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Harz-Kommunen stoppen Fusionspläne – Bürger entscheiden sich für Identität und lokale Verantwortung

Bad Sachsa, 08. Juni 2025, 09:00 Uhr

Die geplante Dreier-Fusion der Städte Bad Sachsa, Walkenried und Bad Lauterberg im niedersächsischen Südharz ist endgültig vom Tisch. Nach Bürgerentscheiden in Bad Sachsa und Walkenried haben sich die Einwohner mehrheitlich gegen die Zusammenlegung ausgesprochen. Der Fall ist ein bemerkenswertes Beispiel für gelebte Demokratie auf kommunaler Ebene – und zeigt gleichzeitig, wie wichtig lokale Identität, Naturschutz und kulturelles Erbe für kleine Gemeinden sein können.

Hintergrund: Warum die Fusion ins Gespräch kam

Bereits seit 2017 gab es konkrete Überlegungen, die drei Städte im Südharz zu einer Einheitsgemeinde zusammenzuführen. Zuvor war 2014 bereits ein erster Anlauf gescheitert. Die Gemeinde Walkenried war sogar 2016 in eine Einheitsgemeinde umgewandelt worden, um künftig fusionsfähig zu sein. Die Motivation hinter den Fusionsplänen: effizientere Verwaltung, Bündelung von Infrastrukturprojekten und eine stärkere Position bei der Beantragung von Fördermitteln.

Doch dieser technokratische Blick auf Verwaltungsstrukturen stieß bei den Bürgerinnen und Bürgern auf Widerstand. Zu groß war die Sorge, dass die jeweiligen Eigenheiten und historischen Strukturen der Orte verloren gehen könnten.

Der Bürgerentscheid in Bad Sachsa: Ein deutliches Votum

Im Sommer 2020 stimmten die Bürgerinnen und Bürger von Bad Sachsa über die Dreier-Fusion ab. Es war der erste Bürgerentscheid in der Geschichte der Stadt – und er wurde pandemiebedingt ausschließlich per Briefwahl durchgeführt. Die Wahlbeteiligung lag bei 51,95 Prozent – ein beachtlicher Wert für eine Kommunalabstimmung.

55,6 Prozent der Wählerinnen und Wähler lehnten die Fusion ab. Damit wurde nicht nur ein klares Votum abgegeben, sondern auch das gesetzlich erforderliche Quorum erfüllt. Die Entscheidung war verbindlich. Der Stadtrat beendete daraufhin nicht nur die Gespräche mit Bad Lauterberg, sondern auch mit Walkenried.

„Die Bürger haben gesprochen – und sie wollen ihre Selbstständigkeit bewahren. Das ist ein Auftrag an die Politik, das zu respektieren.“

Auch Walkenried sagt Nein

Im Februar 2021 fand auch in Walkenried ein Bürgerentscheid statt – mit einem noch deutlich klareren Ergebnis. Rund 65 Prozent der Wahlberechtigten nahmen an der Abstimmung teil. 78,6 Prozent von ihnen lehnten eine Fusion mit Bad Lauterberg ab. Damit war auch der letzte mögliche Zweierzusammenschluss vom Tisch.

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In Bad Lauterberg gab es zwar Überlegungen für eine Fusion mit Walkenried, doch konkrete Bürgerbefragungen oder Entscheidungen sind bislang nicht öffentlich dokumentiert. Klar ist jedoch: Die Ablehnung in den Nachbarkommunen ließ eine Fusion als politische Option obsolet erscheinen.

Warum die Bürger Nein sagten

Die Argumente gegen die Fusion waren vielfältig – und sie reichen weit über bürokratische Zuständigkeiten hinaus.

1. Identitätswahrung

Bad Sachsa, Walkenried und Bad Lauterberg verfügen über eine starke lokale Identität. Jede dieser Kommunen besitzt eine lange Geschichte, spezifische Traditionen und eine gewachsene Bürgerkultur. Die Vorstellung, dass all dies unter dem Dach einer neuen Großgemeinde aufgegeben werden könnte, stieß bei vielen Bürgern auf Widerstand.

2. Natur- und Kulturschutz

Die Region ist geprägt von der Gipskarstlandschaft im Südharz, einem europaweit bedeutsamen Naturraum. Zahlreiche Naturschutzgebiete und Wanderwege wie der Karstwanderweg oder der Harzer Baudensteig durchziehen das Gebiet. Viele Bürger sehen den Schutz dieser Landschaft als kommunale Aufgabe, die nicht durch zentralisierte Strukturen verwässert werden sollte.

