ihr Zeit zu geben. Im Saal war das Zittern ihrer Worte noch lange nach der Pause spürbar.

Später erklärte sie, dass sie seit Tagen kaum Schlaf gefunden habe, seit sie dem Angeklagten im Gerichtssaal erneut begegnet sei. Seine Anwesenheit habe ihren inneren Schutzraum zerbrochen. Sie sprach von dem Gefühl, „dem Zufall das eigene Leben zu verdanken“, denn der Wagen habe ihre Frau nur um Sekundenbruchteile verfehlt.

Ein Täter mit belastender Vergangenheit

Der Angeklagte war früher als Psychiater tätig, unter anderem im Maßregelvollzug. Aussagen ehemaliger Kolleginnen und Kollegen zeichnen ein Bild eines Mannes, der fachlich umstritten war. Einige Patienten hätten sich geweigert, von ihm behandelt zu werden, andere berichteten von irritierenden Situationen. Die Ermittlungen deuten darauf hin, dass seine Tat weniger politisch motiviert war, sondern vielmehr auf persönlicher Frustration beruhte.

Während der laufenden Verhandlung sorgte al-Abdulmohsen mehrfach für Tumulte. Er unterbrach das Gericht, attackierte frühere Verteidiger verbal und steigerte sich in Tiraden hinein, sodass ihm das Mikrofon abgestellt werden musste. Schließlich führten Sicherheitskräfte ihn aus dem Saal. Der Tag endete abrupt – ein weiterer Beleg dafür, wie angespannt dieser Prozess verläuft.

Eine Prozessstruktur mit besonderen Anforderungen

Wegen der großen Zahl an beteiligten Personen wurde der Prozess in eine speziell angemietete Halle verlegt. Dort finden rund 450 Nebenklägerinnen und Nebenkläger sowie Hunderte Beobachter Platz. Bis März 2026 sind etwa 50 weitere Verhandlungstage angesetzt. Ein psychiatrisches Gutachten soll klären, ob der Angeklagte schuldfähig ist. Nach Einschätzung der Ermittler gilt er bislang als voll schuldfähig, kooperiert jedoch nicht mit den Gutachtern.

Warum diese Aussage so schwer wiegt

Der emotionale Zusammenbruch der Zeugin steht stellvertretend für die vielen Geschichten der Betroffenen, die im Verlauf dieses Mammutverfahrens deutlich werden. Wo Zahlen und Paragrafen dominieren, bringen persönliche Stimmen die menschliche Dimension zurück in den Mittelpunkt. Der Moment im Saal zeigte, wie tief die Narben sitzen – und wie wichtig es für die Betroffenen ist, gehört zu werden.

Der Prozess offenbart zugleich die enorme Herausforderung, einen Anschlag dieser Tragweite aufzuarbeiten. Zeugenaussagen, Sicherheitsfragen, psychologische Einschätzungen und juristische Bewertungen greifen ineinander. Es ist ein Verfahren, das nicht nur Schuld klären soll, sondern auch ein öffentliches Bedürfnis nach Verständnis, Einordnung und Gerechtigkeit trägt.

Ein Augenblick, der bleibt

Die Tränen der Zeugin haben sich in das Gedächtnis vieler Prozessbeobachter eingeschrieben. Sie machten schmerzlich bewusst, wie nah der 20. Dezember 2024 bei allen Betroffenen noch immer ist. Während das Gericht in den kommenden Monaten weiter über die Tat, die Verantwortung und das Motiv des Angeklagten beraten wird, erinnert dieser Moment daran, dass hinter jedem juristischen Aktenzeichen ein menschliches Schicksal steht – und eine Geschichte, die weiterwirkt.

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Über den Autor

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Ich bin im Herzen des Harzes aufgewachsen; Diese mystische und sagenumwobene Region inspirierte mich schon früh. Heute schreibe ich aus Leidenschaft, wobei ich die Geschichten und Legenden meiner Heimat in meinen Werken aufleben lasse. Der Harz ist nicht nur meine Heimat, sondern auch meine Muse.