Ein breites Bündnis aus Kultur, Architektur, Design, Handwerk und Kirchen stellt sich mit dem „Bauhaus-Manifest 2026“ hinter Kunstfreiheit, Offenheit und die Unabhängigkeit kultureller Einrichtungen. Die Erklärung erinnert an die nationalsozialistische Bekämpfung des Bauhauses und fällt zugleich in eine intensive kulturpolitische Debatte in Sachsen-Anhalt. Auch für den Harz ist sie Teil einer landesweiten Auseinandersetzung darüber, wie unabhängig Kulturinstitutionen von politischen Mehrheiten arbeiten sollen.
Dessau, 21. August 2026. Hundert Jahre nach dem Neustart des Bauhauses in Dessau rückt seine Geschichte erneut ins Zentrum einer politischen Debatte. Mit dem „Bauhaus-Manifest 2026“ haben Vertreter zahlreicher Kultur-, Architektur-, Design- und Handwerksorganisationen sowie der Kirchen ein gemeinsames Bekenntnis zu Kunstfreiheit, internationaler Offenheit und institutioneller Unabhängigkeit veröffentlicht.
Initiiert wurde das Bauhaus-Manifest von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Nach Angaben von KulturPort unterstützen unter anderem die Akademie der Künste, die Bundesarchitektenkammer, die Deutsche UNESCO-Kommission, der Deutsche Kulturrat, der Deutsche Museumsbund und der Deutsche Städtetag die Erklärung. Auch Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche stehen hinter dem Manifest.
Der historische Bezug ist bewusst gewählt. Das Bauhaus-Manifest erinnert an die Anfeindungen, denen die Kunstschule durch Nationalsozialisten ausgesetzt war, und verbindet diese Erinnerung mit einem aktuellen kulturpolitischen Anspruch. Kulturelle Einrichtungen sollen unabhängig von parteipolitischen Interessen arbeiten können. Zugleich wendet sich das Bündnis gegen kulturfeindlichen Nationalismus und betont die Bedeutung einer offenen, international vernetzten Kulturlandschaft.
Für den Harz liegt die Bedeutung des Themas vor allem in seinem landespolitischen Rahmen: Die Auseinandersetzung beschränkt sich nicht auf Dessau, sondern betrifft die grundsätzliche Ausrichtung der Kulturpolitik in Sachsen-Anhalt.
Bauhaus-Jubiläum in Dessau – eine Debatte für Sachsen-Anhalt und den Harz
Anlass für die Erklärung ist das 100-jährige Jubiläum des Bauhauses in Dessau. Die 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründete Hochschule bezog 1926 ihren neuen Standort in der damaligen Industriestadt. Dort entstand mit dem Bauhausgebäude eines der bekanntesten Bauwerke der klassischen Moderne und ein Symbol für eine Schule, die Architektur, Kunst, Gestaltung und Handwerk enger zusammenführen wollte.
Die politische Geschichte des Bauhauses ist allerdings komplexer, als es die verkürzte Formel einer Vertreibung durch das NS-Regime vermuten lässt. Der Druck auf die Schule begann Jahre vor der nationalsozialistischen Machtübernahme im Deutschen Reich. In Weimar führten veränderte politische Mehrheiten und finanzielle Kürzungen bereits Mitte der 1920er Jahre dazu, dass das Bauhaus Thüringen verließ.
| Jahr | Ort | Entwicklung |
|---|---|---|
| 1919 | Weimar | Gründung des Staatlichen Bauhauses unter Walter Gropius |
| 1926 | Dessau | Eröffnung des neuen Bauhausstandorts |
| 1932 | Dessau | Beschluss zur Schließung auf Antrag der NSDAP-Fraktion |
| 1933 | Berlin | Endgültige Auflösung unter nationalsozialistischem Druck |
Die Schließung in Dessau kam noch vor Hitlers Machtübernahme
Besonders deutlich zeigt sich die politische Zuspitzung in Dessau. Am 22. August 1932 beschloss der Gemeinderat die Schließung des Bauhauses zum 1. Oktober. Der Antrag kam von der NSDAP-Fraktion. Adolf Hitler war zu diesem Zeitpunkt noch nicht Reichskanzler, die Nationalsozialisten hatten in Anhalt jedoch bereits erheblichen politischen Einfluss gewonnen.