3. Kulturhistorisches Erbe

Bad Sachsa ist nicht nur Kurstadt, sondern auch ein Ort mit besonderer Geschichte. Die NS-Vergangenheit, das Grenzlandmuseum zur innerdeutschen Grenze und viele lokale Museen gehören zur kulturellen DNA der Stadt. Bürgerinitiativen betonten, dass solche Themen lokal verankert bleiben sollten – nicht verwaltet durch eine übergeordnete Bürokratie.

4. Bürgernähe und Demokratie

Studien zeigen, dass größere Verwaltungseinheiten häufig mit einem Rückgang politischer Beteiligung einhergehen. Die Bürger fühlen sich weniger gehört, das Interesse an lokaler Politik sinkt. Gerade in einer Zeit, in der das Vertrauen in demokratische Prozesse gestärkt werden muss, wollten viele Bürger keine anonyme Großstruktur.

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Alternative Perspektiven: Was die Befürworter wollten

Die Gegner hatten viele gute Argumente – doch auch die Befürworter der Fusion führten rationale Punkte ins Feld:

  • Bessere Nutzung von Fördermitteln, z. B. im Bereich Klimaschutz
  • Optimierung von Verwaltung und Doppelfunktionen
  • Stärkere Position bei der Infrastrukturentwicklung, etwa Bahnanschlüsse oder Digitalisierung
  • Synergieeffekte bei Schulen, Kitas und Pflegeeinrichtungen

Insbesondere bei Klimaförderprogrammen sahen Fachleute in einer gemeinsamen Verwaltung größere Chancen, um Projekte wie E-Ladestationen oder nachhaltige Verkehrsmodelle umzusetzen.

Zwischen Modellregion und Mahnmal

Der Fall Südharz steht exemplarisch für ein Dilemma vieler ländlicher Regionen: Auf der einen Seite steht der Wunsch nach Effizienz, Modernisierung und Zentralisierung. Auf der anderen Seite das Bedürfnis nach Nähe, Vertrautheit und regionaler Selbstbestimmung.

Die Ablehnung der Fusion kann als Warnsignal gewertet werden: Bürger wollen bei tiefgreifenden Entscheidungen gehört werden – und ihre Entscheidung muss respektiert werden. Die hohe Beteiligung an den Bürgerentscheiden zeigt, wie ernst das Thema genommen wurde.

Starke soziale Strukturen als Rückgrat

Bemerkenswert ist zudem, wie stark die sozialen Strukturen in den Gemeinden wirken. Sportvereine, Musikkapellen, Seniorenangebote, ehrenamtliches Engagement – all das bildet das Rückgrat kommunaler Identität. Besonders im Bereich Freizeitsport und Eishockey gibt es in der Region eine sehr aktive Szene.

Befürchtungen, dass eine Fusion diese Strukturen in größere Einheiten überführen und dadurch schwächen könnte, haben viele Menschen zusätzlich motiviert, sich zu engagieren.

Der Blick nach vorn: Was nun?

Nach der gescheiterten Fusion stehen die drei Kommunen vor der Herausforderung, ihre Zusammenarbeit neu zu definieren. Ein kompletter Zusammenschluss ist vom Tisch – doch interkommunale Kooperation bleibt möglich und notwendig.

Folgende Modelle sind denkbar:

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Kooperationsmodell Merkmale Vorteile
Verwaltungsgemeinschaft Eigenständige Gemeinden mit gemeinsamem Verwaltungsapparat Kosteneffizienz bei Wahrung kommunaler Identität
Zweckverband Zusammenarbeit in einzelnen Aufgabenfeldern (z. B. Abwasser, Energie) Flexibilität, niedriger organisatorischer Aufwand
Projektbezogene Zusammenarbeit Gemeinsame Projekte mit befristeter Kooperation Individuelle Steuerung, klare Zielvorgaben

Fazit

Die Bürger von Bad Sachsa, Walkenried und Bad Lauterberg haben gezeigt, dass lokale Demokratie funktioniert – wenn sie zugelassen wird. Sie haben sich nicht gegen Fortschritt entschieden, sondern für ihre Verantwortung vor Ort. Die politische Aufgabe wird nun darin bestehen, neue Wege der Zusammenarbeit zu finden, die sowohl effizient als auch bürgernah sind.

In einer Zeit, in der viele Regionen mit Bevölkerungsschwund, Fachkräftemangel und Haushaltsengpässen kämpfen, ist dies ein deutliches Signal: Lösungen müssen von unten wachsen – nicht von oben verordnet werden.

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Über den Autor

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Ich bin im Herzen des Harzes aufgewachsen; Diese mystische und sagenumwobene Region inspirierte mich schon früh. Heute schreibe ich aus Leidenschaft, wobei ich die Geschichten und Legenden meiner Heimat in meinen Werken aufleben lasse. Der Harz ist nicht nur meine Heimat, sondern auch meine Muse.