
Osterode am Harz, 26. November 2025. Der Novemberwind pfeift durch die Buchenkronen des Stadtwaldes, Hunde bellen in der Ferne, dann knallt es – laut und trocken. An zwei Freitagen im November und Dezember verwandelt sich das beliebte Naherholungsgebiet in ein Jagdrevier. Wer dann ohne Warnweste oder ohne die Sperrungen zu beachten unterwegs ist, begibt sich in echte Gefahr.
Die Stadt Osterode am Harz hat offiziell bekannt gegeben, dass am 28. November 2025 und am 12. Dezember 2025 zwei große Drückjagden im Stadtwald stattfinden. Bei diesen Bewegungsjagden arbeiten Treiber und stöbernde Hunde zusammen, um Rehe, Rothirsche und Wildschweine aus dem Unterholz zu drücken und den Schützen zuzutreiben.
Was genau passiert an diesen beiden Tagen?
Beide Drückjagden beginnen früh morgens und dauern den ganzen Tag. In den betroffenen Waldabschnitten werden Wege und Flächen temporär gesperrt. Schilder mit der Aufschrift „Achtung! Drückjagd – Betreten verboten!“ markieren die Gefahrenzonen. Die Stadt bittet ausdrücklich darum, diese Sperrungen aus Sicherheitsgründen strikt einzuhalten. „Diese Jagden dienen der Regulierung der Wildbestände, heißt es seitens der Pressestelle der Stadt Osterode.
Die Maßnahme ist keine Laune einzelner Jäger, sondern notwendig: Im Nationalpark Harz und den umliegenden Revieren werden jährlich etwa 1.500 Rothirsche abgeschossen, um den Bestand unter 0,5 Tieren pro 100 Hektar zu halten. Ohne diese Eingriffe entstehen durch Überweidung und Verbiss Schäden von 20 bis 30 Prozent an jungen Bäumen – und in ganz Niedersachsen verursacht das Wild jährlich rund 20 Millionen Euro Schaden in Land- und Forstwirtschaft.
Welche Gefahren drohen Spaziergängern und Wanderern wirklich?
Viele Menschen fragen sich: Wie gefährlich ist eine Drückjagd im Harz eigentlich für Nicht-Jäger? Die Antwort ist ernüchternd. In Foren und auf Reddit berichten Jäger selbst von Situationen, in denen Schüsse nur knapp daneben gingen, weil jemand vergessen hatte zu entladen oder ein Geschoss abprallte. Wanderer, die trotz Sperrung unterwegs waren, wurden bereits angeschossen. Besonders in dichtem Wald oder bei Nebel steigt das Risiko, dass ein Projektil unkontrolliert weiterfliegt.
Ein Jäger schrieb in einem großen deutschen Jagd-Forum: „Drückjagd. Ich war Hundeführer und höre wie die Hunde laut geben. Kurz darauf knallt es … Der gute hatte nicht unterladen und beim durch den Busch klettern löste sich ein Schuss der ganz knapp am Ohr vorbei ging.“ Solche Berichte sind keine Einzelfälle.
Praktische Sicherheitstipps für Waldbesucher
- Meiden Sie den Stadtwald Osterode an den beiden Freitagen komplett
- Tragen Sie – falls Sie doch unterwegs sind – auffällige, signalrote oder orangefarbene Kleidung
- Halten Sie sich strikt an markierte Wege außerhalb der Sperrzonen
- Nutzen Sie Apps oder die Homepage der Stadt Osterode, um aktuelle Jagdtermine zu prüfen
- Bei Schussgeräuschen sofort umkehren und den Wald verlassen
Warum überhaupt Drückjagden – und gibt es Kritik?
Die offizielle Begründung ist klar: Ohne aktive Bestandsregulierung würde der Wald im Harz keine Chance auf natürliche Verjüngung haben. Buche, Tanne und Eiche werden systematisch verbissen. Gleichzeitig halten manche Jäger durch Winterfütterung die Bestände künstlich hoch, um höhere Pachterlöse zu erzielen – eine Praxis, die in Naturschutzkreisen scharf kritisiert wird. Der Forstexperte Franz Jose F. Adrian formuliert es so: „Bei den hohen Wildpachtzinsen haben die Jäger ein Interesse, einen hohen Wildbestand zu haben und diesen auch so hoch wie möglich zu halten.“
Alternative Stimmen fordern die Wiederansiedlung natürlicher Prädatoren wie Luchs oder Wolf, um das Gleichgewicht ohne menschliche Drückjagden herzustellen. Doch im Stadtwald Osterode bleibt die Bewegungsjagd vorerst das Mittel der Wahl.
Auswirkungen auf die Natur im Harz
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Wo der Wildbestand zu hoch ist, liegen die Verbissschäden bei 20 bis 30 Prozent. Nur durch konsequente Jagd können sich wieder Laub- und Mischwälder entwickeln, die dem Klimawandel besser standhalten. Gleichzeitig bedeutet jede Drückjagd Stress und Lärm für alle Waldbewohner – auch für die Erholungsuchenden, die den Harz eigentlich wegen seiner Ruhe schätzen.
Was Sie jetzt tun sollten
Wer am 28. November oder 12. Dezember 2025 einen Spaziergang plant, findet in Osterode und Umgebung zahlreiche Alternativen: Die Innenstadt, der Sösetalsperre-Rundweg oder die Indoor-Angebote der Tourist-Information sind an diesen Tagen die sichere Wahl.
Ein Wald zwischen Erholung und Notwendigkeit
Der Stadtwald Osterode ist für viele Bürgerinnen und Bürger das grüne Wohnzimmer vor der Haustür. Zweimal im Jahr jedoch zeigt er sein anderes Gesicht – laut, gefährlich und kompromisslos. Die Drückjagden 2025 erinnern uns daran, dass Naturerholung und Naturschutz manchmal unvereinbar scheinen. Wer die Sperrungen respektiert, schützt nicht nur sich selbst, sondern trägt auch dazu bei, dass der Harz langfristig ein gesunder und vielfältiger Lebensraum bleibt – für Mensch und Wild gleichermaßen.