Unter Ludwig Mies van der Rohe wurde das Bauhaus anschließend als private Schule in Berlin weitergeführt. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 verschärfte sich der Druck auf die Einrichtung. Noch im selben Jahr löste sie sich endgültig auf.
Die Aussage des Bauhaus-Manifests, die Institution sei nationalsozialistischen Anfeindungen ausgesetzt gewesen, ist historisch damit klar belegt. Zu kurz greifen würde allerdings die Annahme, der gesamte politische Konflikt um das Bauhaus habe erst 1933 begonnen. Der Niedergang der Schule verlief über mehrere Stationen – vom politischen Druck in Weimar über die NSDAP-getriebene Schließung in Dessau bis zum endgültigen Ende in Berlin.
Das Wichtigste in Kürze
Das Bauhaus-Manifest 2026 verbindet das 100-jährige Dessauer Jubiläum mit einem Bekenntnis zu Kunstfreiheit, Offenheit und unabhängigen Kulturinstitutionen. Die Erklärung steht zugleich im Kontext einer landesweiten kulturpolitischen Debatte in Sachsen-Anhalt, die für den Harz mit relevant ist.
- Wo?
- Anlass für die Erklärung ist das 100-jährige Jubiläum des Bauhauses in Dessau.
- Was ist bestätigt?
- Bereits im Oktober 2024 brachte die AfD-Fraktion im Landtag einen Antrag mit dem Titel „Irrweg der Moderne – für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Bauhaus“ ein.
- Was ist bestätigt?
- Der Antrag wurde abgelehnt.
Kulturpolitik in Sachsen-Anhalt unter besonderer Beobachtung
Die Veröffentlichung des Bauhaus-Manifests ist nicht nur ein Beitrag zum Jubiläumsjahr. Sie fällt in eine Phase, in der die Kulturpolitik in Sachsen-Anhalt selbst zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen geworden ist.
Bereits im Oktober 2024 brachte die AfD-Fraktion im Landtag einen Antrag mit dem Titel „Irrweg der Moderne – für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Bauhaus“ ein. Der Antrag wurde abgelehnt. Das Bauhaus-Manifest 2026 nennt die AfD nicht ausdrücklich. Dennoch gehört diese Debatte zum politischen Hintergrund, vor dem die Erklärung wahrgenommen wird.
Auch im Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt für 2026 spielt Kulturpolitik eine hervorgehobene Rolle. Die Partei kündigt darin eine „patriotische Kulturpolitik“ an. Die bisherige Landesmarke „#moderndenken“, die eng mit dem Selbstbild Sachsen-Anhalts als Land der Moderne verbunden ist, soll nach den Vorstellungen der Partei durch „#deutschdenken“ politisch neu akzentuiert werden.
Kulturinstitutionen hatten schon im Frühjahr Position bezogen
Der Konflikt um die kulturelle Ausrichtung des Landes schwelt nicht erst seit der Veröffentlichung des Bauhaus-Manifests. Bereits im April 2026 warnten mehrere Kulturinstitutionen Sachsen-Anhalts gemeinsam vor einer nationalistisch ausgerichteten Kulturpolitik. Sie wandten sich dagegen, Kunst und Erinnerungsarbeit an politischen Identitätsvorgaben auszurichten.
Das neue Bauhaus-Manifest schließt inhaltlich an diese Grundsatzfrage an. Im Zentrum stehen vier Forderungen:
- die Freiheit des künstlerischen Denkens und Arbeitens zu sichern,
- Kulturinstitutionen vor parteipolitischer Einflussnahme zu schützen,
- internationale Offenheit und kulturellen Austausch zu bewahren,
- die Erinnerung an die politische Bekämpfung des Bauhauses wachzuhalten.
Parallel dazu verabschiedete die Kulturministerkonferenz am 20. August die sogenannte „Dessauer Erklärung“. Auch sie bekennt sich zur Freiheit von Kunst und Meinungsäußerung und richtet sich gegen politische Vorgaben, Sanktionen und Zensur im Kulturbereich. Beide Erklärungen setzen damit ähnliche Akzente, ohne identisch zu sein.
Warum die Debatte auch für die Harzregion relevant ist
Das Bauhaus gehört zu den international bekanntesten kulturellen Marken Sachsen-Anhalts. Zugleich ist es mehr als ein historisches Denkmal. Die Institution steht für einen gesellschaftlichen und ästhetischen Aufbruch, der von Beginn an politischen Widerstand hervorrief. Für die Harzregion ist die aktuelle Auseinandersetzung deshalb vor allem als Teil einer landesweiten Debatte über Kunstfreiheit, Erinnerungskultur und institutionelle Autonomie relevant.
Die Geschichte der Bauhäusler während der NS-Zeit war dabei keineswegs einheitlich. Forschung und Ausstellungen der Klassik Stiftung Weimar weisen darauf hin, dass einzelne ehemalige Angehörige des Bauhauses sehr unterschiedliche Wege gingen. Einige wurden verfolgt oder emigrierten. Andere blieben in Deutschland, arbeiteten weiter oder arrangierten sich mit den politischen Verhältnissen.
Diese Differenzierung relativiert nicht die politische Bekämpfung des Bauhauses als Institution. Sie verhindert vielmehr eine zu einfache Erzählung. Sicher ist: Die Schule verlor unter dem wachsenden Einfluss der Nationalsozialisten zunächst ihren Standort in Dessau und schließlich ihre Existenz in Berlin.
Landtagswahl verstärkt die politische Wirkung
Dass das Bauhaus-Manifest gerade jetzt veröffentlicht wird, erhöht seine politische Aufmerksamkeit. Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Wenige Wochen zuvor gewinnt jedes grundsätzliche Bekenntnis zur Kulturpolitik zusätzliche Bedeutung.
Das Manifest selbst ist keine Wahlempfehlung und nennt keine Partei. Es formuliert vielmehr Prinzipien: Kunstfreiheit, institutionelle Autonomie, Offenheit und die Verpflichtung zur Erinnerung. Gerade deshalb dürfte es in der aktuellen Debatte als politisches Signal gelesen werden.
Das Bauhaus wird damit erneut zum Bezugspunkt einer größeren Frage, die über Dessau hinausweist und auch den Harz als Teil Sachsen-Anhalts betrifft: Welche Rolle sollen öffentliche Kulturinstitutionen in einer Demokratie spielen, und wie unabhängig müssen sie gegenüber politischen Mehrheiten bleiben?
Vom Bauhaus-Jubiläum bis in den Harz: Kulturfreiheit bleibt eine Landesfrage
Das Jubiläum in Dessau zeigt, dass die Geschichte des Bauhauses nicht abgeschlossen ist. Seine Gebäude gehören zum kulturellen Erbe, seine Ideen prägen Architektur und Gestaltung bis heute. Gleichzeitig bleibt die Institution ein Symbol für Konflikte um Moderne, Weltoffenheit und künstlerische Freiheit.
Das Bauhaus-Manifest 2026 greift genau diese Verbindung auf. Es erinnert an die nationalsozialistische Bekämpfung der Schule, ohne die komplizierte Vorgeschichte vollständig auf diesen Abschnitt zu reduzieren. Vor allem aber überträgt es die historische Erfahrung in die Gegenwart: Kultur soll nicht zum Instrument wechselnder parteipolitischer Interessen werden.
Wie stark dieses Signal über das Jubiläumsjahr hinaus wirkt, wird sich in Sachsen-Anhalt erst noch zeigen. Für den Harz bleibt die Frage Teil derselben landesweiten Auseinandersetzung: Das Bauhaus ist im Jahr seines 100. Dessauer Jubiläums nicht nur Gegenstand der Erinnerung, sondern erneut ein politischer Bezugspunkt in der Kulturdebatte Sachsen-Anhalts.
Mehr zum Thema: museum.


















